Ärzte Zeitung, 24.05.2016

Gesundheitswirtschaft

Ist Indien abgeschrieben?

Indien verspricht mit seinen Investitionen in den Ausbau des Gesundheitswesens großes Potenzial für ausländische Pharma- und Medizintechnikanbieter. Aber: Die Korruption und viele Skandale sorgen immer wieder für Dämpfer bei den Erwartungen von Investoren.

Von Matthias Wallenfels

Ist Indien abgeschrieben?

Ayurveda ist ein Wellnessangebot, mit dem Indien Touristen anlocken will. Auch für den Medizintourismus rüstet sich das Land.

© Gennadiy Poznyakov / fotolia.com

MUMBAI. Indien hat anscheinend ein neues Zugpferd entdeckt: das Gesundheitswesen. Im nächsten Jahr soll der Healthcare-Sektor ein Volumen von umgerechnet 158,2 Milliarden US-Dollar erreichen. Derzeit verzeichne die Gesundheitswirtschaft auf dem Subkontinent jährliche Wachstumsraten von 15 Prozent.

Mit diesen Fakten wirbt die Fachmesse Medical Fair India unter dem Dach der Messe Düsseldorf - und damit des Veranstalters der weltgrößten Medizinmesse Medica in Düsseldorf - um Investoren. Mit 10.700 Fachbesuchern habe die Messe einen Anstieg gegenüber Vorjahr um 34 Prozent zu verzeichnen gehabt.

Der Gesundheitssektor ist demnach einer von Indiens größten Wirtschaftszweigen. Die Medizintechnikimporte sollen im Zeitraum 2018 bis 2019 die Schwelle von vier Milliarden US-Dollar überschreiten - 2013/14 habe der Wert noch bei 2,3 Milliarden Dollar gelegen.

Steuererleichterungen für Investoren

Indien wirbt um Investoren unter anderem mit einer hundertprozentigen Quote im Bereich der Gesundheitsdienstleistungen. In bestimmten Städten wird die Einkommensteuerpflicht für fünf Jahre erlassen. Medizinisches Equipment wird steuerbegünstigt.

Zudem habe die National Rural Health Mission umgerechnet mehr als zehn Milliarden Dollar bereitgestellt, um für größere Kapazitäten an Gesundheitseinrichtungen sowie eine bessere Ausstattung zu sorgen. Des Weiteren soll im Bundesstaat Gujarat Indiens erster Industriepark für die Medizinprodukteindustrie errichtet werden. Ein zweiter Park soll im Bundesstaat Tamil Nadu entstehen.

Wie es weiter heißt, brauche Indien 1,8 Millionen zusätzliche Krankenhausbetten, um bis zum Jahr 2025 das Ziel von zwei Betten je 1000 Einwohner zu erreichen. Auch würden zusätzliche 1,54 Millionen Ärzte benötigt, um den wachsenden Bedarf in der medizinischen Versorgung decken zu können.

Insgesamt seien 86 Milliarden Dollar an Investitionen nötig, um die Nachfrage im Gesundheitswesen befriedigen zu können. Bis 2024 würden mehr als 200 Milliarden Dollar an Investitionen in die medizinische Infrastruktur erwartet.

Ein weiteres Standbein für den - privaten - Gesundheitssektor sollen die Medizintouristen darstellen. Im Jahr 2018 würden mehr als sechs Millionen Medizintouristen erwartet. Fakt ist, dass nach der jüngsten Erhebung der International Society of Aesthetic Plastic Surgery (ISAPS) Indien weltweit nach den USA, Brasilien, China und Japan zahlenmäßig über die meisten Schönheitschirurgen verfügt.

In den im August 2014 revidierten Richtlinien zur Förderung der Medizin als Nischentourismus sichert das indische Tourismusministerium einzelnen Einrichtungen eine finanzielle Unterstützung im Werben um zum Beispiel Medizintouristen zu.

Skepsis angebracht

Ob sich ausländische Investoren für das Gesundheitswesen in Indien nun tatsächlich die Klinke in die Hand geben werden, bleibt indes abzuwarten. Zwar galt Indien lange Zeit neben China als die zweite aufstrebende Wirtschaftsmacht in der Region. Die vor Jahren initiierte Werbekampagne "Incredible India" sollte das Land schmackhaft machen - auch für Medizintouristen und Wellnessfans.

Durch die systeminhärente Korruption, die das Land in der Vergangenheit schon mehrfach an den Rand der Regierungs- und Handlungsfähigkeit gebracht hat, sowie mit der - jüngst nicht zuletzt ausgelöst durch mehrere Gruppenvergewaltigungen und Übergriffe auf ausländische Touristinnen - zunehmenden Verschlechterung des Images erweist sich Indien einen Bärendienst.

Auch genießt der Subkontinent nicht den besten Ruf in puncto Pharmaindustrie. So führten gefälschte Studien eines indischen Unternehmens in Hyderabad, wo viele große Arzneimittelhersteller aus der ganzen Welt ihre Substanzen und Arzneimittel vor Antragstellung bei den Zulassungsbehörden prüfen lassen, im vergangenen Jahr dazu, dass die EU-Kommission die Zulassung von rund 700 Generika widerrufen hatte.

Kritik an der indischen Gesundheitspolitik üben auch die Autoren der Studie "Healthcare: The neglected GDP driver - Need for a paradigm shift" des Beratungsunternehmens KPMG in Kooperation mit der Non-Profit-Organisation Federation of Indian Chambers of Commerce & Industry.

"Angesichts der zunehmenden Krankheitsbürde benötigt der Healthcare-Sektor im Land dringend das richtige politische Rahmenwerk sowie einen Infrastrukturimpetus", heißt es in den Handlungsempfehlungen. Ein höherer Infrastrukturstatus könnte nicht nur für (private) Investitionen sorgen, sondern auch die Versorgungskosten senken, so die Conclusio.

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