Ärzte Zeitung, 15.10.2012

Finanzkrise in Griechenland

Arzneien nur gegen Bares

Die Griechen leiden unter der Finanz- und Wirtschaftskrise - und nun bahnt sich noch eine Krise im Gesundheitswesen an. Jetzt soll Deutschland helfen.

Von Angela Mißlbeck

Viele Griechen bekommen Arzneien nur noch gegen Bares

Menschen warten in einer Apotheke von EOPYY, einem nationalen Träger von Gesundheitsleistungen, in Athen auf ihre Medikamente.

© Saitas / dpa

BERLIN. Steht in Griechenland nach der Finanzkrise auch eine Gesundheitskrise bevor. Das Land scheint an einem Punkt angelangt, wo die Sparbemühungen der Regierung zu Einschränkungen der Gesundheitsversorgung führen.

Arzneien nur gegen Bares

Apotheken geben Medikamente an Patienten, die beim nationalen Versicherungsträger EOPPY versichert sind, seit September nur noch gegen Barzahlung aus.

Das bestätigte das Bundesgesundheitsministerium (BMG). Die finanzielle Situation von EOPPY sei bekannt. Hinweise der griechischen Regierung auf einen dauerhaften Zahlungsausfall lägen aber nicht vor.

Die Bundesregierung macht jedoch grundsätzliche Mängel im griechischen Gesundheitssystem aus: "Es fehlen eine effektive Kostensteuerung sowie wettbewerbliche Elemente", heißt es in der Antwort des BMG auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag.

Die Fraktion warnt vor einer drohenden humanitären Krise in Griechenland und verweist darauf, dass 30 Prozent der Bevölkerung ohne Krankenversicherungsschutz seien, faktisch aber ein noch viel größerer Teil keine oder nur eingeschränkte Leistungen erhalte.

"Viele Ärzte behandeln Patienten nur nach Vorkasse und in Krankenhäusern finden Behandlungen nicht statt, weil es am Nötigsten fehlt", so die Linksfraktion.

Eine echte Reform der Gesundheitspolitik fehlt

Schuld an der aktuellen Misere des griechischen Gesundheitssystems sind die pauschalen Ausgabenkürzungen der Regierung bei gleichzeitigem Mangel an grundsätzlichen Reformen.

Diese Auffassung vertrat der griechische Medizinrechtler Dimitrios Kremalis Mitte Oktober bei der Konferenz "Auswirkungen der Euro-Krise auf die nationale Gesundheitspolitik" in Potsdam.

"Uns fehlt eine echte Reform der Gesundheitspolitik", sagte Kremalis. Als Problem schilderte er einerseits den Zeitdruck bei den Reformen.

Andererseits verwies er darauf, dass das Gesundheitssystem Griechenlands schon vor Beginn der Krise am Rande des finanziellen Zusammenbruchs gewesen sei. Einzelne Strukturreformen wurden nach seinen Angaben schon eingeleitet, bevor 2010 der Reformdruck von außen wuchs.

Ein Element war dabei die Zusammenfassung verschiedener öffentlicher Krankenversicherungsfonds im nationalen Krankenversicherungsträger EOPPY. Dieser Schritt sollte nach Kremalis‘ Angaben mehr staatliche Kontrolle ermöglichen.

Doch die öffentlichen Gesundheitsausgaben und die Arzneikosten seien weiter hoch. Für dringend nötig hält Kremalis vor allem umfassende Reformen der Versorgungsstrukturen.

"Es ist offensichtlich, dass es ein Allokationsproblem und dass es ein Strukturproblem bei den Krankenhäusern gibt", sagte er. Mit 4,1 Klinikbetten pro 1000 Einwohner liege Griechenland deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 3,4 Betten.

Helfen soll bei diesen Reformen in erster Linie das Bundesgesundheitsministerium. Im Frühjahr dieses Jahres wurde mit einer Vereinbarung zwischen Griechenland, Deutschland und der Task Force für Griechenland in der EU beschlossen, dass Deutschland die Führungsrolle in Sachen Gesundheit bei der Task Force übernimmt.

Dieser Beschluss sei auf Wunsch der griechischen Regierung gefasst worden, sagte Udo Scholten, im BMG verantwortlich für Europäische und Internationale Gesundheitspolitik, in Potsdam.

"Uns geht es um strukturelle Reformen, die einerseits den Zugang zur Versorgung und die Qualität der Versorgung verbessern sollen und andererseits auch Nachhaltigkeit im finanziellen Sinn erreichen wollen", erläuterte Scholten das Ziel des BMG.

Auf der Aufgabenliste der Mitte September gegründeten Steuerungsgruppe stehen die Themen Klinikstrukturen, Arzneiausgaben und eine Organisationsreform innerhalb der EOPPY.

"In dem System redet keiner miteinander"

Einiges ist nach Scholtens Angaben schon geschehen. Ein Beispiel: Der größte kommunale Klinikkonzern Deutschlands, die Berliner Vivantes GmbH, hat Nachhilfe in Sachen Klinikfusion gegeben. "In der Folge kam es in Griechenland auch zu Fusionen von Krankenhäusern", sagte Scholten.

Auch zur Arzneimittelpreisfindung und -gestaltung habe es bereits eine Veranstaltung gegeben. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel sind in Griechenland nach Angaben des BMG kaufkraftgewichtet höher als in Deutschland, vor allem, weil Generika nur selten verordnet werden.

Zudem hat Griechenland nach Angaben von Scholten fünfmal so viele Pharmagroßhändler wie Deutschland: "Das deutet nicht auf effiziente Strukturen hin."

Auch die OECD weist für Griechenland hohe Arzneimittelkosten aus (siehe Grafik). Die Daten für Griechenland sind aber laut BMG mit Vorsicht zu genießen, weil dort das OECD-System der Health Accounts noch nicht angewandt wird.

Die größte Herausforderung ist Scholten zufolge die Organisationsreform beim Versicherungsträger EOPPY. Die Zusammenführung von sechs verschiedenen Sozialversicherungsfonds schilderte er als extrem schwierig.

Zum einen hätten die Fonds unterschiedliche Beitragsniveaus. Zum anderen unterhielten einige Fonds eigene Einrichtungen, während andere bisher nur Leistungen eingekauft haben.

Die Gesamtstrukturen seien daher nicht effizient. Als eigentliches Manko schilderte der BMG-Experte aber die fehlende Kultur der Selbstverwaltung. "In dem System redet keiner miteinander", sagte er.

Lesen Sie dazu auch:
Finanzkrise in Portugal: Gesundheit auf Rationierungskurs
Kommentar zur Finanzkrise: Warum Griechen Hilfe brauchen

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