Ärzte Zeitung, 24.08.2015

Asylbewerber-Strom

BÄK fordert Regelversorgung für Flüchtlinge

Die Hilfsbereitschaft ist groß - aber für die Versorgung der voraussichtlich mehr als 800.000 erwarteten Flüchtlinge fehlt eine funktionstüchtige Struktur. BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery fordert erneut, für Asylbewerber die GKV-Regelversorgung zu öffnen.

Von Dirk Schnack

BÄK fordert Regelversorgung für Flüchtlinge

Dr. Alexander Humberg (l.) und Dr. Florian Reifferscheid vom Uniklinikum Schleswig-Holstein versorgen in der neuen Flüchtlingsunterkunft in Rendsburg mit Hilfe von Dolmetscher Sirwan Baban einen Patienten aus dem Irak.

© Schnack

BERLIN/RENDSBURG. Die Flüchtlingswelle nach Deutschland führt zu zunehmenden Problemen in der medizinischen Versorgung sowohl von neu ankommenden als auch der bereits untergebrachten Menschen.

In Berlin hat die Ärztekammer bereits mit harscher öffentlicher Kritik reagiert. Auch in anderen Regionen wird mehr improvisiert, als organisiert. Offenbar haben Verantwortliche in den Innenbehörden der Länder die Dynamik unterschätzt.

"Desolate" Lage in Berlin

Als "desolat" bezeichnete die Ärztekammer Berlin die medizinische Versorgung der Flüchtlinge in der Bundeshauptstadt. Vor allem fehlten Kapazitäten bei der Registrierung der Asylsuchenden. Die Probleme sind aber nicht auf Berlin begrenzt. In Hamburg und Hessen etwa riefen die Kammern jüngst Ärzte auf, den Flüchtlingen zu helfen.

In Schleswig-Holstein bat nun Innen-Staatssekretär Ralph-Müller-Beck Hausärzte um Unterstützung. Sie sollten in den Flüchtlings-Unterkünften Sprechstunden abhalten, sagte Müller-Beck der "Ärzte Zeitung" bei der Einweihung einer Unterkunft in Rendsburg.

Ein Kernproblem ist der Stau bei den medizinischen Erstuntersuchungen. Ohne diese stockt das Asylverfahren. Die medizinischen Abteilungen in den Erstaufnahmeeinrichtungen arbeiten über ihren Kapazitätsgrenzen, die Zahl der noch nicht untersuchten neu angekommenen Flüchtlinge wächst.

Schleswig-Holstein versucht das Problem mit Hilfe der Uniklinik (UKSH) zu lösen. Freiwilliges medizinisches Personal des UKSH übernimmt seit wenigen Tagen mit Kollegen aus dem imland-Krankenhaus in Rendsburg und Albersdorf Erstuntersuchungen.

Behörden, medizinische Einrichtungen und Ärzte müssen sich derzeit auf täglich neue Bedingungen und steigende Patientenzahlen einstellen. Dienstleister, die kurzfristig Ärzte und medizinisches Personal zur Verfügung stellen können, haben Hochkonjunktur.

Alle müssen kooperieren

Eine von ihnen ist die Notarztbörse des Notfallmediziners Dr. André Kröncke. "Wir befinden uns mitten in einer großen Lage", sagte Kröncke der "Ärzte Zeitung". Zu bewältigen ist die Herausforderung nach seiner Ansicht nur durch Kooperation aller Beteiligten.

Einheitliche Lösungen für die Organisation der medizinischen Versorgung gibt es aber nicht, oft entscheiden die regionalen Bedingungen. In Hamburg sollen ab September in allen Aufnahmeeinrichtungen der Hansestadt medizinische Teams für die ambulante Versorgung gebildet sein - mit Hilfe der Ärzte, die sich nach einem Aufruf der Ärztekammer gemeldet haben.

