Ärzte Zeitung, 03.02.2014

Trotz Obama-Care

Von Bismarck sind die USA noch Welten entfernt

Für konservative US-Amerikaner hält mit Obama-Care der Kommunismus Einzug in ihr Gesundheitssystem. Doch auch nach den umstrittenen Reformen Obamas trennen das US-Gesundheitswesen und die deutsche GKV noch Lichtjahre.

Von Martina Merten

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"Stabile und sichere Krankenversorgung": US-Präsident Barack Obama hat lange für die Durchsetzung der Gesundheitsreform kämpfen müssen.

© Martin H. Simon / dpa

BERLIN. Sozialismus und europäische Verhältnisse assoziierten viele Amerikaner mit der Einführung einer verpflichtenden Krankenversicherung zu Beginn dieses Jahres. Von beidem sind die Staaten nach Ansicht von Professor Uwe Reinhardt, Kenner der US-Gesundheitsszene, weit entfernt.

Die von vielen US-Amerikanern gefürchtete Europäisierung ihres Gesundheitssystems durch die Einführung einer Versicherungspflicht - auch bekannt unter dem Namen Obama-Care - hat nicht stattgefunden, sagt Reinhardt, Professor für Gesundheitsökonomie an der Princeton Universität.

"Obama-Care ist nicht mehr als ein ekliges Pflaster auf einem ohnehin schon ekligen System", wiederholte der gebürtige Osnabrücker seine in der Zeitschrift "The Economist" gemachte Aussage am Rande des BMC-Kongresses Ende Januar in Berlin.

Im Jahr 2010 verabschiedete der US-Senat den Patient Protection and Affordable Care Act. Dieser von Präsident Barack Obama vorangetriebene Gesetzesbeschluss hat seit Anfang dieses Jahres eine Pflicht zur Krankenversicherung für den Großteil der US-Amerikaner eingeführt.

Wer sich nicht versichert, muss eine Strafe zahlen, gleichzeitig dürfen Versicherungen Menschen nicht länger aufgrund von Vorerkrankungen ablehnen. Lange vor Obama-Care war die Unzufriedenheit der Amerikaner mit ihrem eigenen Gesundheitssystem groß.

Einer von drei Amerikanern, so eine Studie des Commonwealth Fund, sprach sich für eine komplette Systemänderung aus. Allerdings fürchteten insbesondere Anhänger der republikanischen Partei eine Sozialisierung ihres Gesundheitssystems durch die Pflicht zur Versicherung.

In Wahlkampagnen der Republikaner verunsicherten sie die Wähler durch Assoziationen von Obamacare mit dem früheren Ostblock. Es folgten Klagen einiger US-Staaten gegen den Gesetzesbeschluss. Dennoch entschied der Oberste Gerichtshof im Juni 2012: Obama-Care ist verfassungsgemäß.

"Selbstbeteiligung ist zu hoch"

Das US-Gesundheitssystem mit Obama-Care auch nur ansatzweise mit den Systemen in Europa oder gar dem deutschen Gesundheitssystem zu vergleichen, macht nach Ansicht von Ökonom Reinhardt aus mehreren Gründen keinen Sinn: Vor der Einführung der Versicherungspflicht waren nach Angaben des US-Congressional Budget Office (Budgetbüro des Kongresses) rund 50 Millionen Amerikaner nicht versichert.

"Mindestens 30 Millionen Menschen werden trotz Reform nicht versichert bleiben", sagte Reinhardt. Diese Zahl enthalte auch die nicht erfassten Immigranten.

Gleichzeitig hält Reinhardt den Selbstbeteiligungsanteil durch Obama-Care für alle möglichen Versicherungen für viel zu hoch. "Die Europäer würden solche Zuzahlungsregeln nicht annehmen", glaubt der Wahl-Amerikaner. Je nach Versicherungskategorie - diese reichen von Bronze bis Platin - fallen die Selbstbeteiligungen der Versicherten unterschiedlich hoch aus.

Eine Bronze-Versicherung deckt 60 Prozent der Kosten ab, eine Platin-Versicherung 90 Prozent. Die Zuzahlungen sind abhängig vom Einkommen des Versicherten und gedeckelt. Personen, deren Einkommen unter eine bestimmte Grenze fällt, erhalten Zuschüsse vom Staat.

Unabhängig von Obama-Care gilt weiterhin das Prinzip: Der Arbeitgeber in den USA entscheidet, wie hoch der Selbstbeteiligungsanteil des Arbeitnehmers an der Versicherung ist. Auch diese Regelung hat nach Ansicht von Reinhardt mit den europäischen oder gar dem deutschen Gesundheitssystem wenig gemein.

Zudem verliert jeder US-Amerikaner, der seinen Job wechselt oder gekündigt wird, auch seine Krankenversicherung. Auch das ist in Deutschland anders.

Bei den Preisen sind USA führend

Nicht zuletzt sind die Preise, die für ärztliche Leistungen in den USA anfallen, zwei bis dreimal so hoch wie die in Deutschland und um ein Vielfaches höher als in Südamerika oder Asien.

Beispiel Kernspintomografie: Diese kostet in den USA nach einem Bericht der International Federation of Health Plans aus dem Jahr 2012 je nach Arzt und Ort bis zu 2871 US-Dollar, in Frankreich sind es umgerechnet 363 US-Dollar, in Argentinien 118 US-Dollar.

Beispiel Blinddarmoperation: Die Kosten für das Krankenhaus und die ärztliche Leistung beliefen sich in den USA auf bis zu 29.426 US-Dollar, in Frankreich waren es 4463, in Argentinien 953 US-Dollar.

Auch in diesem Punkt unterscheide sich das US-amerikanische Gesundheitssystem gravierend von den kontinentaleuropäischen Systemen, so Reinhardt. "Die Anbieterseite und deren Macht werden stark bleiben, daran hat ObamaCare nichts verändert."

Unterm Strich sei das US-amerikanische Gesundheitssystem auch deshalb nicht mit den hiesigen Systemen zu vergleichen, weil deren Bevölkerung trotz der deutlich höheren Ausgaben für Gesundheit nicht gesünder sei, erklärte Reinhardt.

Dies bestätigte jüngst das unabhängige Institute of Medicine in seinem Bericht "U.S: Health in International Perspective: Shorter Lives, poorer Health": Obwohl die US-Amerikaner am meisten pro Kopf für Gesundheit ausgeben, leben sie deutlich kürzer als die Deutschen.

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