Ärzte Zeitung, 08.06.2009

Ohne Vorauszahlung keine Klinik-Behandlung

Wer nicht in der Lage ist, vor dem Gang ins Krankenhaus eine Vorab-Pauschale zu überweisen, hat in US-Kliniken oft schlechte Karten. Der Grund: Viele Häuser sitzen auf unbezahlten Rechnungen.

Von Claudia Pieper

US-Krankenhäuser scheinen es leid zu sein, auf unbezahlten Rechnungen sitzen zu bleiben. Einige haben im vergangenen Jahr Schlagzeilen gemacht, weil sie von Patienten hohe Vorauszahlungen verlangten.

"Cash before Chemo: Hospitals Get Tough" war zum Beispiel der aufsehenerregende Titel eines Beitrags in Wall Street Journal, der den Fall einer 52-jährigen Leukämiepatientin beschrieb. Sie hatte sich im Jahr 2006 um Behandlung in dem renommierten Krebskrankenhaus M.D. Anderson in Texas bemüht. Das Krankenhaus befand ihre Versicherung jedoch als unzureichend (die Police sah eine maximale jährliche Auszahlung von 37 000 Dollar vor) und verlangte zunächst 105 000 Dollar für diagnostische und therapeutische Maßnahmen vorab. Obwohl das Hospital später von diesen hohen Zahlen abrückte, klagte die Patientin über einen andauernden Kampf mit den Geldeintreibern des Krankenhauses während ihrer Behandlung.

Ähnlich ging es einem pensionierten Landschaftsdesigner, dessen Misere im vergangenen Sommer im "AARP Bulletin" beschrieben wurde: Auch er hatte eine Krebsdiagnose erhalten und war zu einem Spezialkrankenhaus überwiesen worden. Dort wurde ihm gesagt, dass eine Vorauszahlung von 20 000 Dollar Voraussetzung für seine Behandlung sei. Da der Patient seine Lebensersparnisse für die Krebsbehandlung seiner inzwischen gestorbenen Exfrau aufgebraucht hatte, war er nicht in der Lage, diese Summe aufzubringen. Zum Zeitpunkt des Beitrags wußte er bereits seit einem Vierteljahr von seiner Krebserkrankung, hatte aber noch keine Behandlungsalternative gefunden.

Obwohl die genannten Beispiele Einzelschicksale darstellen und bisher statistisch nicht erwiesen ist, wieviele Menschen von solchen Maßnahmen betroffen sind, gibt es doch Hinweise auf einen Trend: So hat zum Beispiel die US-Steuerbehörde im Jahr 2006 zum ersten Mal Non-Profit-Krankenhäuser nach ihren Rechnungsgeflogenheiten befragt. Dabei ergab sich, dass immerhin 14 Prozent der 481 antwortenden Krankenhäuser Vorauszahlungen verlangten oder zumindest vorab den Abschluß eines Ratenzahlungsvertrags forderten.

Eine informelle Umfrage unter 22 Krankenhäusern in Florida ergab, dass alle Vorauszahlungen für sogenannte elektive Operationen verlangen, berichtete die Tageszeitung South Florida Sun-Sentinel.

Das Vorauszahlungsdilemma ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass das amerikanische Gesundheitswesen dringend sanierungsbedürftig ist. Zunehmend Probleme bekommen Menschen, die zwar versichert sind, deren Policen aber Zuzahlungen verlangen, die sie bei ernster Krankheit finanziell überfordern.

American Cancer Society verzeichnet Hilferufe von Patienten in Not.

Die Folge ist ein Anstieg unbezahlter Rechnungen, die wiederum Leistungsanbieter in prekäre Situationen versetzen. Laut der American Hospital Association blieben US-Krankenhäuser im Jahr 2006 auf rund 31,2 Milliarden Dollar unbezahlten Rechnungen sitzen - was im Vergleich zum Jahr 2000 einem Anstieg von 44 Prozent entsprach.

Die Krankenhäuser sind zwar legal verpflichtet, Notfälle ohne Rücksicht auf Versicherungsstatus zu behandeln. Doch wo es nicht unmittelbar um Leben und Tod geht, gehen die Leistungsanbieter eine Gratwanderung zwischen betriebswirtschaftlichen und humanitären Erwägungen. Kostspielige Karzinombehandlungen und -operationen gelten in der Regel als elektiv, obwohl eine Verzögerung die Lebenserwartung der Patienten dramatisch verkürzen kann.

Es sei sinnvoll, mit den Patienten im voraus über finanzielle Verpflichtungen zu reden, meinte ein Vertreter des M.D. Anderson Cancer Centers. Nicht nach, sondern vor der Behandlung seien die Patienten in diesem Punkt "aufnahmebereit". Arme Patienten behandele das Krankenhaus nach wie vor oft umsonst, hieß es.

Mittellos oder nicht - die American Cancer Society sagt, sie habe in letzter Zeit mehr Anrufe von ratsuchenden Patienten erhalten, die mit hohen Vorauszahlungen konfrontiert sind.

"Meine größte Befürchtung ist, daß es hier eine nicht zu vernachlässigende Anzahl von Menschen gibt, die Krebs haben, aber nicht behandelt werden - meistens aus finanziellen Gründen", sagte Otis Brawley, Chief Medical Officer, zum Wall Street Journal.

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