Ärzte Zeitung, 09.11.2015

Arzt

Ein Traumberuf, der zur Zerreißprobe wird

Medizinstudium plus Facharztweiterbildung erfolgreich abzuschließen schafft nur, wer hochmotiviert ist. Doch die Arbeitsbedingungen an Kliniken machen viele Ärzte später mürbe.

Von Christiane Badenberg

Ein Traumberuf, der zur Zerreißprobe wird

Müde und ausgelaugt: Das gilt für den Arbeitsalltag zu vieler Ärzte an deutschen Krankenhäusern.

© Wavebreak Media / Thinkstock

BERLIN. Die Arbeitsbedingungen an vielen deutschen Krankenhäusern sind schlecht. Das ist nicht neu. Trotzdem ist es immer wieder erschreckend zu hören, was sich in deutschen Kliniken abspielt und vor allem, wie sich die Verhältnisse auf Ärzte und in ähnlichem Maß sicher auch auf Pflegekräfte auswirken. Zum Beispiel am Wochenende auf der Hauptversammlung des Marburger Bundes (MB) in Berlin.

So gaben bei einer repräsentativen Umfrage des Marburger Bundes 39 Prozent der Teilnehmer an, dass sie sich durch ökonomische Erwartungen, die der Arbeitgeber an sie heranträgt, häufig oder fast immer unter Druck gesetzt sehen. 59 Prozent der Ärzte fühlen sich durch ihre Tätigkeit häufig psychisch belastet.

Gesundheitsliche Beeinträchtigung

Fast drei Viertel (72 Prozent) sehen sich durch ihre Arbeitsbedingungen gesundheitlich beeinträchtigt. 28 Prozent erhalten für geleistete Überstunden weder einen finanziellen noch einen Freizeit-Ausgleich. Dabei berichten viele, dass sich durch Freizeitausgleich die psychische Belastung verringere. 79 Prozent der Frauen und 76 Prozent der Männer sehen durch ihre Arbeitsbedingungen das eigene Familienleben stark beeinträchtigt.

Da verwundert es nicht, dass 49 Prozent der teilnehmenden Frauen und 44 Prozent der Männer erwägen, ihre jetzige Tätigkeit aufzugeben. Bei dieser Frage nutzten etwa 200 Ärzte die Gelegenheit in einem Freitextfeld ihre Gründe darzulegen, warum sie darüber nachdenken, ihre aktuelle Tätigkeit aufgeben zu wollen.

Dabei tauchten immer wieder die Begriffe Zeitdruck, Druck, Personalmangel, Mobbing, fehlender Respekt, fehlende Anerkennung und Wertschätzung auf. Ein Teilnehmer schrieb: "Diese Leistungsdichte werden nur wenige bis zur Rente ohne gesundheitliche und soziale Schäden überstehen."

Als diese Antwort bei der Präsentation des MB-Monitors vorgetragen wurde, brandete spontaner Applaus der Delegierten auf. Die Aussage des Arztes und die Reaktion der Delegierten empfand MB-Vize Dr. Andreas Botzlar als Aufforderung an den Verband, aktiv zu werden. "Ich habe mich ein wenig über den Applaus erschreckt. Aber wenn 50 Prozent unserer Kollegen im Land überlegen, ihre Arbeit aufzugeben, dann ist es unsere Aufgabe, hier gegenzusteuern", lautete sein Fazit.

Höhere Suizidrate

Welche Konsequenzen permanente Überlastung und ein hoher Anspruch an sich selbst für Ärzte haben, machte Christoph Middendorf, Geschäftsführer der Oberberg Therapie GmbH, deutlich. Die Oberbergkliniken haben sich unter anderem auf die Therapie von Ärzten spezialisiert.

Middendorf stellte Untersuchungen vor, nach denen zwar 82 Prozent aller Ärzte Freude an ihrem Beruf haben, sich aber trotzdem "50 Prozent aller Ärzte abends völlig fertig fühlen". Unter Ärzten sei die Suizidrate im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung bis zu 3,4 mal so hoch.

Besonders betroffen seien Anästhesisten und Psychotherapeuten. Nach einer Untersuchung der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2011 leiden sieben bis acht Prozent der Ärzte an einer Suchterkrankung. Der durchschnittliche Wert in der Bevölkerung liegt bei knapp über zwei bis drei Prozent.

Middendorf wies daraufhin, dass spezifische Angebote für Ärzte erfolgreicher seien, als solche, die Suchtkranken mit anderen beruflichen Hintergründen offeriert würden. "Ärzte sind Risikopatienten: Sie kommen immer zu spät in die Behandlung und bagatellisieren auch ernste Befunde," ist seine Erfahrung.

