Ärzte Zeitung, 05.06.2009

Ein gigantischer Gesundheitsmarkt ohne Grenzen

Europa bietet Chancen - etwa für junge deutsche Ärzte, die in jedem anderen Land der EU arbeiten können. Zugleich macht Europa aber auch skeptisch: Viele Bürger befürchten, dass eine Harmonisierung der Gesundheitssysteme auf Dauer unvermeidlich ist.

Von Christoph Fuhr

Europäische Union im Aufwind: Fahnen vor dem EU-Gebäude in Brüssel.

Foto: Imago

480 Millionen potenzielle Patienten in 27 Ländern - ein Gesundheitsmarkt, der gigantischer kaum sein könnte: Junge Ärzte haben in Europa viele Chancen. Die Europäische Union erkennt seit Jahrzehnten gegenseitig Abschlüsse an, das erlaubt ärztliches Arbeiten in allen EU-Staaten.

In den nächsten Jahren soll kräftig die Werbetrommel gerührt werden, um den Austausch von Arbeitskräften über Grenzen weiter zu forcieren. EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou hat eine Initiative gestartet, die die Freizügigkeit der Gesundheitsberufe fördern soll mit dem Ziel, Fachkräftemangel in einzelnen Ländern abzubauen. Die EU-Mitgliedstaaten sollen darüber hinaus mehr in die Aus-, Weiter- und Fortbildung im Gesundheitswesen investieren, so die Hausaufgabe aus Brüssel.

Welche Aufgaben in Sachen Gesundheit hat eigentlich die EU? Das EU-Vertragswerk regelt, dass sie bei allen Gemeinschaftsaktivitäten ein hohes Niveau des Gesundheitsschutzes sicherzustellen hat - ein Auftrag, der sich auf alle Politikfelder bezieht.

Gesundheitspolitische Ziele sind laut Vertrag unter anderen die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung, die Verhütung von Humanerkrankungen und die Beseitigung von Ursachen, die die menschliche Gesundheit gefährden. Diese Aufgaben werden in der politischen Diskussion nicht in Frage gestellt. Kontrovers diskutiert wird aber häufig die These, dass auf Dauer eine Harmonisierung der EU-Gesundheitssysteme nicht zu vermeiden sei. Fakt ist: Es gibt ein gravierendes ökonomisches Gefälle zwischen den Mitgliedsstaaten, das große Unterschiede im Niveau der Absicherung des Krankheitsrisikos zur Folge hat.

Die Regelung des EU-Vertrags ist eindeutig: Was auch immer die EU an Aktivitäten mit Blick auf eine bessere Gesundheitsversorgung entwickelt, "die Verantwortung der Mitgliedsstaaten für die Organisation des Gesundheitswesens und der medizinischen Versorgung", heißt es im Vertrag, werde "in vollem Umfange gewahrt".

Gerhard Danner, Vize-Direktor der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung in Brüssel, hat erst vor kurzem noch einmal unmissverständlich klargestellt, dass die EU kein eigenes Gesundheitssystem benötige. "Die sozialen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind viel zu groß", sagt er, "als Entscheidungsebene ist die EU dafür auch viel zu weit weg vom Volk." Kein Zweifel: das Thema Harmonisierung wird auch im neuen EU-Parlament ein Dauerbrenner bleiben.

 

"Man braucht Mut, aber es lohnt sich"

Frank Böhle ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie. Er pendelt seit fünf Wochen von Meerbusch nach Venraj in den Niederlanden.

Foto: privat

Ich arbeite erst seit fünf Wochen als Psychiater in der Suchtbehandlung in den Niederlanden, kann aber bereits sagen, dass ich mich hier sehr wohl fühle. Vorher habe ich mich zum Beispiel auch für eine Oberarztstelle in Köln interessiert. Da wäre es mir aber nicht erlaubt gewesen, 55 Kilometer von meinem Wohnort zu pendeln. Jetzt fahre ich 75 Kilometer bis zu meinem Arbeitsort Venraj.

Für die Niederländer ist das kein Problem. Ich verdiene hier im Vergleich zu einem deutschen Oberarzt deutlich mehr, aber in den Niederlanden kennt man diese Hierarchien nicht. Man arbeitet auf Facharztebene kollegial zusammen.Von administrativen Tätigkeiten sind Ärzte nahezu befreit. Gearbeitet wird in freundlicher Atmosphäre in multiprofessionellen Teams, in denen sehr großer Wert auf Informationsaustausch gelegt wird.

Das geht deutschen Kollegen sogar manchmal zu weit. Pro Jahr habe ich ein Fortbildungsbudget von 4000 Euro. Ich habe schon die erste Fortbildung beantragt und eine positive Resonanz bekommen. Die Suchttherapie ist in den Niederlanden ganz anders organisiert als in Deutschland. Es gibt deutlich mehr ambulante Angebote und die Zeit bis zu einer stationären Suchttherapie wird mit professionellen Angeboten überbrückt. (chb)

 

"Hier gibt es keine Einzelkämpfer"

Carsten Grimm ist Facharzt für Allgemeinmedizin und arbeitet seit einigen Jahren in Shipley in West-Yorkshire. Er ist mit einer englischen Neurologin verheiratet und Vater einer kleinen Tochter.

