Ärzte Zeitung, 07.10.2016

Der Sanders-Effekt

Bringt Grünen-Kandidatin Hillary Clinton ins Stolpern?

Im US-Wahlkampf dreht sich alles um das Duell Trump gegen Clinton. Doch eine weitere Kandidatin steht in den Startlöchern: Dr. Jill Stein. Die Internistin könnte das Zünglein an der Waage sein, das den Wahlkampf entscheidet.

Von Claudia Pieper

Bringt Grünen-Kandidatin Hillary Clinton ins Stolpern?

Muss um ihre Aufmerksam mehr kämpfen als ihre Konkurrenten Clinton und Trump: Dr. Jill Stein. Erik Mcgregor / picture alliance / ZUMA Press

WASHINGTON. Viele wissen nicht, dass sich in diesem Herbst noch eine zweite Frau um das Präsidentschaftsamt der Vereinigten Staaten bewirbt: Die Ärztin Dr. Jill Stein tritt bereits zum zweiten Mal als Kandidatin für die Grüne Partei an.

2012 hatte Stein nicht einmal die Ein-Prozent-Hürde übersprungen. Doch in diesem Wahljahr wittert sie bessere Chancen: Nicht nur, weil die beiden Hauptkandidaten unbeliebt sind, sondern auch, weil Stein einige Ansichten vertritt, die der Clinton-Kontrahent Bernie Sanders in den Vorwahlen erfolgreich publik gemacht hatte.

Kostenfreie Gesundheitsversorgung

Stein wirbt dabei mit ihrem sogenannten "Power to the People"-Plan, der unter anderem folgende Forderungen enthält:

- eine kostenfreie universelle, von der Regierung verwaltete Gesundheitsversorgung, nach dem Modell der Seniorenversicherung Medicare,

- einen Bann von Pestiziden und gentechnisch modifizierten Organismen (GMOs), bis deren Unschädlichkeit unter Beweis gestellt ist,

- eine gebührenfreie höhere Bildung sowie den kompletten Schuldenerlass für ehemalige Studenten,

- einen bundesweiten Mindestlohn von 15 Dollar,

- einen kompletten Übergang zu erneuerbaren Energiequellen bis 2030 sowie

- eine Reduzierung des Verteidigungsbudgets um wenigstens 50 Prozent und die Schließung sämtlicher amerikanischer Militärstandpunkte im Ausland.

Steins Herkunft: Eher Bilderbuchfamilie der Fünfziger als Revolutionäre

Insgesamt will Stein einen umfassenden "Systemwechsel", weg von "Gier und Ausbeutung des Konzern-Kapitalismus". Ihre persönliche Geschichte lässt dabei nicht auf ihre radikalen linken Ideen schließen: 1950 als dritte von vier Töchtern zur Welt gekommen, wuchs sie in komfortablen Verhältnissen auf: Der Vater war Jurist, die Mutter Hausfrau.

 Ihre Ausbildung schloss Stein mit einem Medizinstudium an der Harvarduniversität ab, wo sie auch ihre Facharztqualifikation als Internistin erwarb. Seit 36 Jahren ist sie mit dem Transplantationschirurgen Dr. Richard Rohrer verheiratet und hat zwei Söhne, während deren Kindheit sie ihre Arbeitszeit stark reduzierte.

In einem Interview beschreibt Stein zwei Erfahrungen, die ihre politischen Ansichten geprägt haben: zum einen die Radikalisierung durch die Menschenrechts- und Antikriegsbewegung der 60er und 70er Jahre und zum anderen ein Austausch-Aufenthalt als Teenager in Schweden.

Vorbild: Schweden

Sie sei vom schwedischen Sozialmodell sehr beeindruckt gewesen, sagt Stein bei Yahoo News: "Da gab es keine Armut." Die Erfahrung habe sie in ihrem Sinn für soziale Verantwortung bestärkt.

Stein hat weder gute Worte für Trump noch für Clinton übrig. Letztere hat sie beschuldigt, "Krieg, Wall Street und ‚Walmart-Wirtschaft‘" zu fördern. Stein war bestürzt, als Bernie Sanders am Ende des Vorwahlkampfs Hillary Clinton seinen Segen gab.

Sie will dagegen "die Revolution fortsetzen" und hofft darauf, desillusionierte demokratische und unabhängige Wähler, die Sanders unterstützt hatten, für sich zu gewinnen.

Bislang ist ihr das allerdings nicht im großen Stil gelungen. Ihre Zustimmungswerte in Wählerumfragen liegen durchweg im einstelligen Bereich. Noch Mitte Juli hatten laut einer Gallup-Befragung 68 Prozent der Wähler keine Ahnung, wer Jill Stein überhaupt ist.

Hoffnung fußt auf Protestwählern

Stein und der Kandidat der Libertären Partei, Gary Johnson, würden gern an den kommenden Debatten teilnehmen, um sich als politische Alternativen zu profilieren. Doch weder Stein noch Johnson, der in Umfragen etwas besser abschneidet, haben die 15-Prozent-Hürde erreicht, die für eine Debattenteilnahme benötigt wird.

Dass sie mit aller Wahrscheinlichkeit von den Debatten ausgeschlossen wird, ist für Stein Beweis dafür, dass das "Zwei-Parteien-System kaputt" ist. Im Protest dagegen war sie vor vier Jahren sogar einmal festgenommen worden, als sie versuchte, sich Zugang zu einer Debatte zwischen Obama und Romney zu verschaffen.

Ohne Debattenteilnahme wird es für Stein und Johnson in der Tat schwer, ihre Kernaussagen publik zu machen. Es ist allerdings zu erwarten, dass sich in diesem Jahr mehr Protestwähler formieren, die ihre Stimme weder Trump noch Clinton geben wollen.

Falls es Stein gelingt, am linken Spektrum einige Prozentpunkte von Clinton abzuzapfen, könnte sie der demokratischen Kandidatin durchaus gefährlich werden. Noch heute wird gemutmaßt, dass Al Gore im Jahr 2000 die Wahl gegen George W. Bush verlor, weil der Kandidat der Grünen, Ralph Nader, ihm wichtige Stimmen weggenommen hatte.

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