[22.11.2015, 22:53:04]
Michael De Giacomo 
Systemfehler
Solange Kliniken "Gewinnbringend" arbeiten müssen, stehen Ärzte immer im Spannungsfeld des ökonomischen Drucks. Hinzu kommt der fehlende "Schulterschluss" der Kollegen untereinander, hier könnte de facto ein "starker Hebel" entstehen. zum Beitrag »
[11.11.2015, 14:12:06]
Jürgen List 
Was sollte sich ändern?
Letzlich haben Assistenzärzte heute in den Kliniken bessere Arbeitsbedingungen als noch in den 90iger Jahren. Was sich aber absolut verschlechtert hat, ist die reine Profit Ausrichtung der sich ausbreitenden privaten Krankenhauskonzerne, die sich erheblich auf das Arbeitsklima auswirkt, zudem zu einer immer liebloseren und schlechteren Versorgung beiträgt. Krankenhäuser müssen wieder gemeinnützig organisiert werden! Ein großer Teil der Probleme würde sich dann von alleine lösen  zum Beitrag »
[11.11.2015, 13:21:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
@ Claus F. Dieterle
Jetzt wird mir nicht nur bei Ihnen noch so Einiges klarer! MfG zum Beitrag »
[10.11.2015, 20:28:51]
Claus F. Dieterle 
70-Stunden-Woche selbstverständlich
Bis 1990 war ich Generalbevollmächtigter einer Vermögensverwaltung, aber auch als Evangelist und Heilpraktiker / Psychotherapie habe ich eine 70-Stunden-Woche und seit 1973 (!) keinen Urlaub mehr gemacht, auch keine Kur bzw. Reha. In den letzten 43 Jahren war ich nur zwei halbe Tage krank. Wie kann ich so leistungsfähig sein? Mir geht es wie dem Apostel Paulus, der in Philipper 4,13 schreibt: "Allem bin ich gewachsen, weil Christus mich stark macht." zum Beitrag »
[10.11.2015, 19:18:57]
Dr. Claus Kühnert 
Einskommanuller - Abiturienten
Waren Sie oder halten Sie sich auch für einen dieser "begnateten Abiturienten" die immer noch glauben zur 'Elite der Nation' zu gehören und weil Mutti etc. es gut fand Medizin zu studieren. Wie Abiturnoten (soziales Umfeld + Reflexion) entstehen dürften einem zumindest sehr Begabten verständlich und durchschaubar sein. Viel zu viele Pauker und "Schönredner" sind in unserem sehr wertvollen + schönen Beruf gescheitert und bleiben leider auch auf diesem Levell. zum Beitrag »
[10.11.2015, 09:50:34]
Dr. Henning Fischer 
warum wollen immer noch so viele Abiturienten Medizin studieren?

meine Approbation erfolge 1978. Das Studium war sehr belastend, die Assistenzart-Zeit ebenso. Die damaligen Verhältnisse im Krankenhaus (u.a. Übermacht der Verwaltung) bewegten mich dazu, meinen Berufswunsch Chirurg in Allgemeinmediziner zu ändern (prinzipiell nicht bereut). Bei meiner Niederlassung 1985 ahnte ich noch nicht, wie die Verhältnisse für Kassenärzte tatsächlich sind (KV-Kassen-Sklave). Daß es aber noch so schlimm kommen könnte und würde (Unterdrückung, Bedrohung, Mißachtung, Bashing, Ausnutzung) war damals nicht vorherzusehen. Und der Kenntnisstand war damals schlecht, heute kann sich jeder im Internet informieren.

Da die Niederlassung in Deutschland für viele keine vernünftige Option mehr ist, gibt es eigentlich nur 2 Möglichkeiten

- nicht Medizin studieren
- ins Ausland oder andere Bereich der Medizin als Krankenhaus und Kassenpraxis zu gehen.

Warum kapieren das die (Einskommanuller-) Abiturienten einfach nicht?

 zum Beitrag »
[09.11.2015, 15:44:44]
Christoph Polanski 
Selber Schuld!
Die Ärzte in der Ausbildung müssen zusammen halten und sich nicht ausnutzen lassen, dann wir die Ausbildung nicht zur Zerreißprobe. Besonders in den Unikliniken müssen alle 12 Stunden arbeiten und bekommen 8 Stunden bezahlt. Alle verantwortlichen Ärzte und Personalchefs erpressen Ihre Mitarbeiter mit Worten, wem das nicht passt, der kann gehen.Man sollte dankbar sind zu arbeiten und die Möglichkeit haben die Facharztausbildung zu machen. Schade, dass die jungen Kollegen sich nicht trauen dagegen vorzugehen. Leider gibt es inzwischen viele Ärzte aus dem Ausland, die auch für weniger Geld arbeiten würden und so ist der Konkurrenzkampf um die Stellen sehr groß.  zum Beitrag »

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