Ärzte Zeitung, 09.12.2009
"Der Klimawandel ist die größte globale Gesundheitsbedrohung des 21. Jahrhunderts"
Ärzte in aller Welt warnen vor wachsenden Gesundheitsrisiken als
Folge des Klimawandels und fordern die Teilnehmer des Weltklimagipfels
in Kopenhagen zum Handeln auf.
Von Pete Smith

Noch kann er springen: Als Folge der globalen Erwärmung ist auch der Lebensraum von Eisbären massiv gefährdet.
Foto: dpa
Die Erderwärmung bedroht die Gesundheit von Millionen Menschen nicht
allein durch die wachsende Gefahr von Naturkatastrophen, sondern auch
durch die Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen, warnen Ärzte im
Fachmagazin "The Lancet" aus Anlass der UN-Klimakonferenz in
Kopenhagen. Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs
(IPPNW) fordern von den Konferenzteilnehmern konkrete Ziele wie
beispielsweise eine nachhaltige Senkung des Energieverbrauchs sowie
einen entschiedenen Ausbau der erneuerbaren Energien.
"Der Klimawandel ist die größte globale Gesundheitsbedrohung des 21.
Jahrhunderts", zitiert Richard Horton, Chefredakteur des "Lancet", in
einem Kommentar der aktuellen Ausgabe (374, 2009, 1869)
die zentrale Aussage eines Berichts, den das University College London
(UCL) in Kooperation mit dem "Lancet" herausgebracht hat und der sich
mit den Folgen der Erderwärmung befasst. Die unter Federführung von
Professor Anthony Costello entstandene Untersuchung kommt zu dem
Ergebnis, dass weltweit Milliarden Menschen von den Auswirkungen des
Klimawandels betroffen sein werden.
Bis zum Jahr 2100 werde sich
die Erde voraussichtlich zwischen zwei und fünf Grad erwärmen.
Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Flutwellen, Stürme, Dürren und
Hitzewellen seien die Folge. Endemische tropische Krankheiten wie
Malaria und Dengue-Fieber, so die Aussage der Ärzte, werden sich auch
in nichttropischen Regionen ausbreiten. Durch sinkende Ernteerträge in
Folge von Dürren werden immer mehr Menschen hungern, die
Wasserknappheit wird zu einem weiteren Mangel an Hygiene und damit für
die dramatische Ausbreitung von Seuchen sorgen.
Sollte auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen die Zustimmung zu
radikalen Verringerungen der Emissionen verweigert werden, so hätte
dies mit Blick auf die globale Gesundheit eine Katastrophe zur Folge,
warnt der britische Epidemiologe Professor Sir Michael Marmot in einem
gleichzeitig im "Lancet" (374, 2009, 961)
und im "British Medical Journal" veröffentlichten Kommentar. "Ein
erfolgreicher Abschluss in Kopenhagen ist unerlässlich für unsere
Zukunft als Spezies Mensch und unsere Zivilisation. Notwendig ist, dass
die reichen Länder ihre Verpflichtungen gegenüber den ärmeren erkennen,
und dass die ärmeren Länder erkennen, dass der Klimawandel ein globales
Problem darstellt, das eine globale Lösung erfordert, zu der wir alle
beitragen müssen."
In der Korrespondenz, die Marmots Kommentar
begleitet, bemerken weltweit führende Ärzte, vertreten durch Professor
Ian Gilmore, Präsident des Royal College of Physicians in London: "Als
führende Ärzte vieler Länder rufen wir die Ärzteschaft auf, dass sie
von ihren Politikern einfordern, eindeutige Fakten zur Kenntnis zu
nehmen, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen, und dass sie
jetzt handeln und Strategien einführen, die den Gemeinschaften weltweit
gesundheitlichen Nutzen bringen."
Die IPPNW fordert von der UN-Klimakonferenz eine Absage an fossile
Energien und die Kernkraft. "Der Welt-Klimagipfel in Kopenhagen braucht
eine klare Richtungsentscheidung für eine dezentrale Energieerzeugung
auf der Basis erneuerbarer Energien", sagte die Vorsitzende der
deutschen IPPNW-Sektion Dr. Angelika Claußen.
Im Einzelnen fordert die Ärzte-Organisation ein Neubauverbot für
fossile Großkraftwerke und Atomkraftwerke sowie eine möglichst schnelle
Stilllegung laufender Kernkraftwerke, um den Strukturwandel hin zu
erneuerbaren Energien zu beschleunigen.
Den eindringlichen Appellen ihrer Kollegen an die in Kopenhagen
vertretenen Politiker schließt sich auch WHO-Generaldirektorin Margaret
Chan an. "Der Klimawandel ist der Preis, den wir für eine kurzsichtige
Politik bezahlen", schreibt sie in einem Gastbeitrag für den "Lancet".
Weltklimarat setzt auf raschen Kurswechsel
Um die gefährlichsten Folgen des Klimawandels abzuwenden, müssen
Treibhausemissionen weltweit bis 2050 um etwa 80 Prozent gegenüber dem
Jahr 1990 reduziert werden, fordert der Weltklimarat.
Europa kann dieses Ziel durchaus erreichen, lautet das Fazit einer
Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für System- und
Innovationsforschung im Auftrag der Europäischen Kommission. (Smi)

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