Ärzte Zeitung, 25.09.2015

UN-Nachhaltigkeitsgipfel

17 Ziele für ein besseres Leben im Jahr 2030

An diesem Freitag beginnt in New York der UN-Nachhaltigkeitsgipfel. Die "2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung" soll unter anderem die Gesundheitsversorgung optimieren. Ist der Kraftakt nur ein visionäres Bekenntnis ohne Strahlkraft?

Ein Leitartikel von Matthias Wallenfels

17 Ziele für ein besseres Leben im Jahr 2030

Die weitere Reduzierung der neonatalen Mortalität ist eines der UN-Ziele für 2030.

© Dennis M. Sabangan / epa / dpa

NEW YORK. Eine Welt frei von Krankheiten, Hunger, Armut, Gewalt und Analphabetismus, dafür aber mit einem universellen Zugang zu einer qualifizierten Ausbildung sowie einer gesundheitlichen Versorgung, die das physische, mentale und soziale Wohlbefinden ermöglicht: Das soll in 15 Jahren erreicht sein - zumindest, wenn es nach dem Willen der Vereinten Nationen (UN) geht.

Ab 25. September treffen sich Staats- und Regierungschefs aus aller Welt für drei Tage in New York, um sich am Sitz der UN auf die "2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung" - eine Vision mit 17 Zielen und 169 Unterzielen - zu verpflichten, die der nachhaltigen Entwicklung dienen sollen. Diese Sustainable Development Goals (SDG) sollen im Zeitraum 2016 bis 2030 erreicht werden.

Sie folgen auf die vor 15 Jahren im Rahmen der als "Millennium-Gipfel" bezeichneten 55. Generalversammlung der Vereinten Nationen vereinbarten Millenniumsziele (Millennium Development Goals, MDG).

Diese wurden, so zeigte es eine offizielle UN-Bilanz im Juli dieses Jahres, nicht vollständig erreicht. So konnte zum Beispiel die Mortalität bei Kindern unter fünf Jahren zwar weltweit um 53 Prozent gesenkt werden, die Zielvorgabe lautete allerdings 66 Prozent.

Die Millenniumsziele sollen von den Staaten, so sieht es die von der von den Vereinten Nationen eingesetzte Arbeitsgruppe erarbeitete, offizielle UN-Beschlussvorlage mit dem Titel "Transforming Our World: The 2030 Agenda For Sustainable Development" vor, weiter verfolgt werden.

Eradikation epidemischer Krankheiten angepeilt

Unter Ziel Nummer drei "Health" sind verschiedene Bestrebungen subsumiert, die vor allem Entwicklungsländer, aber in Teilen auch die Industriestaaten betreffen. So soll unter anderem die Müttersterblichkeit weltweit auf weniger als 70 je 100.000 Lebendgeburten und damit um weitere zwei Drittel reduziert werden.

Für 2013 ging die WHO in ihrem Bericht "Trends in Maternal Mortality: 1990 to 2013" von einer Rate von 210 je 100.000 Lebendgeburten aus.

Vermeidbare Sterbefälle von Neugeborenen sollen auf zwölf je 1000 Lebendgeburten gesenkt werden; für 2013 nennt UNICEF den Wert von 20 je 1000.

Bei Kindern unter fünf Jahren wird der Wert von 25 je 1000 angestrebt - für 2013 schätzt die WHO diesen Wert auf 43 je 1000. Bis 2030 sollen auch epidemische Krankheiten wie Aids, Tuberkulose, Malaria oder Ebola ausgerottet werden.

Auf der institutionellen Ebene sollen binnen 15 Jahren alle Menschen weltweit der Zugang zu Familienplanungsmaßnahmen und reproduktionsmedizinischen Dienstleistungen haben und die reproduktive Gesundheit in nationale Strategieprogramme überführt werden.

Weitere Selbstverpflichtungen in puncto Gesundheit umfassen die intensivere Prävention von Drogenkonsum und Alkoholabusus sowie die effektivere Behandlung von Abhängigen.

Die Ziele des UN-Nachhaltigkeitsgipfels erscheinen auf den ersten Blick illusorisch. Europa - und speziell Deutschland - zum Beispiel erlebt derzeit durch die massive Flüchtlingswelle eine Herausforderung, die zu grenzwertigen Situationen in der gesundheitlichen Versorgung vor allem der Flüchtlinge führen kann.

Abgesehen davon kann Deutschland angesichts des Ärztemangels vor allem auf dem platten Land den universellen Zugang zu einer fachärztlichen Versorgung nicht mehr lange gewährleisten.

UN leiden nicht an Realitätsverlust

Die UN sind (zweck-)optimistisch ob ihrer Zielsetzungen, versperren sich aber nicht den Blick auf die Realität. So verweisen sie in ihrer Beschlussvorlage auf die gegenwärtigen globalen Gesundheitsbedrohungen, die Zunahme von Frequenz und Intensität bei Naturkatastrophen sowie die Gefahren durch Terror, Jugendarbeitslosigkeit oder auch gesellschaftliche Umverteilungsdefizite.

Sie sehen aber gerade gegenwärtig angesichts der Fortschritte bei der Informations- und Kommunikationstechnologie und der globalen Vernetzung großes Potenzial zur Überbrückung der digitalen Kluft und damit zur Schaffung von Wissensgesellschaften. Dasselbe gilt für wissenschaftliche und technische Innovationen zum Beispiel in den Bereichen Energie oder Medizin.

Knackpunkt der SDG wird - wie es auch bei den MDG war - sein, dass es sich bei diesen Selbstverpflichtungen nicht um sanktionierte Zielvereinbarungen handelt und die einzelnen Staaten somit über eine gehörige Portion intrinsischer Motivation zur Erreichung der Vorgaben verfügen müssen. Die gibt es durchaus.

So lohnt es sich speziell für die am wenigsten entwickelten Länder, in die Bevölkerung - und damit ihr Humankapital - zu investieren. Wenn sie gleichzeitig ein stabiles politisches Umfeld sowie einen rechtssicheren Wirtschaftsraum schaffen, werden sie interessanter für Investitionen seitens der Privatwirtschaft.

Selbst bei einer deutlichen Verfehlung der gesteckten UN-Gesundheitsziele darf nicht aus dem Blick geraten, dass auch über den Vorläufer der MDG in den meisten Ländern weltweit erhebliche Fortschritte in puncto Gesundheit der Bevölkerung erreicht und auch gehalten wurden. Insofern dürfte vom UN-Nachhaltigkeitsgipfel in New York ein ernstes und wichtiges Signal ausgehen.

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