Foto: privat

Ich habe es nie bereut, nach England gegangen zu sein. Zwischenzeitlich habe ich in Australien als Arzt gearbeitet und auch da hat es mir sehr gut gefallen. Im Laufe meiner gesamten Facharztausbildung bin ich nicht ein einziges Mal von einem mir vorgesetzten Arzt angebrüllt worden. Fragen von jungen Ärzten an ältere sind selbstverständlich.

Man wundert sich hier eher, wenn junge Ärzte keine Fragen stellen. Wir arbeiten mit sechs Allgemeinmedizinern in einer Praxis zusammen. Das Verhältnis ist sehr kollegial. Hier gibt es keine Einzelkämpfer. Wenn ich einmal meine Tochter aus dem Kindergarten abholen muss, weil sie krank ist, ist es selbstverständlich, dass ich den Rest des Tages zu Hause bleibe und Kollegen meine Arbeit übernehmen. Ich habe eine 40-Stunden-Woche, verdiene ganz gut und habe als angestellter Arzt mit den Abrechnungen nichts zu tun.

So kann ich mich ganz auf die Medizin konzentrieren. Vieles funktioniert meiner Meinung nach im englischen Gesundheitssystem besser als im deutschen. Der National Health Service ist voll steuerfinanziert. Jeder hat Zugang zur medizinischen Versorgung, egal wer er ist und was er ist. Falls ich eine bösartige Erkrankung vermute, ist ein Termin beim Facharzt ist innerhalb von zwei Wochen garantiert. (chb)

 

"Meine spanische Approbation ist hier gültig"

Dr. Ruth Gomez-Dominguez aus Barcelona ist zur Zeit Assistenzärztin in der Gynäkologie der Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden.

Foto: privat

In Spanien bekommen wir zwar mit dem abschließenden Staatsexamen unsere ärztliche Approbation. Die Stellen für die Facharztausbildung werden jedoch je nach Platzierung in einem landesweiten Wettbewerb vergeben, dessen Vorbereitung mindestens ein halbes Jahr in Anspruch nimmt. Ich wollte lieber die Möglichkeit nutzen, im Ausland zu arbeiten, als dann für die gynäkologische Weiterbildung in ein spanisches Provinzkrankenhaus geschickt zu werden.

In Deutschland ausgebildete Ärzte sind in Spanien hoch angesehen, deshalb fiel meine Wahl auf Deutschland. Die spanische Approbation ist hier ohne weiteres gültig. Ich promovierte zuerst an der Universitätklinik Gießen und bin jetzt Assistenzärztin in der Gynäkologie an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden.

Für nächstes Jahr plane ich meine Facharztprüfung. Dann kann ich als fertige Gynäkologin auch wieder in Spanien zu arbeiten. Ob ich zurück gehe, habe ich noch nicht entschieden. Verglichen mit Spanien ist der gynäkologische Alltag in Deutschland eine harte Schule und die Arbeitsbelastung ist hoch. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Der Vorteil: Man lernt sehr schnell Verantwortung zu tragen. (skh)

 

"Meckern verdirbt die Laune und bringt nichts"

Dr. Stefan Käshammer hat als Arzt in Schweden gearbeitet. Zur Zeit ist er Assistenzarzt in der Nuklearmedizin der Uniklinik Mainz. Das Heimweh zog ihn trotz vieler positiver Erfahrungen zurück nach Deutschland.

Foto: privat

Meine ersten Schritte im Klinikalltag habe ich als Assistenzarzt im schwedischen Helsingborg getan. Mit deutscher Approbation bekommt man ohne weiteres auch eine schwedische. Mein Fazit nach sechs Monaten in der Notaufnahme: An Geld fehlt es wie im deutschen auch im schwedischen Gesundheitssystem.

Die Folgen sind lange Wartezeiten und Einschränkungen der Kassenleistungen. Doch müssen alle Beteiligten die damit verbundenen Belastungen gleichermaßen schultern. Priorisierungen von Gesundheitsleistungen etwa sind in Schweden seit Jahren etabliert und akzeptiert. Das gesparte Geld hält das System am Leben, die Einsparung von Arbeitszeit schützt Ärzte und Pflegepersonal vor Überstunden und unmenschlicher Arbeitsverdichtung. Dadurch bleibt mehr Luft und unterm Strich auch mehr Zeit für die Patienten, wovon wiederum die Patienten profitieren.

Ein weiterer Pluspunkt: In Schweden scheinen sich fast alle einig zu sein, dass meckern nur die Laune verdirbt und niemandem etwas bringt. Das erleichtert den Umgang und die Arbeit ungemein. Warum ich zurück nach Deutschland wollte? Es war das Heimweh und der Wunsch, etwas von meinen positiven Erfahrungen aus dem Norden hier umzusetzen. (skh)

Lesen Sie dazu auch:
"Priorisierung schützt Ärzte und Pflegepersonal!"

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Im Sog der Harmonisierung

 

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