Ärzte Zeitung, 21.10.2012

Beschneidung

Die Skepsis der Pädiater

Unausgegoren, katastrophal - die Kritik der Pädiater am Gesetzentwurf zur Beschneidung ist eindeutig. Sie sehen die UN-Kinderrechtskonvention verletzt - und das Gesetz quasi schon zur Verhandlung in Karlsruhe. Aber die Kinderärzte haben einen Kompromissvorschlag.

Von Raimund Schmid

Pädiater bleiben bei der Beschneidung skeptisch, suchen aber nach einem Kompromiss

Beschneidung im OP: Nur dort gehört der Eingriff für die Pädiater hin.

© Kay Nietfeld / dpa

BAD ORB. Vier Tage redeten sich die Kinder- und Jugendärzte beim Herbst-Kongress in Bad Orb die Köpfe heiß, wenn es um das Thema Beschneidung ging.

Am Ende jeder Diskussion war das Ergebnis aber immer das gleiche: Bleibt es beim vorgelegten Gesetzentwurf der Bundesregierung, würden nach Auffassung der Pädiater Grundrechte von Kindern missachtet.

Dabei gehen die Auffassungen auch auseinander: Manche finden den Gesetzentwurf lediglich unausgegoren, andere - wie Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) - "katastrophal".

Im Fokus der Kritik steht die Bedingung, dass einerseits die Beschneidung nach den "Regeln der ärztlichen Kunst" zu erfolgen hat, andererseits aber auch von Nicht-Ärzten vorgenommen werden darf, wenn diese Personen "für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind".

Diese vergleichbare Befähigung setzt für Hartmann voraus, dass eine Anästhesie unter Vollnarkose und zudem mit hohen hygienischen Anforderungen in einem sterilen Operationsraum vorgenommen werden kann.

Hartmann: UN-Kinderrechtskonvention ernstnehmen

Personen, die keine Ärzte sind, könnten jedoch diese Standards nicht erfüllen. Auch die geforderte umfassende Aufklärung der Eltern bleibe auf der Strecke. So könnten selbst Ärzte bei einem acht Tage alten Kind noch nicht beurteilen, ob zum Beispiel eine Hämophilie oder ein Antikörpermangelsyndrom vorliegt.

Bei diesen Erkrankungen ist eine Beschneidung kontraindiziert. Bei unsachgemäß vorgenommenen Beschneidungen seien aber auch die Verletzung der Eichel, entzündliche Prozesse oder "Nachblutungen mit chirurgischer Nachrevision" nicht auszuschließen, fügte Dr. Ulrich Fegeler, Pressesprecher des Berufsverbandes, hinzu.

Solche Folgen seien aber eher die Ausnahme; da zumindest in Berlin, wo Fegeler praktiziert, nur die wenigsten Beschneidungen in Hinterzimmern und von Laien vorgenommen würden.

Eine Beschneidung sei ein irreversibler medizinischer Eingriff, so Hartmann, da die Vorhaut im Nachhinein nicht mehr korrigiert - auch nicht transplantiert - werden könne. Dies sei nicht im Sinne des Kindeswohls, wenn man die in der UN-Kinderrechtskonvention enthaltenen Bestimmungen ernst nehme.

Das Recht des Kindes müsse nach der Konvention immer eindeutig vor dem Recht der Eltern stehen, stellte Hartmann klar. Und auch religiös begründete Werte dürften die körperliche Unversehrtheit eines nicht einwilligungsfähigen Kindes niemals in Frage stellen.

Mit den Kinderrechten habe sich die American Academy of Pediatrics (AAP), die einer Beschneidung eher wohlwollend gegenüberstehe, erst gar nicht auseinander gesetzt, kritisiert der BVKJ.

Ein Fall für die Verfassungshüter?

Der AAP falle dies aber auch leichter, da die USA im Gegensatz zur Bundesrepublik die Kinderrechtskonvention noch nicht unterzeichnet habe.

So einig sich die deutschen und europäischen Pädiater bei der Frage der Beschneidung sind, blieben doch auch in Bad Orb einige Fragen offen.

