Ärzte Zeitung, 09.09.2016

9/11

Das Leid der Helfer 15 Jahre nach dem Terror

Atemwegserkrankungen, Krebs und Posttraumatische Belastungsstörung: 15 Jahre nach den Anschlägen aufs World Trade Center leiden viele der Rettungskräfte noch immer.

Von Claudia Pieper

Das Leid der Helfer 15 Jahre nach dem Terror

Ein Feuerwehrmann fordert zehn Kollegen für den Einsatz in den Trümmern an.

© Preston Keres / dpa

Der 11. September 2001 hat sich für immer in unsere Erinnerung eingegraben: Der Terroranschlag der Al-Qaida kostete allein in New York rund 2750 Menschen das Leben. Doch die Tragödie war an dem Tag keineswegs zu Ende.

Mehr als eine Million Tonnen Schutt und Staub lagen auf Manhattan: eine giftige Mischung aus Glasfasern, pulverisiertem Zement, Asbest, Dioxinen, Blei, Kältemitteln auf der Basis von fluorierten Halogenkohlenwasserstoffen, Schwefelsäure und chlorhaltigen Verbindungen, um nur einige Schadstoffe zu nennen.

Heute weiß man, dass die Schutzmaßnahmen für diejenigen, die sich an den Bergungs- und Räumungsarbeiten beteiligten, völlig unzureichend waren. Selbst unter den verhältnismäßig gut ausgerüsteten Feuerwehrleuten trugen in den ersten Tagen nur die wenigsten einen Atemschutz.

Einfache Masken schützten nicht adäquat, Verantwortliche verleugneten Gefahren zuerst

Die meisten Helfer benutzten, wenn überhaupt, einfache Masken, die wenig ausrichteten. Um einen adäquaten Schutz zu erreichen, hätte man die Helfer mit Atemgeräten ausstatten müssen, deren Filter alle halbe Stunde auszuwechseln waren – eine zu keinem Zeitpunkt erreichte Anforderung.

Aus heutiger Sicht unbegreiflich ist es, dass die politisch Verantwortlichen die Gesundheitsgefahr am "Ground Zero" und im unteren Manhattan verleugneten. "Die Luft stellt keine Gefahr dar, soweit wir das derzeit beurteilen können", sagte Oberbürgermeister Rudy Giuliani kurz nach dem Attentat.

Die Leiterin der Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) Christine Todd Whitman beruhigte die Öffentlichkeit am 18. September 2001: "Die Luft kann ohne Gesundheitsrisiko eingeatmet und das Wasser ohne Gefahr getrunken werden."

Sie zahlten einen hohen Preis

Die Staubschicht in anliegenden Wohnungen, Schulen und Bürogebäuden könne mit "nassen Lappen" angegangen werden, hieß es an anderer Stelle. Nach einer knappen Woche klingelte man stolz die Wall Street zurück ins Leben.

Die Helfer und Arbeiter, die auf dem Schutthaufen arbeiteten, zahlten einen hohen Preis. Fast alle (99 Prozent der Feuerwehrleute) litten schon am ersten Tag unter Husten, Atemnot (43 Prozent) und Schmerzen im Brustbereich (36 Prozent). Übelkeit und Hautinfektionen waren weitere frühe Indikatoren, dass die Luft keineswegs rein war.

Später gab die EPA unter Druck zu, "Fehler gemacht" zu haben. Da war es aber für die Betroffenen zu spät: Bei Tausenden zeichneten sich komplexe Krankheitsbilder ab, die chronischer Natur waren.

Gesetz gab Anspruch auf kostenlose medizinische Versorgung

Im Jahr 2006 starb der erste Feuerwehrmann an einer Lungenkrankheit, die auf seinen Einsatz am "Ground Zero" zurückgeführt wurde. Es dauerte noch fast fünf Jahre, bis – nach etlichen erhitzten Debatten im Kongress – ein nach ihm benanntes Gesetz verabschiedet wurde: Der "James Zadroga 9/11 Health and Compensation Act" gab Helfern, Arbeitern und Überlebenden unter anderem Anspruch auf kostenfreie medizinische Versorgung.

Das Gesetz war jedoch zeitlich begrenzt und musste Ende 2015 neu bewilligt werden, was wieder nur nach intensivem politischen Kampf gelang.

Das Gesetz schuf das "World Trade Center Health Program", in dem heute fast 75.000 Betroffene betreut werden: rund 65.000 Einsatzkräfte am "Ground Zero" und 10.000 Überlebende und Betroffene.

Rund die Hälfte (37.305) der im Gesundheitsprogramm Registrierten hat wenigstens eine Krankheit, die mit dem 11. September in Zusammenhang gebracht wird.

Die meisten leiden unter Krankheiten der Atemwege und des Magen-Darm-Trakts (32.291, davon 27.613 Einsatzkräfte) und psychischen Krankheiten wie Posttraumatischer Belastungsstörung (12.500, davon 9.465 Einsatzkräfte). Krebs steht mittlerweile an dritter Stelle: mit 5441 Fällen (davon 4692 bei Einsatzkräften).

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