Ärzte Zeitung, 25.07.2012

Viva España: Gesundheit in der Krise

Der Rotstift ist zum wichtigsten Instrument der spanischen Gesundheitspolitik geworden. Budgets werden gekürzt, Kliniken geschlossen, Arzneien ausgegrenzt, Wartezeiten verlängert. Eine Wende - nicht in Sicht.

Von Manuel Meyer

Blanke Not regiert in Spaniens Medizinsystem: Ärzte und Patienten zahlen für marode Banken

Spanischer Euro: Die Bankenkrise drückt auch auf das Gesundheitswesen.

© Martin Gerten / dpa

MADRID. Ende Juni gab Carmen Castro auf. Die Gesundheitsverantwortliche der balearischen Regierung konnte und wollte nicht mehr.

Die Allgemeinärztin fühlte sich dem Druck und der Kritik von Patienten, Ärzten und Medien nicht mehr gewachsen. Ob ihr Nachfolger Antoni Mesquida, ebenfalls Arzt, mehr Erfolg haben wird, ist allerdings fraglich.

Der Sparzwang im öffentlichen Gesundheitssystem ist enorm. Carmen Castro kürzte Gehälter, entließ Krankenhauspersonal, schloss auf Mallorca gleich zwei Hospitäler. Es brachte alles nichts.

Bis Ende des Jahres wird das staatliche Gesundheitssystem auf den Balearen 1,3 Milliarden Euro ausgeben, obwohl im Haushaltsbudget nur 1,1 Milliarden Euro vorgesehen sind.

Die seit Jahren anhaltende Schulden- und Finanzkrise erschüttert alle spanischen Regionen - mit drastischen Einschnitten vor allem auch im Gesundheitswesen. Vier Jahre dauert die Krise inzwischen, mit Folgen für die Qualität.

Längere Wartezeiten

Die Zahlungsverspätungen staatlicher Krankenhäuser haben mit 525 Tagen für Laboratorien und 473 Tagen für Zulieferunternehmen eine empfindliche Dimension angenommen.

Ende Mai beschloss bereits der Arzneimittelhersteller Roche, angesichts schlechter Zahlungsmoral den kreditfinanzierten Medikamentenkauf von zwölf Hospitälern einzuschränken. Auch der deutsche Pharmakonzern Merck klagt über Zahlungsprobleme in Spanien.

Spanien: Vier Jahre Krise und kein Ende

Eine gigantische Immobilienspekulation, die 2008 wie eine Blase geplatzt ist, und nicht die Staatsverschuldung wie in Griechenland ist die Ursache der nun schon vier Jahre andauernden Wirtschaftskrise in Spanien.

Wirtschaftsleistung: Mit bis zu 3,9 Prozent realem Wachstum bis 2008 eher überdurchschnittlich; Einbruch mit minus 3,7 Prozent im Jahr 2009, minus ein Prozent im Jahr 2010, plus 0,7 Prozent im Jahr 2011. Die Hoffnung auf neues Wachstum im laufenden Jahr war ein Irrtum, das reale BIP sinkt, auch als Folge der staatlichen Sparmaßnahmen.

Die Industrieproduktion ist seit Herbst 2011 drastisch rückläufig - mit bis zu minus acht Prozent. Mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit belastet die Exportchancen; die Handelsbilanz ist chronisch negativ.

Dramatische Höhen hat die Arbeitslosigkeit angenommen. Die Arbeitslosenquote erreichte Anfang 2012 24,4 Prozent; 2007 waren es acht Prozent. Unter den jungen Menschen sind 50 Prozent arbeitslos.

Die Kürzungen im Gesundheitswesen haben im vergangenen Jahr sogar zu einer erheblichen Verlängerung der Wartelisten und -zeiten für Operationen geführt.

Im vergangenen Jahr stieg die Warteliste im staatlichen Gesundheitssystem um insgesamt 17,2 Prozent an. Nach jüngsten Angaben des spanischen Gesundheitsministeriums ist dabei auch die Wartezeit für Operationen angestiegen.

Mussten Patienten 2010 noch durchschnittlich 65 Tage auf eine OP warten, betrug diese Zeit im vergangenen Jahr bereits 73 Tage.

Die Zahl der Patienten, die länger als ein halbes Jahr auf ihren Eingriff warten müssen, stieg von 5,4 auf 9,9 Prozent.

Budgets um sieben Milliarden Euro gekürzt

Die sich seit Anfang des Jahres dramatisch zuspitzende Schuldenkrise dürfte die Situation für Patienten und Ärzte wohl noch weiter verschlimmern.

Bereits im April beugte sich die spanische Zentralregierung dem Druck der internationalen Finanzmärkte und beschloss eine Rotstiftpolitik, die besonders hart das ehedem schon stark angeschlagene öffentliche Gesundheitssystem traf, das mit dem Einsetzen der Finanzkrise 2008 bereits mit über 16 Milliarden Euro verschuldet ist.

Um rund sieben Milliarden Euro wurde das Budget im Gesundheitswesen in diesem Jahr gekürzt.

Nachdem die Finanzmärkte nicht so positiv wie erwartet auf den Sparhaushalt der neuen, seit Dezember im Amt befindlichen Regierung reagiert haben, sah sich der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy gezwungen, erneut die Sparschraube anzuziehen.

So beschloss Madrid, dass Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung nur noch in Ausnahmen, etwa bei Unfällen, medizinische Versorgung bekommen.

Zudem ließ Gesundheitsministerin Ana Mato rund jüngst 425 Medikamente aus dem öffentlichen Leistungskatalog streichen.

Im Kampf gegen die Wirtschaftskrise werden in Spanien nun auch die Patienten stärker zur Kasse gebeten. Seit Anfang Juli hat die Regierung die Selbstbeteiligung an Rezeptgebühren erhöht.

Sorge um das gesamte Gesundheitssystem

Arbeitnehmer mit einem Jahreseinkommen von über 18.000 Euro im Jahr müssen seither 50 Prozent zuzahlen, bei einem Jahresgehalt von über 100.000 Euro 60 Prozent.

Zuvor galt für alle eine Rezeptgebühr von 40 Prozent. Das gilt jetzt auch für Rentner. Entlastung der Sozialversicherung: 7,4 Milliarden Euro.

Mitte Juli gingen dann landesweit Ärzte und Pflegepersonal staatlicher Krankenhäuser auf die Straße, nachdem die Regierung in der vergangenen Woche ein neues Sparpaket von 65 Milliarden Euro verabschiedet hatte, das unter anderem die Streichung des Weihnachts- und Urlaubsgeldes für Angestellte im öffentlichen Dienst vorsieht.

Unterdessen steigt bei den Spaniern zusehends die Sorge um das staatliche Gesundheitssystem.

Bereits Anfang des Jahres ergab eine Umfrage des staatlichen Sozialforschungsinstituts, dass die Sorge um die Qualität des staatlichen Gesundheitssystems bereits zum viertwichtigsten Problem der Spanier geworden ist. 2011 schien das mit Platz 12 noch nachrangig.

Für die maroden Banken, für die Spanien aus dem Euro-Rettungsschirm Liquidität erhält, müssen seine Bürger bitter bluten - und ein Ende ist nicht in Sicht.

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