Ärzte Zeitung, 20.08.2013

Operation Gesundheit

Türkei reformiert sich

Der ehemals kranke Mann am Bosporus begibt sich auf Gesundungskurs - zumindest wirtschaftlich. Damit einher geht auch die Modernisierung des Gesundheitsmarktes in der Türkei.

Von Matthias Wallenfels

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Klinik in Antalya: Jeder Bürger soll leichten Zugang zu medizinischer Versorgung haben, lautet ein Ziel der türkischen Gesundheitsreform.

© ITAR-TASS/imago

NEU-ISENBURG. Auch wenn die Türkei jüngst durch die rigiden Reaktionen von Premierminister Recep Tayyip Erdogan auf die von dem Istanbuler Taksim-Platz ausgehenden, massiven Proteste gegen die türkische Regierung international politische Schelte auf sich zog und teils Finanzinvestoren vergrätzte, scheint ein Trend unaufhaltbar.

Der ehemals kranke Mann am Bosporus mausert sich zu einem modernen Staat - zumindest, was die Gesundheitsversorgung angeht - und zieht sogar vermehrt Medizintouristen an.

Bisher hat die Türkei mit 44 nach dem internationalen Standard Joint Commission International (JCI) zertifizierten Krankenhäusern weltweit die meisten solcher Einrichtungen in einem Land vorzuweisen.

Darauf weist die Unternehmensberatung Frost & Sullivan hin. Laut ihrer Prognose wird der Medizintourismus bis Mitte des Jahrzehnts eine relevante wirtschaftliche Bedeutung in der Türkei einnehmen.

Die Analysten haben den türkischen Gesundheitsmarkt und sein Entwicklungspotenzial mit Fokus auf unter anderem private Dienstleister und die Branchen Pharma sowie Medizintechnik in der aktuellen Studie "Healthcare Landscape and Outlook in Turkey. Top Growth Opportunities by 2015" untersucht.

Demnach wird der türkische Gesundheitsmarkt in seinem Volumen von umgerechnet 21,66 Milliarden US-Dollar (rund 16,5 Milliarden Euro) in 2011 bis 2015 auf 29,62 Milliarden US-Dollar ansteigen.

Das entspräche einer jährlichen Steigerungsrate von 8,2 Prozent, wie die Studienautoren hervorheben.

Gesundheitsausgaben steigen

Die Gesundheitsausgaben in der Türkei seien von 2006 bis 2011 rasant gestiegen - von 30,6 Milliarden auf 42,19 Milliarden US-Dollar. Treiber dieser Entwicklung seien ein rasches Wirtschaftswachstum sowie die unter Erdogan 2003 gestartete, umfangreiche Gesundheitsreform (Saglikta Dönüsüm Programi).

Für Unternehmen, die im türkischen Gesundheitsmarkt investieren oder zum Beispiel mit einheimischen Anbietern kooperieren wollen, böten sich mehr Wachstumschancen als auf saturierten Märkten wie in den USA, Teilen Europas sowie Japans.

Auch die sozioökonomische Entwicklung begünstige die Ausweitung der Gesundheitsangebote, so die Studienautoren mit Verweis auf eine steigende Zahl von Fällen nicht übertragbarer Krankheiten wie Koronarerkrankungen, Krebs, Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht oder COPD in der türkischen Bevölkerung.

62 Prozent der Todesfälle in Kliniken vor Ort seien 2010 auf Patienten mit Koronarerkrankungen, Krebs sowie Atemwegserkrankungen entfallen.

Nach Angaben der Analysten von Frost & Sullivan steht der türkische Pharmamarkt weltweit auf Rang 14 und erreicht innerhalb Europas den sechsten Platz. Sein Volumen habe 2011 9,1 Milliarden US-Dollar betragen und werde bis 2015 auf 13, 5 Milliarden US-Dollar anwachsen.

Der Medizintechnikmarkt zähle zu den 30 größten weltweit und wurde für 2011 mit einem Volumen von 1,8 Milliarden US-Dollar taxiert, 2015 sollen es 2,45 Milliarden sein.

Der Nachfrageschub werde maßgeblich ausgelöst von Krankenhausmodernisierungen, der Harmonisierung der Gesetzgebung mit der Europäischen Union sowie die Expansion im Bereich der privaten Premium-Gesundheitseinrichtungen.

Bei Letzterer werden sich laut Frost & Sullivan die interventionelle Kardiologie, die Orthopädie, die Ophthalmologie sowie der Zahnarztbedarf als Zugpferde herausstellen.

Vor allem an die Adresse ausländischer Gesundheitsunternehmen gerichtet, prognostizieren die Experten von Frost & Sullivan, dass die Türkei in den nächsten drei Jahren nicht zuletzt dank ihres rasanten Wirtschaftswachstums und seiner großen Bevölkerung zu den weltweit attraktivsten Märkten für Fusionen und Übernahmen im Gesundheitsbereich zählen werde.

Unterstützt würde diese Entwicklung durch die wachsende Innovationskraft lokaler Produzenten aus den Bereichen Pharma, Medizintechnik und Gesundheitsdienstleistungen.

Wachstumstreiber Mobile Health

Ab diesem Jahr erwarten die Analysten starken Rückenwind für die Biotechnologie in der Türkei. Der Markt für biotechnologiebasierte Arzneien soll mit einer jährlichen Steigerungsrate von 15 Prozent wachsen. Damit gewännen diese Medikamente massiv an Bedeutung.

Als weiteren Wachstumstreiber im türkischen Gesundheitswesen haben die Studienverfasser unter anderem den Bereich Mobile Health - und damit indirekt die Telemedizin - identifiziert.

Wie ein Blick nach Südamerika, China oder Nigeria, aber auch andere Staaten in Afrika zeigt, ist dieser Modernisierungssprung nicht ungewöhnlich.

Denn viele Schwellenländer haben mit der zunehmenden wirtschaftlichen Prosperität bei der Modernisierung unter anderem des meist maroden und ineffizienten Gesundheitssystems - wo politisch, infrastrukturell und finanziell möglich - Entwicklungsstufen übersprungen und sofort auf neueste Technik gesetzt.

Dass die Türkei aber nicht nur ein attraktiver Markt für international agierende Gesundheitsunternehmen ist und damit vor allem auf Know-how und Geld aus dem Ausland setzt, zeigt exemplarisch die Dünyagöz-Gruppe.

Das türkische Unternehmen hat vor rund zwei Jahren in Frankfurt am Main das "Worldeye Center" in Betrieb genommen. Dort verspricht der Klinikbetreiber Laser- und andere Augenbehandlungen auf höchstem technischen Niveau. Deutschland dient dabei als erster Auslandsposten, weitere sollen folgen.

[20.08.2013, 09:14:54]
Wolf R. Dammrich 
Was hilft's,...
...wenn die Türkei ein betriebswirtschaftlich rentables Gesundheitssystem auf die Beine stellt, aber der Bevölkerungsdurchschnitt sich nicht einmal das cash auf die Kralle zu zahlende "Schneidegeld" für eine banale Appendektomie zahlen kann.
Das, was hier als funktionierend dargestellt wird, steht ausschließlich den Reichen zur Verfügung. Der Rest muss sich von Sosiyal Sigorta, der staatlichen Basisversicherung, mit Minimalleistungen abspeisen lassen und die Medikamente überwiegend aus eigener Tasche zahlen. zum Beitrag »

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