Ärzte Zeitung, 11.07.2014

Kampf gegen Ebola

Der Aberglaube als größter Feind

In West-Afrika wütet Ebola. Die lange Inkubationszeit ist ein Risiko für internationale Ausbreitung. Die Bekämpfung der Seuche vor Ort ist schwierig.

Von Pete Smith

Der Aberglaube als größter Feind

Die Bevölkerung hat zum Teil Angst vor den in Schutzanzügen arbeitenden Helfern. Das erschwert die Arbeit der Ärzte.

© Amandine Colin / Ärzte ohne Grenzen / dpa

Der Ebola-Ausbruch in West-Afrika ist der größte in der Geschichte der Menschheit. Schon mehr als die Hälfte der bislang knapp 800 infizierten Menschen in Guinea, Liberia und Sierra Leone sind an dem hämorrhagischen Fieber gestorben.

Mit internationaler Unterstützung haben die betroffenen Länder endlich Maßnahmen ergriffen, um die Epidemie einzudämmen. Dennoch bleibt die Gefahr groß, dass die Seuche auf die Ballungszentren und weitere Länder übergreift.

Auch Europa und Amerika sind alarmiert. Mit gutem Grund. Schließlich führt uns die rasante Ausbreitung der gefährlichen Virusinfektion einmal mehr vor Augen, dass die Globalisierung keine Grenzen kennt und die Staatengemeinschaft unmittelbar auf derartige Bedrohungen reagieren muss.

Dennoch scheint nicht jeder die Lehren aus vergangenen Pandemien gezogen zu haben. Das betrifft vor allem die mangelhafte Informationspolitik in den betroffenen Ländern, aber auch mangelnde Kenntnisse des Westens über kulturellen Eigenarten und Traditionen in betroffenen Regionen.

Weit über einen Monat nach Bekanntwerden der ersten Erkrankung in seinem Land rief der Präsident der Republik Sierra Leone über Fernsehen und Radio zum landesweiten Kampf gegen Ebola auf.

Auch in anderen Regionen ging und geht die Aufklärung nur schleppend voran - mit dramatischen Folgen für die Betroffenen und hohen Risiken für ausländische Helfer, die von Einheimischen sogar angegriffen wurden. Vielen Westafrikanern gilt die bislang nur in Ost- und Zentralafrika bekannte Krankheit als Fluch oder Hexerei, andere leugnen, dass es sie überhaupt gibt.

Vor allem jene, die von Aberglauben und Voodoo-Riten geprägt sind, misstrauen den westlichen Ärzten, machen sie sogar selbst für den Ausbruch der Epidemie verantwortlich.

Hysterische Reaktionen

Im Kailahun-Bezirk in Sierra Leone, einem Epizentrum der Seuche, zündeten Anwohner eine Lagerhalle an, da sie fürchteten, man wolle sie mit Hilfe der dort gelagerten Medikamente infizieren. Andernorts verlangen Angehörige mit Gewalt die Herausgabe ihrer Toten, werden Patienten versteckt, deren Angehörige sich dann selbst infizieren - ein Teufelskreis. Dass die Ärzte aus Europa und den USA in ihren Schutzanzügen wie Außerirdische anmuten, macht die Sache für sie nicht einfacher.

Bis zu drei Wochen beträgt die Inkubationszeit bei Ebola, Zeit genug, um bis zum Ausbruch der Krankheit die halbe Welt zu bereisen. Da die ersten Symptome jenen bei Typhus und Malaria ähneln, werden viele Patienten, statt sie zu isolieren, von ungeschulten Gesundheitsmitarbeitern nach Hause geschickt. Anderswo löst das harmlose Fieber eines Patienten eine Massenpanik aus.

Vor wenigen Tagen berichteten Zeitungen, dass Ebola bereits Ghana erreicht habe. In Accra war ein US-Bürger mit Ebola-ähnlichen Symptomen unter Quarantäne gestellt worden, Bluttests jedoch gaben Entwarnung. Im Internet kursiert das Gerücht, dass mindestens 40 unter den Zehntausenden Flüchtlingen aus Afrika, die in Italien Schutz suchen, an Ebola erkrankt seien - eine unbewiesene Behauptung.

Die wirksamsten Methoden gegen die ungebremste Ausbreitung der Seuche, aber auch gegen Angst und Hysterie, sind Transparenz und Aufklärung. Dabei tun die westlichen Helfer gut daran, sich der Unterstützung örtlicher Honoratioren zu versichern, denen die Dorfbewohner vertrauen. Denn ohne Vertrauen läuft jede Aufklärung ins Leere.

Wo sie versagt, muss die Bevölkerung durch Gesetze geschützt werden. In Guinea, Sierra Leone und Liberia gilt das Verstecken eines Ebola-Patienten mittlerweile als Straftat. In Liberias Hauptstadt Freetown wurden Pubs und Schulen geschlossen sowie Versammlungsverbote verhängt.

Die weltweiten Flüchtlingsbewegungen infolge von Armut, Bürgerkriegen und Katastrophen werden die Gefahr durch Pandemien weiter verschärfen. Die Staatengemeinschaft, vor allem die reichen Industrienationen, müssen adäquat darauf reagieren.

Vor allem durch Investitionen in Bildung und Ausbildung, die sich langfristig auch für sie lohnen. Geschulte Fachkräfte vor Ort können eine Bedrohung rasch erkennen und geeignete Maßnahmen treffen. Kurz: Grenzenloses Wissen macht sich grenzenlos bezahlt.

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