Mittwoch, 1. Oktober 2014
Ärzte Zeitung, 25.01.2013

Welt-Lepra-Tag

Ein Kampf gegen Seuche und Stigma

Seit 1981 ist Lepra heilbar. 1991 hat die WHO die Ausrottung der Lepra zum Ziel erklärt - bisher jedoch ohne Erfolg. Wir ziehen Bilanz zum Welt-Lepra-Tag am 27. Januar.

Von Beate Schumacher

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Eine Lepra-Patientin, 72 Jahre alt, aus Bogota in Kolumbien schließt mit verstümmelten Händen den Knopf ihrer Bluse.

© imagebroker / imago

WÜRZBURG. Mehr als 15 Millionen Leprakranke konnten seit der Einführung einer wirksamen Antibiotikatherapie geheilt werden, Prävalenz und Inzidenz der Lepra sind seitdem stark zurückgegangen. Doch besiegt ist die Infektionskrankheit noch lange nicht.

Das betont auch die Deutsche Lepra- und Tuberkulose-Hilfe (DAHW) in Würzburg in ihrem Aufruf zum Welt-Lepra-Tag am kommenden Sonntag. Jahr für Jahr werden weltweit immer noch fast 250.000 neue Fälle entdeckt; nicht wenige Patienten sind zum Zeitpunkt der Diagnose bereits von der Krankheit gezeichnet.

Die meisten Fälle werden aus ländlichen Gebieten Indiens, Brasiliens und Indonesiens gemeldet, in anderen Teilen Südostasiens, in China und im tropischen Afrika ist Lepra endemisch.

Die Kontagiosität des Lepra-Erregers ist, entgegen einer verbreiteten Angst, nur gering. Eine Ansteckung mit Mycobacterium (M.) leprae setzt sowohl einen längeren engen Körperkontakt mit einem unbehandelten erregerreichen Kranken als auch eine genetisch bedingte Empfänglichkeit für die Erkrankung voraus.

Nur bei 5 bis 10 Prozent aller Menschen kann eine Infektion mit M. leprae überhaupt zum Ausbruch von Lepra führen. Bis zur Manifestation vergehen zumindest einige Monate, im Extremfall kann sich die Inkubationszeit aber auch über 20 Jahre hinziehen.

Entstellt, gelähmt, verstümmelt

Der genaue Übertragungsweg von M. leprae ist nicht verstanden. Erreger aus Leprahautläsionen und Nasenschleimhaut gelangen möglicherweise über den Respirationstrakt oder Hautverletzungen in den neuen Wirt.

Dort infizieren die Bakterien neuen Erkenntnissen zufolge reife Schwannsche Zellen, die sie zu muskelähnlichen Zellen umprogrammieren, wodurch sich die Infektion in die Muskeln ausbreiten kann (Cell 2013; 152(1): 15-16).

Wird die Infektion mit M. leprae nicht behandelt, schreitet der Befall von Haut und Nerven fort und kann zu Entstellung, Lähmung, Erblindung und Verstümmelung führen. Wie sich die Krankheit manifestiert, hängt von der genetisch determinierten Immunantwort des Patienten ab.

Unterschieden wird eine tuberkuloide Verlaufsform bei intakter zellulärer Immunantwort und eine lepromatöse bei fehlender lepraspezifischer Immunreaktion. Bei der tuberkuloiden Form finden sich nur einzelne Hautläsionen, durch den Befall peripherer Nerven kommt es zu Sensibilitätsverlusten, Muskelatrophie und Deformitäten.

Bei der lepromatösen Form entwickeln sich massive, oft knotige Hautläsionen, auch Nasenschleimhaut, Augen (Keratitis, Iritis) und Nieren (Glomerulonephritis) können in Mitleidenschaft gezogen werden.

Aussatz grenzt aus

Eine frühe Antibiotikatherapie kann bleibende Schäden abwenden - und das Risiko für die Ausbreitung der Seuche senken. Die von der WHO seit 1991 angestrebte Elimination der Lepra liegt trotzdem in weiter Ferne.

Solange die Infektionswege nicht besser verstanden sind und es keinen Impfstoff gibt, wird sich das so schnell nicht ändern.

Es bleibt nur die Möglichkeit, die Lepra durch höheren Lebensstandard und bessere Hygiene zurückzudrängen, wie das in den Industrienationen geschehen ist.

Das ist auch der Grund, warum die WHO ihre Ziele vor drei Jahren modifiziert hat. Im Vordergrund steht weniger die Ausmerzung der Lepra als die Reduktion der durch die Lepra verursachten Behinderungen - durch aktive Fallsuche und frühere Therapie.

Ein weiteres Ziel von WHO und DAHW ist, der verbreiteten Diskriminierung von Patienten mit Lepra ein Ende zu setzen. Betroffene werden durch die Antibiotika zwar von M. leprae befreit, aber nicht von dem Stigma der "Aussätzigen", das der Infektionskrankheit immer noch anhaftet.

Fall von tuberkuloider Lepra

Häufig erfahren die Patienten soziale Ausgrenzung und in vielen Ländern werden ihnen elementare Recht wie die Reisefreiheit oder sogar das Wahlrecht verweigert.

In Deutschland gibt es zwar seit Jahrzehnten keine autochthonen Leprafälle mehr - vergessen dürfen Ärzte die Infektion dennoch nicht. Die Erkrankung kann von Immigranten aus Endemiegebieten mitgebracht werden und noch Jahre nach der Übersiedelung auftreten.

Bei Risikopersonen sollte daher im Fall von unklaren Krankheitsbildern mit chronischen Hautveränderungen und/oder einer Beteiligung der peripheren Nerven auch an Lepra gedacht werden, empfiehlt das Robert Koch-Institut.

Über einen spektakulären Fall haben Ärzte einer spanischen Patientin berichtet (Sem Arthr Rheum 2012; 42: 127-130): Die aus Bolivien stammende Frau war wegen Rheumatoider Arthritis mit einem TNF-alpha-Blocker behandelt worden - und hatte daraufhin eine tuberkuloide Lepra entwickelt.

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