Unterdessen hat der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, die Forderung des Ärztetages erneuert, Flüchtlingen die Regelversorgung zugänglich zu machen. "Für uns Ärzte ist es bedeutungslos, woher ein Mensch kommt. Wir wollen allen die gleiche Qualität zukommen lassen."

Vielfältige Hilfe, schwierige Koordination

Die Lösungen zur medizinischen Betreuung von Flüchtlingen gleichen einem Flickenteppich. Wie geholfen wird, entscheiden die regionalen Gegebenheiten und die zur Verfügung stehenden Ressourcen. Einige Beispiele:

In Hamburg-Harburg stellen die Asklepios Kliniken ein ausgedientes Krankenhausgebäude, das zuletzt als Lager diente, als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung. Vorwiegend Menschen, für die die Nähe zum angrenzenden Neubau der Klinik wichtig ist, werden hier bald untergebracht.

In Schleswig-Holstein übernimmt die private Notarztbörse des Notfallmediziners Dr. André Kröncke die medizinische Betreuung für demnächst fünf Standorte.

Bislang zentrale Erstuntersuchungen werden dezentralisiert. Das Universitätskrankenhaus Schleswig-Holstein (UKSH) soll einen Stau abarbeiten, der sich in der überlasteten zentralen Einrichtung in Neumünster gebildet hat.

Private Initiativen von Ärzten und Pflegekräften: Zum Teil packen Ärzte und Pfleger einfach ihre Taschen, fahren nach Dienstschluss zur nächsten Unterkunft und fragen, wie sie helfen können.

Die Behörden müssen Hilfsangebote koordinieren, Räume und Ausstattung bereitstellen. "Es ist alles dabei - von der Zwei-Stunden-Hilfe nach Dienstschluss bis zu Tageseinsätzen", berichtet ein Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde. Dort werden Hilfseinsätze zentral koordiniert. (di)

[26.09.2015, 13:31:36]
Wolfgang Laub 
Eine öffentliche Petition an den Deutschen Bundestag fordert Regelversorgung für Flüchtlinge
Eine demnächst erscheinende öffentliche Petition (von mir) an den Deutschen Bundestag fordert die Regelversorgung für Flüchtlinge, gerne unterstützbar ( auf epetitionen.bundestag.de/epet/petuebersicht/mz.nc.html ).. u.a. begründet auch wie folgt:
"Asylbewerber und Flüchtlinge sollen mediz. Regelversorgung.bekommen, das ist billiger und menschlicher als der bisher eingeschränkte Zugang durch das Asylbewerberleistungsgesetz- und entspricht der offiziell geäußerten Forderung nach "neuen Lösungen" (auch der Regierenden).
Eine Studie belegt zudem: Der eingeschränkte Zugang zu medizinischer Versorgung bei Asylsuchenden ist teurer als die Regelversorgung.
