Ärzte Zeitung, 14.11.2011

Trotz Reform: Mehr US-Bürger ohne Krankenkasse

Das hat sich US-Präsident Barack Obama ganz anders vorgestellt: Immer mehr Menschen in den Vereinigten Staaten sind ohne Krankenversicherung. Dabei ist es doch das Kernziel von Obamas Gesundheitsreform gewesen, dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Von Claudia Pieper

Trotz Obama-Reform mehr Unversicherte

Money, money: Wohl dem US-Patienten, der genügend Geld hat.

© Sanders / fotolia.com

WASHINGTON. Schlagzeilen in den US-amerikanischen Medien geben derzeit wenig Grund zur Heiterkeit.

Die Arbeitslosenrate will einfach nicht unter neun Prozent sinken; ein steigender Anteil der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze: 46 Millionen Menschen, also fast jeder Sechste.

Kein Wunder, dass damit auch die Rate derjenigen wächst, die keine Krankenversicherung hat: 18,5 Prozent, also fast jeder Fünfte bei den unter 65-Jährigen waren im vergangenen Jahr nicht versichert.

Reform vor dem obersten Gerichtshof

Die vor eineinhalb Jahren verabschiedete Gesundheitsreform sieht zwar eine allgemeine Versicherungspflicht vor, doch diese Kernregelung tritt erst 2014 in Kraft.

Zuvor muss diese Vorschrift vor dem obersten Gerichtshof noch den Klagen von Reformgegnern standhalten.

Derweil spielen sich in Tausenden von Haushalten Dramen ab, die von den Statistiken nicht erfasst werden: wo Arbeitslosigkeit und Armut dazu führen, dass Menschen vor herzerweichende Entscheidungen gestellt werden.

Patienten beklagen sich bei ihren Ärzten

Die Tageszeitung "USA Today" sprach mit mehreren Ärzten in Kalifornien, einem der von der Wirtschaftsflaute am schlimmsten betroffenen Bundesstaaten.

Sie berichten von einer wachsenden Zahl von Patienten, die nicht mehr versichert sind und nicht wissen, wie sie sich Arztbesuche und Medikamente noch leisten sollen.

"Viele meiner Patienten bekomme ich vier bis fünf Monate nicht zu Gesicht", sagte Dr. Eric Ramos, der als Hausarzt in Modesto, Kalifornien, praktiziert.

Chronisch krank und unversichert

"Wenn ich nachfrage, was passiert ist, sagen sie ‚Ich habe meine Versicherung verloren‘". Ramos versichert ihnen dann, dass sie trotzdem kommen sollen.

Er und viele seiner Kollegen suchen nach kostensparenden Mitteln, notleidenden Patienten zu helfen.

Als Beispiel nennt Ramos ein Ehepaar, das aus finanziellen Gründen gezwungen war, die Krankenversicherung für einen der Ehepartner aufzulösen - und das, obwohl beide schwer chronisch krank sind: sie leidet an chronischem Nierenversagen, er ist Diabetiker.

Kostenlose Arzneimittel

Der Ehemann entschied, seine Frau weiterzuversichern. Für die Medikamente, die er für seine Diabeteserkrankung braucht, ist allerdings nun kein Geld da.

Ramos hilft auch hier aus: Mit Arzneimitteln, die er unter anderem von Pharmavertretern erhält.

Mehrere kalifornische Ärzte schildern ähnliche Szenarien. Sie folgen einem nationalen Trend: Die über 100.000 Mitglieder starke American Academy for Family Physicians (AAFP) hat unlängst ermittelt, dass Allgemeinärzte im ganzen Land ihren bedürftigen Patienten entgegenkommen.

 Laut AAFP behandelten Hausärzte 2010 durchschnittlich acht Patienten pro Woche, denen sie nichts oder weniger als die übliche Gebühr berechneten.

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