Ärzte Zeitung, 25.08.2015

Flüchtlingsversorgung

Der Doktor, der das Heimweh kurieren möchte

Der leitende Arzt aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster hat viele der Länder, aus denen Flüchtlinge kommen, bereist.

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Dr. Hilmar Keppler ist leitender Arzt in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Schleswig-Holstein.

© Dirk Schnack

NEUMÜNSTER. Mit jedem Patientenkontakt heißt Dr. Hilmar Keppler einen Menschen in Deutschland willkommen, dem er etwas zurückgeben möchte. Zurückgeben von der Zeit vor seiner Arbeit als Mediziner.

Zehn Jahr war der leitende Arzt aus der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Schleswig-Holstein als Lastwagenfahrer in der Welt unterwegs - häufig im Nahen Osten.

"Ich habe dort viel Gastfreundschaft erfahren", sagt Keppler. Für ihn ist es auch deshalb selbstverständlich, den Flüchtlingen mit Empathie zu begegnen. Keppler hat auf seinen Fahrten viele Städte kennengelernt, die heute in Krisenregionen liegen und die viele der Flüchtlinge auch kennen - und vermissen.

Lange Unterhaltungen sind unmöglich

Lange Unterhaltungen und ein Schwelgen in Erinnerungen lässt die knappe Zeit in der Erstaufnahmeeinrichtung jedoch nicht zu.

Keppler leitet ein Team des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) mit sechs Ärzten, das die Erstuntersuchungen in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes vornehmen muss. Sein Sprechzimmer gleicht einem Taubenschlag - alle zwei Minuten brauchen Kollegen, Medizinische Fachangestellte, Dolmetscher oder Patienten irgendeinen Rat von ihm.

Keppler klagt trotzdem nicht. "Die Bedingungen sind befriedigend. Geld ist kein Problem", sagt Keppler. Einen Ausbau der Räume auf vier Arztzimmer und 160 Quadratmeter hat er schon durchgesetzt, die Zahl der Ärzte seit 2013 verdoppelt.

Dennoch reichen durch den permanenten Anstieg der Flüchtlingszahlen die Kapazitäten wieder nicht aus. "Das Problem ist, dass sich auf Stellenausschreibungen kaum noch Ärzte melden", sagt Keppler. Um nach den Erstuntersuchungen Entlastung bei der weiteren medizinischen Betreuung zu erhalten, wünscht er sich einen leichten Zugang für Flüchtlinge in die Praxen.

Für die Kollegen in den Praxen müssten Honorierung und Übersetzung gewährleistet werden, fordert er. In seiner Einrichtung fehlt nach seiner Einschätzung eine Rund-um-die-Uhr Betreuung.

Kranke Flüchtlinge suchen derzeit das Sicherheitspersonal auf und erhalten dann die Erlaubnis, ins benachbarte Krankenhaus zu gehen - mit der Folge, dass dort die Aufnahme zunehmend überfüllt ist und die Klinikärzte nach Dolmetschern suchen. (di)

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