Ärzte Zeitung, 18.10.2016

Hintergrund

Katastrophen: Hurrikan Matthew mahnt zur Vorsorge

In Haiti kämpfen Nothelfer gegen das Auftreten von Cholerafällen, um eine Epidemie zu vermeiden. Derweil zeigt eine aktuelle Metaanalyse, dass die Katastrophenvorsorge ein deutlich positives Kosten-Nutzen-Profil aufweist.

Von Matthias Wallenfels

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Hurrikan Matthew vom Weltraum aus gesehen.

© picture alliance / newscom

Hurrikan Matthew hat in Haiti eine Spur der Verwüstung hinter sich gelassen. Die WHO fürchtet einen Cholera-Ausbruch und hat eine Millionen Impfdosen in das Katstrophengebiet geschickt, hieß es am Samstag am Rande eines Besuchs von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in dem Krisengebiet.

Am Freitag ließ das Auswärtige Amt verlauten, dass die Bundesregierung ihre Soforthilfe auf insgesamt nun 1,6 Millionen Euro aufstocken werde.

Wie Manuela Roßbach, Geschäftsführerin der Aktion Deutschland Hilft (ADH), betont, müsse es im Zuge der international angelaufenen Hilfsmaßnahmen oberste Priorität haben, Frauen, Männer und Kinder mit sauberem Wasser, Wasserreinigungstabletten und Hygieneartikeln zu versorgen, um eine Cholera-Epidemie zu vermeiden.

Die ADH fungiert als nationale Plattform zur Koordination von Hilfseinsätzen, unter ihrem Dach finden sich 24 Bündnishilfsorganisationen, die bereits nach dem Erdbeben vor sechs Jahren in Haiti Infrastrukturen aufgebaut haben, auf die sie jetzt zurückgreifen können.

Zwar hat die haitianische Regierung ein internationales Hilfeersuchen herausgegeben – ohne dieses darf keine internationale Hilfe erfolgen –, ADH werde aber keine Hilfsflüge organisieren, so Pressesprecherin Birte Steipert im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Die Versorgung könne logistisch sinnvoller aus den USA erfolgen. Wie Steipert verdeutlichte, würden die jetzt eingehenden Spenden aber für Projektpartner im Land freigegeben, um lokal benötigte Hilfsmittel zu kaufen. Dies entspricht dem Prinzip der internationalen Katastrophenhilfe (wir berichteten).

Nicht-strukturelle Hilfe effizienter

Unabhängig von der aktuellen Katastrophe in Haiti hatte ADH anlässlich des Tages der Katastrophenvorsorge am 13. Oktober eine Meta-Analyse zur Effizienz von Hilfseinsätzen veröffentlicht. Acht verschiedene Gefahren, darunter Bergrutsche, Erdbeben, Fluten, Dürren und Stürme, aus 117 Fallstudien wurden in der Meta-Analyse untersucht.

Bei 102 der Fallstudien übersteigt der Nutzen laut ADH die Kosten. Zentrale Erkenntnis: Nicht-strukturelle Maßnahmen wie die Vermittlung von Fachwissen haben im Zusammenhang mit der Hilfe im Falle von Naturkatastrophen ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis als strukturelle, also baulich-technische Maßnahmen.

Schulungen zur Katastrophenvorsorge sind demnach ökonomisch effizienter als etwa das Absichern von Hängen.

117 Fallstudien ausgewertet

Die Studie bestätige, dass die Investitionen der 24 Bündnisorganisationen unter dem Dach der ADH in Vorsorgemaßnahmen nicht nur einer humanitären Verantwortung Rechnung trügen, sondern zudem kosteneffizient seien.

Insgesamt mehr als 45 Millionen Euro hat das Bündnis nach eigenen Angaben in den vergangenen vier Jahren in Katastrophenvorsorgemaßnahmen investiert.

"In vielen unserer Bündnisorganisationen wird diese Erkenntnis umgesetzt", verdeutlicht Dr. Markus Moke, ADH-Abteilungsleiter für Projekte und Qualitätssicherung. So gebe es weltweit Schulungsprogramme für die Bevölkerung, etwa zum Verhalten bei Erdbeben oder Tsunamis.

Drei Strategieansätze verfolgt

Im Zuge der Katastrophenvorsorgemaßnahmen werden die drei Strategien Vermeidung, Vorbereitung und Risikotransfer verfolgt. Konkret dreht es sich dabei um die Reduzierung von Risiken durch zum Beispiel physische Anlagen wie Deiche, die Raumplanung oder ökonomische Anreize für ein proaktives Risikomanagement.

Im nächsten Schritt folge die Etablierung von Frühwarnsystemen, Bauvorschriften, die Katastrophenplanung, Schutzräume, die Bildung von Gremien zum Umgang mit Katastrophen sowie um Information und Ausbildung.

Beim Transfer von Risiken geht es schließlich exemplarisch um die Versicherung öffentlicher Infrastruktur und privater Güter sowie um die Etablierung nationaler und lokaler Rücklagenfonds.

Besonders effizient sei Vorsorge dort, wo die Strukturen am schwächsten sind, in Entwicklungsländern. "Statt erst nach einer Katastrophe in die Vorbeugung der nächsten zu investieren, muss Regierungen daran gelegen sein, Vorsorge statt Nachsorge zu betreiben", appelliert Roßbach. Auch, wenn diese oft nicht so sichtbar und öffentlichkeitswirksam sei wie die Nothilfe nach einer Katastrophe, wie sie betont.

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