Ärzte Zeitung, 27.07.2016

Japan

Massenmord im Behindertenheim

Er soll von der Regierung die Euthanasie von geistig Behinderten gefordert haben. Jetzt hat ein psychisch kranker Japaner 19 Heimbewohner erstochen.

Von Sonja Blaschke

TOKIO. Bei einer Messerattacke in Japan wurden 19 Menschen erstochen, 25 weitere teils schwer verletzt. Der mutmaßliche Attentäter, ein früherer Mitarbeiter der Einrichtung, ein Behindertenheim, war zeitweise in psychiatrischer Behandlung. Er soll von der Regierung die Euthanasie von geistig Behinderten gefordert haben.

Der Mann hatte ein Fenster eingeworfen, war ins Gebäude eingestiegen und mit Messern auf die Bewohner losgegangen. Dabei soll er Polizeiangaben zufolge gezielt Männer und Frauen attackiert haben, die wegen ihrer Behinderung nicht zur Kommunikation fähig waren. Der Täter fügte ihnen tiefe Stichwunden am Hals zu. 19 Tote und mindestens 25 Verletzte, davon viele Schwerverletzte, sind die traurige Bilanz des schlimmsten Massenmordes in Japan seit Jahrzehnten.

Ein Mann mit vielen Freunden

Kurz nach der Tat stellte sich der mutmaßliche Mörder Satoshi Uematsu, ein 26-jähriger ehemaliger Mitarbeiter des Heimes, der Polizei. Diese fand bei ihm drei Messer, blutverschmiert. Den Beamten soll Uematsu gesagt haben, dass er wolle, dass Behinderte "verschwinden". Dabei hatte er selbst rund vier Jahre lang in dem Heim Tsukuimachi Yamayuri-en gearbeitet. Dieses liegt in der Stadt Sagamihara, 50 Kilometer vom Stadtzentrum Tokios entfernt. In der Anlage sind rund 150 schwer geistig Behinderte zwischen 19 und 75 Jahren untergebracht. Zur Zeit des Amoklaufes waren acht Betreuer im Gebäude.

Facebook-Fotos zeigen Uematsu als Mann mit einem schmalen Gesicht, einem strahlenden Lächeln und einer Baseball-Mütze auf dem Kopf. Er habe viele Freunde gehabt, die ihn oft besuchten. Mitschüler aus der Oberschulzeit berichten, dass Uematsu Grundschullehrer werden wollte. Doch nach seinem Universitätsabschluss habe er sich stark verändert, auffällige Kleidung und Haarschnitte getragen, sich tätowieren lassen - was man in Japan als Anzeichen für Verbindungen zur Mafia interpretiert.

Job im Heim verloren

Uematsu hatte seit Ende 2012 in dem Behindertenheim gearbeitet, zunächst aushilfsweise. Wenige Monate später wurde er fest angestellt. Er soll nur 500 Meter entfernt in einem Haus alleine gewohnt haben. Doch am 19. Februar wurde ihm gekündigt. Der Anlass war, dass Uematsu am 18. Februar gegenüber Kollegen bemerkt haben soll, dass das Leben geistig Behinderter wertlos sei und man diese besser einschläfern sollte.

Am nächsten Tag meldete die Heimleitung dies den Behörden, da befürchtet würde, dass Uematsu andere verletzen könnte. Ein Arzt leitete Uematsus umgehende Einweisung in ein Krankenhaus in die Wege. Bei einer Urinprobe wurde Marihuana festgestellt. Zwei weitere Ärzte attestierten dem 26-Jährigen mentale Störungen infolge des Drogengenusses sowie Wahnvorstellungen. 12 Tage verbrachte er in der geschlossenen Abteilung. Dann entließen ihn die Ärzte, weil die Symptome - über die bisher nichts Näheres bekannt ist - verschwunden waren und man in ihm keine Gefahr für die japanische Gesellschaft sah.

Wie erst jetzt bekannt wurde, soll Uematsu wenige Tage vor seiner Einweisung in einem Schreiben an die japanische Regierung gefordert haben, Euthanasie für Schwerstbehinderte einzuführen. Er soll den Brief bei der Residenz des Parlamentspräsidenten abgegeben haben. Nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo drohte Uematsu in seinem Brief, während seiner Nachtschicht 470 Behinderte umzubringen. In dem Schreiben, das Kyodo vorliegt, schrieb Uematsu: "Mein Ziel ist eine Welt, in der Schwerstbehinderte mit der Zustimmung ihrer Erziehungsberechtigten getötet werden können, wenn es ihnen nicht möglich ist, zuhause zu leben oder in der Gesellschaft aktiv zu sein."

Solche Attentate sind in Japan, das sehr geringe Verbrechensraten aufweist, extrem selten. Die letzte Attacke dieser Art schockierte das Land im Jahr 2008. Damals steuerte ein Mann einen Lastwagen in eine Menschenmenge, stieg aus und begann auf Passanten einzustechen. Sieben Menschen verloren ihr Leben. Der Lkw-Fahrer sitzt seither in der Todeszelle.

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