Asylsuchende haben in Deutschland nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. So ist es seit 1993 im Asylbewerberleistungsgesetz geregelt. Durch das Gesetz sollen die Gesundheitsausgaben gering gehalten und keine Anreize zur Asylsuche in Deutschland geboten werden. Die Regelung ist ethisch umstritten. Dass sie auch wirtschaftlich keinen Sinn macht, belegt eine Studie von Wissenschaftlern der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg und der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. So waren die jährlichen Pro-Kopf Ausgaben für medizinische Versorgung bei Asylsuchenden mit nur eingeschränktem Zugang zur medizinischen Versorgung in den letzten 20 Jahren (1994-2013) um circa 40 Prozent und damit 376 Euro höher, als bei Asylsuchenden, die bereits Anspruch auf die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung haben. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler jetzt in der internationalen Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht. Die Wissenschaftler haben repräsentative Daten des statistischen Bundesamtes der Jahre 1994 bis 2013 ausgewertet und kommen zu dem Ergebnis: Dürfen Asylsuchende ohne bürokratische Hürden und ohne Leistungseinschränkungen Regelversorger wie Allgemein-, Haus- und Kinderärzte aufsuchen, sind die Gesundheitsausgaben niedriger. Unter den Bedingungen eines gleichen Zugangs für alle Asylsuchenden hätten die Gesamtausgaben für die medizinische Versorgung der letzten 20 Jahre um circa 22 Prozent gesenkt werden können. Unterschiede im Bedarf - gemessen an Alter, Geschlecht, Herkunftskontinent und Unterbringungsart - konnten die jährlichen Ausgabenunterschiede zum Teil jedoch nicht gänzlich erklären. "Anbindung an die Regelversorgung so früh wie möglich sicherstellen" "Unsere Studie belegt, dass eine bundesweite Umsetzung des Bremer Modells - bei dem seit 2005 bürokratische Hürden zur Versorgung abgebaut wurden - nicht zwingend mit Mehrkosten verbunden sein muss", betont Ko-Autor Professor Dr. Oliver Razum, Dekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. In Bremen und Hamburg erhalten Asylsuchende ohne Wartezeit eine Gesundheitskarte und damit besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung. "Es ist wichtig, so früh wie möglich eine Anbindung an die Regelversorgung und somit eine umfassende Versorgung mit primärmedizinischen Maßnahmen sicherzustellen", sagt Dr. Kayvan Bozorgmehr. Dies sei nicht nur ethisch geboten, sondern würde auch gesundheitswissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, die mittlerweile international unumstritten seien.
Quelle: Presserklärung der Universität Heidelberg
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[24.08.2015, 13:43:22]
Carsten Windt 
Wer zahlt tatsächlich?
Es hört sich gut an, wenn man sagt, dass das Land Beiträge für Asylbewerber übernimmt. Aber welcher Beitrag wird denn gezahlt? Asylbewerber haben kein Einkommen, welches für die Beitragsbemessung herangezogen wird.
Alleine die hohe Quote an viralen Erkrankungen (z.B. Hep B) in dritte Welt Ländern führt zu kosten, welche über den Beiträgen liegen dürfte.
Die Mehrkosten zahlen die GKV-Versicherten.

