Ärzte Zeitung, 25.08.2016

Brexit

Ausländische Ärzte brechen Zelte ab

Nach dem Brexit-Votum wächst im britischen Gesundheitswesen die Unsicherheit für ausländische Ärzte. Ärzteverbände haben öffentlich vor einem Ausbluten der Versorgung gewarnt. Die Regierung soll rasch Klarheit schaffen.

Von Arndt Striegler

Ausländische Ärzte brechen Zelte ab

Genau hinhören sollten Gesundheitspolitiker, fordern britische Facharztverbände. Sie sehen große Verunsicherung unter ausländischen Kollegen.

© Milasan / fotolia.com

LONDON. Rund zwei Monate nach dem historischen Brexit-Votum der Briten hat in Großbritannien offenbar der Exodus von Ärzten und anderem hoch qualifiziertem Gesundheitspersonal ins Ausland begonnen.

Mehrere große Kliniken schlagen öffentlich Alarm. Fachärztliche Berufsverbände befürchten, dass die Patientenversorgung als Folge der Rückkehr hunderter Fachärzte in die EU "ernsthaft gefährdet" sei.

Die Briten hatten am 23. Juni mit knapper Mehrheit für einen Austritt aus der EU gestimmt. Bislang weigert sich die Londoner Regierung, ein konkretes Datum für den Beginn der Austrittsverhandlungen mit Brüssel zu nennen.

Ebenso hat Premierministerin Theresa May bisher nicht erklärt, ob Ärzte und anderes Gesundheitspersonal, das derzeit in Großbritannien arbeitet, auch nach dem EU-Austritt im Land bleiben darf. Diese Unsicherheit scheint einer der Hauptgründe zu sein, warum deutsche und Ärzte aus anderen EU-Ländern in Großbritannien die Koffer packen.

Offener Brief an die "Times"

Die Sorge, als Folge des Brexit ausländische Fachärzte zu verlieren, die bisher im staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) tätig sind, veranlasste die "Federation of Specialist Hospitals" (FSH) jetzt zu dem ungewöhnlichen Schritt, einen Offenen Brief an die Londoner Tageszeitung "Times" zu schreiben.

In dem Brief, der im Königreich für Schlagzeilen sorgt, warnen Krankenhausverwaltungen: "Wir beobachten mit großer Sorge, dass sich immer mehr ausländische hoch qualifizierte Fachärzte vom NHS abwenden, um Großbritannien zu verlassen." Dies sei eine direkte Reaktion auf den Brexit.

In Fachbereichen wie der Kardiologie und der Neurologie klafften als Folge bereits heute "Versorgungslücken". Diese dürften in den kommenden Monaten wachsen und auch auf andere Fachrichtungen übergreifen. Unterschrieben ist der Brief unter anderem von Mitarbeitern des Papworth Hospital (Cambridge), Moorefield Eye Hospital (London) und Royal Brompton Hospital (London).

Klarstellung der Regierung gefordert

Umfragen der "Ärzte Zeitung" bei anderen Kliniken in den Großräumen London und Manchester ergaben, dass auch dort Ärzte und anderes Klinikpersonal aus EU-Ländern offenbar damit begonnen hat, das Land zu verlassen.

Berufsverbände und Patientenorganisationen forderten die Londoner Regierung auf, "unverzüglich" klar zu stellen, dass EU-Ärzte in jedem Fall ein gesichertes Aufenthaltsrecht in Großbritannien erhalten werden, und zwar unabhängig davon, wie die Brexit-Verhandlungen ausgehen.

"Diese lähmende und nervenaufreibende Unsicherheit schadet sowohl der Arbeitsmoral als auch der Patientenversorgung", sagte eine Sprecherin des Ärzteverbandes British Medical Association der "Ärzte Zeitung".

[30.08.2016, 14:14:17]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Ludger Barthelmes
Sorge britischer Ärzteverbände um Ärzte-Exodus berechtigt

Die Sorge britischer Ärzteverbände um einen Exodus europäischer Ärzte aus Großbritannien ist berechtigt. Bestimmte Fachgebiete (Anästhesie, Radiologie, Pathologie) sind chronisch unterversorgt. Ob ein Massenexodus eintritt, ist schwer vorauszusehen.

Der Verlust individueller Fachärzte würde in bestimmten Regionen und Krankenhäusern Versorgungsengpässe verschlimmern oder auslösen, für den es keinen Ersatz gäbe. Arbeitsbedingungen und Besoldung für Ärzte in Großbritannien sind möglicherweise besser. Steuerlich sind Familien im Vergleich zu Deutschland benachteiligt. Die Qualität der Schulausbildung ist fraglich. Falls Kinder in Großbritannien zur Universität gehen, sind massive familiäre finanzielle Einbussen durch neuerlich eingeführte Studiengebühren (~ 110000 Euros pro Jahr) unumgänglich, die mögliche Besoldungsvorteile des britischen Gesundheitssystems für Ärzte bei weitem nicht ausgleichen. Massive Finanzierungslücken im Gesundheitssystem führen zu Versuchen, durch Anhebung von Parkplatzgebühren oder Kürzungen von Fort- und Weiterbildungsbudgets ausgeglichen zu werden mit entsprechendem Unmut, der von der Höhe der finanziellen Verluste unabhängig ist.

Politiker, wenn direkt befragt über Aufenthalts- und Arbeitsberechtigungsgarantien von EU-Bürgern und deren Familienangehörigen, halten sich bewusst bedeckt, um im Poker über
Aufenthalts- und Arbeitsgarantien von Briten, die in der EU leben, nicht vorzeitig eine Trumpfkarte zu verlieren.

Die Sorge britischer Ärzteverbände, dass Brexit 'the nail in the coffin' ('Zünglein an der Waage') für EU Ärzte ist, Großbritannien zu verlassen, ist leicht nachvollziehbar und berechtigt.

Dr. med. Ludger Barthelmes
Leitender Arzt
Abteilung fuer Senologie
North Cumbria University Hospitals NHS Trust Carlisle Grossbritannien


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[26.08.2016, 09:42:24]
Michael Heins 
Falschmeldung?
Ich halte die Meldung aufgrund ihrer Begründung für wenig glaubwürdig.
Es ist sehr unwahrscheinlich, daß der geplante Austritt Großbritanniens aus der EU negative Auswirkungen für Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse für hochqualifiziertes Personal haben wird.
Die Rückgewinnung über die Grenzkontrollen bezieht sich auf die ungeregelte Masseneinwanderung in die Sozialsysteme und die Möglichkeit der Abschiebung von Haßpredigern und Kriminellen.
Der Ärztemangel des NHS ist selbstgemacht (wie in D auch), die Arbeitsbedingungen und Bezahlung aber ungleich besser als zumindest in Deutschland, die Steuern deutlich niedriger.
Unter dem Strich bleibt eine deutlich bessere Lebensqualität.
Daß bei dieser Faktenlage europäische Ärzte in Massen Großbritannien verlassen würden, halte ich für sehr unwahrscheinlich. zum Beitrag »

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