Ärzte Zeitung, 02.06.2016

Virale Hepatitis

Erste globale WHO-Strategie strebt Eliminierung bis 2030 an

Die 69. Weltgesundheitsversammlung beschließt Maßnahmen zur Eliminierung von viraler Hepatitis, HIV sowie sexuell übertragbarer Infektionen. Hepatitis-Experten sehen die WHO in puncto viraler Hepatitis auf dem richtigen Weg - auch wenn es noch viele Hürden gibt.

Von Matthias Wallenfels

Erste globale WHO-Strategie strebt Eliminierung bis 2030 an

WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan und Dr. Ahmed Mohammed Obaid al Saidi, Präsident der 69. Weltgesundheitsversammlung in Genf.

© WHO/L. Cipriani

Hepatitis B und C soll nach dem Willen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zum Jahr 2030 weltweit eliminiert sein. Auf ihrer 69. Weltgesundheitsversammlung verabschiedeten die Delegierten vor Kurzem in Genf die erste Globale Strategie zu viraler Hepatitis.

Die World Hepatitis Alliance (WHA) spricht von einer "historischen Verpflichtung" der WHO und dem bisher weltweit größten Engagement gegen die virale Hepatitis. Laut WHA umfasst die Strategie eine Reihe von Präventions- und Behandlungszielen, die, wenn sie erreicht würden, die Todesfälle pro Jahr um 65 Prozent reduzieren und die Zahl der Behandlungen um 80 Prozent erhöhen würden. Dies werde bis 2030 weltweit 7,1 Millionen Leben retten.

An viraler Hepatitis sterben, so die WHA, weltweit 1,4 Millionen Menschen pro Jahr - mehr als an HIV oder Malaria. Weltweit seien 400 Millionen Menschen an viraler Hepatitis erkrankt. Sie gehöre zu den häufigsten Ursachen für Leberzirrhose und -krebs.

Dank Impfungen und wirksamer Behandlungsmethoden für Hepatitis B und einem Heilverfahren für Hepatitis C sind die in der Strategie enthaltenen Ziele nach Lesart der WHA realistisch.

Viele WHO-Staaten noch ohne nationale Strategie

Gleichzeitig warnen die Hepatitis-Experten aber vor zu viel Optimismus. "Die Verabschiedung der Strategie belegt zwar einen nachdrücklichen politischen Willen, doch es muss noch viel Arbeit geleistet werden, um die Eliminierung von viraler Hepatitis in die Tat umzusetzen", heißt es in einer Stellungnahme.

Stand Februar 2016 hätten gerade einmal 36 Länder über nationale Pläne in Bezug auf virale Hepatitis verfügt, 33 sähen die Einführung eines solchen Plans vor. Das bedeute, dass 125 WHO-Mitgliedsstaaten nicht über nationale Strategien im Kampf gegen diese tödliche Krankheit verfügten. Eine gewaltige Verstärkung von Ressourceneinsatz und Priorisierung sei demnach erforderlich.

Die WHA verspricht zugleich, dass sie und ihre 230 Mitgliedsstaaten weiterhin daran arbeiteten, sicherzustellen, dass die Länder ihrer Verpflichtung nachkommen und dass sie Maßnahmen zur Erreichung der gesteckten Ziele ergriffen.

Zum Welt-Hepatitis-Tag am 28. Juli werde die Organisation die Kampagne NOhep präsentieren, die nach eigener Aussage erste globale Bewegung zur Unterstützung der Eliminierung viraler Hepatitis bis 2030.

In ihrer in Genf verabschiedeten Globalen HIV-Strategie verfolgt die WHO das Ziel, allen HIV-Infizierten den schnellen Zugang zu antiretroviralen Therapien zu ermöglichen. Zudem sollen HIV-Testungen und die Präventionsmaßnahmen gestärkt werden.

Ziel: Null HIV-Neuinfektionen bei Kindern bis 2020

Die WHO hat auch Erfolge in puncto HIV vorzuweisen. So seien seit dem Jahr 2000 nach Schätzungen 7,8 Millionen Todesfälle infolge einer HIV-Grunderkrankung sowie 30 Millionen Neuinfektionen verhindert worden.

Bis zum Jahr 2020, so das in der Strategie verankerte Ziel der WHO, sollen nun weltweit die Todesfälle infolge einer HIV-Grunderkrankung auf unter eine halbe Million Fälle reduziert werden. Unter dieselbe Marke soll auch die Zahl der HIV-Neuinfektionen gedrückt werden - bei Kindern wird angestrebt, Neuinfektionen gänzlich zu vermeiden.

