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Ärzte Zeitung, 26.02.2013

Großbritannien

Telemedizin bald die Regel?

Die britische Regierung will deutlich mehr Patienten via Telemedizin versorgen lassen. Große Vorbehalte scheint es im Königreich dagegen nicht zu geben.

Von Arnd Striegler

Telemedizin bald die Regel?

Betreuung via Internet: Im britischen Gesundheitswesen immer häufiger an der Tagesordnung.

© stefano lunardi / fotolia.com

LONDON. Die Telemedizin wird für britische Hausärzte immer wichtiger. Zehntausende Patienten werden inzwischen regelmäßig von ihren Ärzten mittels Internet und Telefon betreut.

Das verringere die Zahl der Praxis- oder Klinikbesuche, spare also sowohl Zeit als auch Kosten. Im internationalen Vergleich fällt auf, dass die Briten offenbar deutlich positiver gegenüber Telemedizin eingestellt sind als dies zum Beispiel in Deutschland der Fall sei.

Im Dezember 2011 startete das Londoner Gesundheitsministerium unter dem Titel "Three million lives" eine Kampagne, um Ferndiagnose und haus- und fachärztliche Betreuung auf eine breitere Basis zu stellen.

Rund 36 Millionen Euro investiert

Zahlreiche lokale Gesundheitsverwaltungen des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS (National Health Service) begannen damit, Haus- und Fachärzte zu ermuntern, bestimmte Patienten öfter als bislang mittels Telemedizin zu betreuen.

Der Titel "Three million lives" bezieht sich auf die Hoffnung, dass drei Millionen Patienten in Großbritannien von einer verstärkten Einbindung der Telemedizin profitieren könnten.

Auch große internationale Unternehmen wie Pfizer, Vodafone und British Telecom unterstützen die Anstrengungen der Londoner Regierung, die Telemedizin weiter auszubauen.

Bereits Ende 2010 hatte der ehemalige Gesundheitsminister Andrew Lansley gegenüber Journalisten in London gesagt, "Telemedizin wird einen enorm wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Patientenversorgung im NHS leisten".

Man habe mehr als 30 Millionen Pfund (rund 36 Millionen Euro) in neue Telemedizinprojekte investiert.

Chroniker im Mittelpunkt

Schwerpunkt sind Patienten mit chronischen Erkrankungen. Im Vorfeld der "Three million lives"-Kampagne ließ das Gesundheitsministerium eine randomisiert-kontrollierte Studie vornehmen.

Gesundheitspolitische Beobachter im Königreich wiesen darauf hin, dass die Ergebnisse der Studie offiziell bislang nicht vollständig veröffentlicht worden seien.

Vielmehr sickerten Details durch, so dass sich das Londoner Gesundheitsministerium genötigt sah, in Mitteilungen die Resultate als "erfolgreich" und "vielversprechend" zu loben.

Die lückenhaften Informationen dämpfen nicht den Enthusiasmus britischer Ärzte, die die Telemedizin zum festen Bestandteil ihres Praxis- oder Klinikangebots machen wollen. "Wir sind da ziemlich fortschrittlich und neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen", sagt der Londoner Klinikarzt Dr. Al Teague zur "Ärzte Zeitung".

Das Londoner Gesundheitsministerium verspricht sich vom Einsatz der Telemedizin nach eigenen Angaben eine qualitativ verbesserte Versorgung von Millionen chronisch kranker Patienten, die von sozialen Diensten betreut werden.

Ferner sei damit zu rechnen, dass als Folge eines verstärkten Einsatzes der Telekommunikation die Zahl der Klinikeinweisungen sowie die Länge von Krankenhausaufenthalten sinken werde. Des weiteren geht das Gesundheitsministerium von weniger Besuchen in den Notfallaufnahmen des staatlichen Gesundheitswesens aus. All das werde auch die Kosten senken, hieß es.

NHS unter Spardruck

Patientenverbände im Königreich stehen dem progressiven Einsatz der Telemedizin in Praxen und Kliniken offenbar positiv gegenüber, warnen aber davor, die neuen Kommunikationswege lediglich als Instrument zur Kosteneinsparung zu benutzen.

"Der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient ist nach wie vor sehr wichtig", so eine Sprecherin der "Patient Association" (PA) in London. Und: "Besonders Patienten auf dem Land und Patienten, die weniger mobil sind, können mitunter von der Telemedizin profitieren."

Allerdings hänge das jeweils von der Indikationsstellung und den persönlichen Umständen des Patienten ab.

Der NHS steht spätestens seit Beginn der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 unter Spardruck. Zwar versicherten Gesundheitspolitiker der konservativ-liberalen Regierung unter Premierminister David Cameron wiederholt, die Gesundheitsetats würden von den Sparmaßnahmen des öffentlichen Sektors ausgeklammert. Das aber ist nach Aussage britischer Ärzte- und Patientenverbände nicht der Fall.

Immer wieder berichten die britischen Medien über gestrichene Operationen, geschlossene Arztpraxen und Krankenhausabteilungen sowie weitere Einschränkungen bei den staatlichen Arzneimittelbudgets und bei der Kostenerstattung.

Umso größer daher offenbar die Hoffnung bei den Politikern, dass mit einem verstärkten Einsatz der Telemedizin in den Kliniken und Praxen kosteneffizienter gearbeitet werden könnte.

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