Ärzte Zeitung online, 17.02.2014

Medizin in Saudi-Arabien

Topmodern und rigoros konservativ

Saudi-Arabien ist ein Land der krassen Gegensätze - zwischen hochmoderner medizinischer Versorgung und strenger Geschlechtertrennung. Letztere kann für Frauen schlimme Folgen haben.

Von Anja Krüger

Topmodern und rigoros konservativ

Kopfbedeckung tragen beide: saudisches Ehepaar in Riad.

© Katharina Eglau / dpa

KÖLN. Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau wird in Saudi-Arabien groß geschrieben, auch für Frauen. Aber strenge religiöse Vorschriften können verhindern, dass Frauen bei einer akuten Bedrohung rechtzeitig Hilfe bekommen.

Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie. Das Königshaus hat sich dem Wahhabismus verschrieben, einer streng-konservativen Richtung des Islams. In keinem anderen Land ist die Geschlechtertrennung so rigoros wie hier.

"Das Gesundheitswesen ist ein Spiegelbild der saudischen Gesellschaft, die eine große Diskrepanz zwischen extremer Moderne auf der einen und extremem Konservatismus auf der anderen Seite prägt", sagt der Münsteraner Islamwissenschaftler Menno Preuschaft.

Für Männer und Frauen gibt es separate Sektoren. Wollen Frauen Geld von ihrem Konto bei einer Bank abheben, gehen sie durch einen eigenen Eingang zu einem eigens für sie vorgesehenen Schalter. So ist es auch in Krankenhäusern. Patientinnen werden überwiegend von Frauen behandelt.

In streng religiösen Einrichtungen kann es passieren, dass vor einem Eingriff die Einwilligung des männlichen Vormunds abgewartet wird - des Ehemanns, Vaters, Bruders oder, falls keine männliche Verwandten vorhanden sind, des Gouverneurs.

Kliniken für Frauen - das hat sich nicht durchgesetzt

Die medizinische Versorgung in Saudi-Arabien erfolgt auf hohem Niveau, sagt Professor Tomas Jelinek vom Centrum für Reisemedizin Düsseldorf. Sie findet in rund 400 Kliniken statt, Praxen niedergelassener Ärzte gibt es nicht. Frauen und Männer werden zwar in unterschiedlichen Abteilungen, aber an denselben Krankenhäusern behandelt.

"Es gibt zwar die Idee, eigene Krankenhäuser für Frauen zu errichten, aber sie hat sich bislang nicht durchgesetzt", sagt Jelinek. Patientinnen haben Zugang zu Spitzenmedizin. Zum Missfallen sehr konservativer Familien werden Frauen mit seltenen oder komplizierten Erkrankungen durchaus von Männern behandelt. "Das ist aber heikel", sagt Jelinek.

Nicht nur das ist schwierig. "Ein Problem bei der medizinischen Versorgung von Frauen kann der Zeitfaktor sein", sagt Jelinek. Es kann geschehen, dass Frauen nicht von männlichen Sanitätern transportiert werden - etwa wenn sie sich in einem rein weiblichen Umfeld befinden oder den strengen Bekleidungsvorschriften nicht genügen.

"Das kann, aber das muss nicht passieren", sagt er. Anfang Februar wurde über den Fall einer Studentin der König-Saud-Universität in Riad berichtet, die nach einem Infarkt gestorben sei, weil Wachen Rettungskräfte nicht zu der unverschleierten Frau durchließen.

Arabische Medien schildern den Fall allerdings etwas anders. Die Rettungskräfte seien zwar sehr spät gerufen, aber der Zugang zu der Frauen-Universität sei ihnen nicht verwehrt worden.

Im Jahr 2002 kamen 15 Mädchen einer Schule bei einem Brand ums Leben, weil Wachen sie nicht aus dem Gebäude hinaus und Rettungskräfte nicht hinein ließen. Die Mädchen waren unverschleiert, weil während des Unterrichts kein Mann anwesend war.

Viele Frauen studieren Medizin

Unter den Studierenden der Medizin sind viele Frauen. "55 Prozent der Universitätsabsolventen von Medizin bis zu den Geisteswissenschaften sind weiblich", heißt es in einer Studie, die das Deutsche Orient Institut im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellt hat.

Ärztinnen haben es zwar nicht leicht, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, können aber Karriere machen. "Saudische Wissenschaftlerinnen bewegen sich auf internationaler Ebene und sind durchaus emanzipiert", sagt Islamwissenschaftler Preuschaft. Es zeichne sich ein vorsichtiger Mentalitätswandel ab - auch wenn die Geschlechtertrennung weitgehend nicht in Frage gestellt werde.

Nach wie vor ist Saudi-Arabien auf Ärzte, Medizintechnik und Arzneimittel aus dem Ausland angewiesen. Im Land selbst ausgebildete Mediziner gehen in oft in die Verwaltung, nachdem sie einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolviert haben.

So hat der saudische Botschafter in Deutschland, Professor Ossama bin Abdul Majed Shobokshi, in Erlangen Medizin studiert und in Leonberg seine internistische Facharztausbildung absolviert.

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