In ihrer Globalen Strategie zu sexuell übertragbaren Infektionen betont die WHO die Notwendigkeit, die Prävention, das Screening und die Beobachtung zu forcieren - speziell für Erwachsene und andere Risikogruppen der Bevölkerung.

Die WHO weist auch auf große Versorgungsdisparitäten hin. So seien diagnostische Tests auf sexuell übertragbare Infektionen in großem Maße in Industrieländern im Einsatz. In Entwicklungs- wie auch Schwellenländern seien diagnostische Tests hingegen kaum verfügbar.

Ein weiteres Problem stellen nach Ansicht der WHO im Kampf gegen sexuell übertragbare Infektionen die Antibiotikaresistenzen dar - insbesondere im Falle der Gonorrhoe. Die in den vergangenen Jahren gestiegenen Antibiotikaresistenzen hätten die therapeutischen Optionen erheblich beschnitten. Mehr als eine Million Fälle sexuell übertragbarer Infektionen würden weltweit täglich akquiriert. Jedes Jahr komme es geschätzt zu 357 Millionen Neuinfektionen mit Chlamydien, Gonorrhoe, Syphilis oder Trichomonias.

In einem weiteren Punkt verpflichtet sich die WHO auf das Verfolgen der gesundheitsbezogenen sozialen Entwicklungsziele, die die Vereinten Nationen im September auf ihrem Nachhaltigkeitsgipfel in New York verabschiedet haben. Die Vereinten Nationen streben bis zum Jahr 2030 eine Welt frei von Krankheiten, Hunger, Armut, Gewalt und Analphabetismus an, dafür aber mit einem universellen Zugang zu einer qualifizierten Ausbildung sowie einer gesundheitlichen Versorgung, die das physische, mentale und soziale Wohlbefinden ermöglicht.

[04.06.2016, 12:48:38]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
wirklich zu harte Worte!
Lieber positive Visionen als negative ausgerechnet von einem studierten Arzt:
z.B. Wasserknappheit auf einem Wasserplanet!
Das verschwindet auch nicht im Weltraum
Etwas weniger Wasser wäre mir lieber. zum Beitrag »
[02.06.2016, 17:01:55]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die WHO lernt es nie!
Ich erinnere mich noch genau: In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu den Höhepunkten der "Gesundheitstage" vertrat die Kollegin Ilona Kickbusch vom WHO-Regionalbüro Europa in Kopenhagen in illusionärer Verkennung der Tatsachen ebenso medizin-bildungs- wie versorgungs-realitätsfern allen Ernstes die These "Gesundheit für Alle bis zum Jahr 2000!".

Jetzt verfällt die 69. Weltgesundheitsversammlung der WHO schon unter semantischer Verleugnung des Themenkomplexes "Krankheit" in vergleichbare "Wahnvorstellungen": Wer angesichts von Hunger, Wasserverknappung, Missernten, Dürren, Überschwemmungen, territorialen Kriegen, globalen Flüchtlingsströmen, Umweltverdreckung, Ökonomie auf Kosten von Ökologie, Ressourcenverknappung, Unterernährung, Elend, Krankheit, Siechtum, viel zu frühem Tod und ansteigender Säuglings- bzw. Kindersterblichkeit allen Ernstes Maßnahmen zur Eliminierung (also Ausrottung) von viraler Hepatitis, HIV sowie sexuell übertragbaren Infektionen bis zum Jahr 2030 anvisiert, sollte sich doch eher auf seinen eigenen Gesundheits- und Geisteszustand ärztlich untersuchen lassen.

Ich bedaure sehr, solch harte Worte wählen zu müssen. Aber die WHO könnte doch auch die Abschaffung des Internets bis zum Jahr 2040 fordern und kein Mensch, außer einigen "Chemtrades"-Spinnern, pseudo-religiösen oder fundamentalistischen Weltuntergangs- und Katastrophen-Apologeten bzw. Verschwörungstheoretikern oder Hasspredigern würde dem ernsthaft Glauben schenken.

Es ist an der Zeit, dass sich die WHO auf Krankheiten, deren Bewältigung ("Coping"), Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention beschränkt, statt den Menschen, den Medien, Politik und Öffentlichkeit ewig pseudo-gesundheitspolitischen Sand in die Augen zu streuen!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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