Zeit für eine Neubesinnung auf die genitale und körperliche Selbstbestimmung. Blutige Eingriffe an blutjungen Menschen passen nicht mehr in unsere Zeit. Eine verbreitete deutsche Religionsmüdigkeit trifft auf die rechtstheoretische Ansicht, die Religionsmündigkeit entwickele sich erst mit selbstreflektierendem Denken, Fühlen, Wollen und Handeln.
Bedenkenträger des Islams und des Jüdischen Glaubens kommen mit Jahrtausende alten Traditionen. Aber gerade diese führten uns im Christentum zu Gesinnungsterror gegen Andersdenkende, kolonialistischem Genozid in Mittel- und Südamerika, zu Pogromen, Glaubenskriegen und erbarmungslosen Kreuzzügen gegen Islamgläubige bzw. Juden. Hexenverfolgung, Folter, Exorzismus, Züchtigung und sexueller Missbrauch wirken bis heute nach.
Rituelle Beschneidungen von Kindern sind willkürlich. Bei Mädchen und Frauen sind sie weltweit geächtet, bei männlichen Säuglingen und Kindern können sie nicht einfach propagiert werden. Sie sind keine Präventiv- oder Heileingriffe. Dann wäre der nicht beschnittene Rest der Männerwelt in seiner Gesundheit akut bedroht und hätte lebenslang etwas völlig falsch gemacht.
In unser aufgeklärten, säkularisierten Bundesrepublik Deutschland mit Trennung von Staat und Kirche bzw. Abkehr vom fundamentalistischen Gottesstaat sind rein religiös begründete Zirumzisionen (Beschneidungen, Vorhautentfernungen) keine bei Säuglingen und Kindern einwilligungsfähige Eingriffe. Wir leben in einer demokratischen, von individuellen Menschenrechten und Achtsamkeit geprägten postmodernen Industriegesellschaft.
Alle Religionsgemeinschaften, die rituell beschneiden wollen, sind am Zug. Sie müssen ihren Ritus erklären, reflektieren und unseren gesellschaftlichen Regeln anpassen, wie sich auch das Christentum jahrhundertelang angepasst hat. Unsere politische und soziale Rechtsordnung gebietet: "Weniger Beschneidungen und mehr Demokratie wagen!"
Dr. med Thomas G. Schätzler
Facharzt für Allgemeinmedizin
Dortmund
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