Man liest zu r Zeit, dass die Gesundheitskarte billiger für das Land ist, als die bisherige Praxis. Tatsächlich werden die Kosten durch die Versicherten getragen. Der tatsächlich Aufwand wird somit verschleiert.

Richtig ist, das Asylbewerber eine vernünftige ärztliche Behandlung benötigen, dann aber bitte mit offenen Karten zum Beitrag »
[24.08.2015, 13:36:05]
Dr. Horst Grünwoldt 
Immigranten-Elend
Dr. Weiland kritisiert zu Recht den abgehobenen Ärztefunktionär (Radiologen = Durchleuchter?) für sein verantwortungsloses "Gutmenschentum".
Nachdem schon die staatlichen Ämter und Behörden mit der Identifizierung und Registrierung der großen Zahl von illegalen Einwanderern -über nationale EU-Grenzen hinweg migriert- in das ferne Sozial-Paradies Deutschland, überfordert sind, sollen die jungen Männer Afrikas und des Orients nicht nur eine humanitäre Notaufnahme und -versorgung bekommen, sondern sogleich auch noch in die gesetzliche Krankenkasse aufgenommen werden? Und das, bevor sie vielleicht in geringer Zahl als zukünftige Mitglieder unserer (Staatsbürger-)Gesellschaft selektioniert worden sind (gemäß des Aufenthalts-Gesetzes)?
Nein, solche Wohltaten ohne Bedingungen können die gewünschte Integration der Fremden nach 50-jähriger Erfahrung in D nur verhindern; und die gibt es bekanntlich in keinem klassischen Einwanderungsland der Welt umsonst und ohne Forderungen.
Wollt ihr die überwiegend illegal zugereisten Armen, Ungebildeten und kulturell Fremden als Dauergäste in unserem sog. high-tech-Land wirklich haben? Dann müßt ihr Euch aber auf eine lange Zeit für die Befriedigung der fünf menschlichen Grundbedürfnisse (Wohnen, Kleidung, Ernährung, Bildung und Gesundheits-Fürsoge) der "Flüchtlinge" (wovor?) einstellen! Und die "Verwertung" der Gesundheitskarte dürfte davon nicht das Billigste sein.
Könnt ihr Euch nicht vorstellen, daß diese scheinheilige Fürsorge nur mit erheblichen Steuererhöhungen für den leistenden Mittelstand ablaufen kann; und zwar durch den Bund und durch das Parlament.
Wollt ihr jetzt die vermeintliche Bevölkerungs-Lücke kurzfristig nach bloßer Kopfzahl und fünffacher Reproduktions-Rate (Araber) schließen, und das alles ohne ethnische Konflikte mit unseren eigenen Armen und Bildungsfernen? Habt ihr etwa das Kapitel von Herrn Sarrazin, den ich ausdrücklich nicht zum Genetiker erklären möchte, überlesen?
Nach meiner E-Helfer-Erfahrung möchte ich aber unser zivilisiertes Kulturland nicht mit einer unabsehbaren Zahl von Afrikanern und Orientalen neo-kolonisiert haben! Schließlich kommen die überwiegend aus sozio-ökonomisch kaputten Staaten -und sind entsprechend geprägt-, wo archaische Familienclans den gesetzlosen Überlebenskampf im Alltag bestimmen.
Ich denke dabei konkret auch an einige unabschiebbare (staatenlose), libanesische Palästinenser-Sippen in Berlin und anderswo; nicht zuletzt an die jugendlichen, eingeborenen Arabergangs in den Banlieus von Paris und Birmingham.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock


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[24.08.2015, 13:03:06]
Dr. Patricia Klein 
Kostenträgerschaft
Meine Herren, es geht doch nicht draum, dass die GKV die Kosten übernehmen soll, die Kostenträgerschaft bleibt unverändert beim Land bzw. bei den Kreisen.
Es geht darum, welchen Umfang die Leistungen haben und ob es den ärztliche Kollegen zuzumuten ist, Unterschiede zu machen zwischen Flüchtlingen (die nach AsylBLGes nur eingeschränkten Leistungszugang haben) und GKV-Versicherten.
Ich finde, es ist anstrengend genug, zwischen Privat- und Kassenversicherten zu unterscheiden, dass es jetzt noch eine "dritte Klasse" geben soll finde ich indiskutabel. Und wenn es sie gibt, dann erwarte ich einen klaren Katalog an ausgeschlossenen Leistungen. zum Beitrag »
[24.08.2015, 12:45:45]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
mittellose Immigranten sind keine "Flüchtlinge".
[24.08.2015, 10:22:51]
Dr. Ernst Weiland 
Für Herrn Montgomery mag es richtigerweise bedeutungslos sein,
woher ein hilfsbedürftiger Mensch kommt. Es ist aber nicht bedeutungslos, wer dessen Behandlung bezahlen soll! Montgomery vergisst bei seiner Forderung, dass es nicht allein die Aufgabe der Pflichtversicherten sein kann, diese wahrscheinlich erheblichen Mehrkosten in der KV zu tragen (ich sehe es täglich in den Klinikambulanzen, in denen oft mehr als 50% Patienten mit Migrationshintergrund sitzen). Die Politik hat mit dem üblen Trick dafür bereits Tür und Tor geöffnet, indem sie den Pflichtbeitrag gesenkt und den KVen freigestellt hat, eventuelle Mehrkosten über Beitragserhöhungen an die Versicherten weiterzugeben.
Wenn schon, dann ist es Aufgabe ALLER Steuerzahler, diese Kosten zu tragen, auch unserer, die wir als Selbständige privat und nicht pflichtversichert sind! Soviel Solidarität zu den Pflichtversicherten, die für die meisten Ärzte das Brot- und Buttergeschäft darstellen, muss schon sein! zum Beitrag »

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