Ärzte Zeitung, 22.06.2015

Mers-Welle in Südkorea

"Alle müssen in Alarmbereitschaft bleiben"

Seit einem Monat grassiert das Mers-Virus in Südkorea. Wie die Infektionswelle in den Griff zu bekommen ist und wie groß die Gefahr einer internationalen Ausbreitung ist, erläutert Dr. Bernhard Schwartländer, WHO-Repräsentant in China, im Interview mit der "Ärzte Zeitung".

Das Interview führte Jana Kötter

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Schwartländer, täglich erreichen uns Meldungen von neuen Mers-Patienten in Südkorea. Wie schätzt die WHO die aktuelle Lage ein?

Dr. Bernhard Schwartländer

"Alle müssen in Alarmbereitschaft bleiben"

© UNAIDS / P. Virot

Studium der Medizin in Deutschland und Training bei den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta, US-Staat Georgia.

Als Seuchenexperte war er Direktor des nationalen Aids-Programms in Deutschland und Leiter der Abteilung Epidemiologie von Infektionskrankheiten am Robert Koch-Institut.

2001 Wechsel zu UNAIDS in Genf als Leiter der Abteilung Epidemiologie des AidsProgramms der UN.

Seit 2013 ist der 55-Jährige WHO-Repräsentant in China.

Dr. Bernhard Schwartländer: Die WHO arbeitet eng mit der Regierung und den Gesundheitsbehörden Südkoreas zusammen, um das Land in der Reaktion auf die aktuellen Mers-Fälle zu unterstützen - und um aus dem aktuellen Ausbruch so viel wie möglich über das Virus zu lernen.

Letzte Woche haben die WHO und das koreanische Gesundheitsministerium eine gemeinsame Mission auf den Weg gebracht, um die weitere Entwicklung im Auge zu behalten.

Nach unseren bisherigen Erkenntnissen verbreitet sich das Virus nicht in der breiten Gesellschaft, und es konnte bisher keine Übertragung von Mensch zu Mensch nachgewiesen werden. Aktuell konzentriert sich das Auftreten des Virus auf vereinzelte Gesundheitseinrichtungen in Südkorea.

Sehen Sie Parallelen zu den Beginnen des Sars-Ausbruchs 2002?

Schwartländer: Zunächst einmal hat China - ebenso wie viele andere Länder - wichtige Lektionen aus Sars gelernt. Diese Strategien wurden während des jüngsten Ebola-Ausbruchs weiter gestärkt und abgestimmt.

Darüber hinaus sind Sars und Mers zwar beides respiratorische Atemwegserkrankungen, die zum Teil ähnliche Symptome aufweisen mögen, jedoch scheint sich Mers - im Gegensatz zu Sars - ohne nahen Kontakt nicht so einfach von Mensch zu Mensch zu übertragen.

Dies stellt einen bedeutenden Unterschied dar. Mers ist, soweit wir das bis heute wissen, weniger ansteckend als Sars.

Daher unterscheidet sich der aktuelle Mers-Ausbruch stark vom Sars-Ausbruch 2002.

Wie konnte sich das Virus trotzdem so weit von anfänglich nur einem einzigen Fall ausgehend ausbreiten?

Schwartländer: In der gemeinsamen Mission von WHO und südkoreanischem Gesundheitsministerium konnten wir folgende Gründe dafür identifizieren, wie sich das Virus, das von einem einzigen infizierten Reisenden ins Land getragen wurde, so schnell verbreiten konnte:

Zunächst einmal trat das Mers-Coronavirus unerwartet auf, viele Mediziner haben das Virus bisher nicht oder nur kaum gekannt.

Hinzu kamen sub-optimale Präventions- und Kontrollmaßnahmen in einigen Krankenhäusern, auch bedingt durch überfüllte Notaufnahmen und Zimmer mit hoher Patientenanzahl.

Nicht zuletzt können auch der Brauch des sogenannten "Doktor-Shoppings", bei dem Patienten mit Symptomen mehrere Ärzte in verschiedenen Praxen konsultieren, sowie Patientenbesuche von Familienmitgliedern zur schnellen Verbreitung beigetragen haben.

Wird Südkorea in der Lage sein, den weiteren Ausbruch des Mers-Virus zu verhindern?

Schwartländer: Nach Ansicht der WHO hat Südkorea ausreichend Kapazitäten, die aktuelle Situation zu bewältigen. Voraussetzungen dafür sind die hohe Alarmbereitschaft bei neuen Verdachtsfällen, Strategien zur schnellen Isolierung dieser, eine ausreichende Anzahl von Isolationseinheiten, Schutzmaßnahmen für die Angestellten und Testmöglichkeiten, die bis in die ländlichen Regionen hineinreichen.

Inwiefern kann die internationale Staatengemeinschaft helfen, einen Ausbruch wie den aktuellen einzudämmen?

Schwartländer: Die internationale Kooperation von Regierungen und Fachleuten ist essenziell, um weitere Ausbrüche von Mers und anderen hochinfektiösen Krankheiten einzudämmen. Aktuell müssen alle Länder in hoher Alarmbereitschaft bleiben; sollte ein Fall auftreten, muss schnell gehandelt und die internationale Gemeinschaft informiert werden.

Das sofortige Handeln und Identifizieren von Mers-Patienten, die Isolation sowie medizinische Überwachung der Patienten und aller Kontaktpersonen gelten als hocheffiziente Maßnahmen, um ein weiteres Fortsetzen des Ausbruchs zu verhindern.

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