So wurde zum Beispiel gefragt, ob nicht einer unsachgemäßen Beschneidung Vorschub geleistet werde, falls sich die Pädiater einer Beschneidung nach den Regeln der ärztlichen Kunst verweigerten. Was passiert, wenn die Gesetzesvorlage zur Beschneidung in der jetzigen Variante auch den Bundestag passiert und damit gesetzlich verankert wird?

Eine Verfassungsklage schloss Hartmann in Bad Orb nicht aus. Diese könne der BVKJ zwar selbst nicht auf den Weg bringen, aber zumindest tatkräftig unterstützen.

Viel besser sei es aber, auf einen Kompromiss hinzuarbeiten, hieß es. So würden es die Kinder- und Jugendärzte zum Beispiel für sinnvoll halten, wenn die Beschneidung so lange hinausgezögert werden könnte, bis ein Kind religionsmündig sei.

In Deutschland ist dies mit 14 Jahren der Fall. Reiche dieser Vorschlag den muslimischen und jüdischen Religionsgemeinschaften nicht aus, könnten Beschneidungen erst einmal - wie beispielsweise in England - symbolisch vorgenommen werden.

Das Gesetz soll noch in diesem Jahr vom Bundestag verabschiedet werden. Der Fraktionszwang wird vermutlich aufgehoben.

[24.10.2012, 23:59:03]
Godehard Pötter 
Die Beschneidungsdebatte hat einen juristischen Konstruktionsfehler
Der Konstruktionsfehler der Beschneidungsargumentation liegt in seiner Wirkung auf Dritte. Das Recht auf Religionsfreiheit ist ganz sicher ein hohes Gut, und zu Recht gilt es, dieses zu schützen. Es ist aber ein Denkfehler, wenn jemand glaubt, dass er sein Recht auf freie Religionsausübung daran koppeln könne, dass ihm zugleich auch das Recht des Zugriffs auf den Körper eines anderen Menschen eingeräumt wird.

Oder andersrum: Zu denken, dass man das Recht habe, die Geschlechtsteile eines anderen Menschen anfassen zu dürfen und sogar blutig verletzen zu dürfen, solange man es nur "Religion" nennt, ist nach meinem Verständnis nicht durch Bekenntnisfreiheit zu begründen. Ich persönlich glaube angesichts des Umstandes, das vor allem Genitalien kleiner Kinder das Ziel sind, auch nicht an "religiöse" Motive. Ich sehe allerdings, dass man es so genannt hat. Allein schon die teilweise noch praktizierte Variante, dass der blutende Penis des Kindes anschließend auch noch von dem Bescheider in den Mund genommen wird, verhindert nun endgültig meinen Glauben an "religiöse" Gründe.

Desweiteren glaube ich auch, dass die Beschneidung gegen den Heilsgedanken der Schöpfung gerichtet ist, und daher die Frage aufwirft, ob das noch etwas mit "Religion" zu tun hat. Nach meinem Verständnis ist die Schöpfung auf das Heil ausgerichtet, nicht auf Blut, Schmerzen, Zerstörung und Abtrennung. Religionsgemeinschaften, die nicht das Heil der Schöpfung verfolgen, sondern mit "Tradition" begründete Blutopfer-Rituale, müssen sich fragen lassen, ob sie damit noch "Religionsziele" verfolgen, oder eher "Tradition".

Ein Konstruktionsfehler ist es auch, sich die Gesetze erst zu schaffen, die "legalisieren", was zuvor illegal ist. Das wäre allein nur "Rechtsstaatlichkeit". Wird dies zum alleinigen Maßstab unseres gesellschaftlichen Wertesystems, dann bleibt unsere Gesellschaft auf der Strecke.
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[23.10.2012, 07:53:24]
Lutz Barth 
Mutiger Kommentar v. Christian Soll!
Die Debatte um die religiösen Beschneidungen war und ist keinesfalls einem – wie auch immer gearteten – Sommerloch geschuldet, sondern letztlich der Tatsache, dass ein deutsches Gericht in der Sache gehalten war, sich in einer durchaus schwierigen Rechtsfrage zu positionieren.
Dass hierbei auch die Brit Mila mit seiner hohen religiösen Bedeutung in den Fokus einer Grundrechtsdebatte gerät, werden wir angesichts der hohen Bedeutung der in unserem Grundgesetz in erster Linie „zu ertragen“ haben und insofern hätte ich mir persönlich gewünscht, dass u.a. Frau Charlotte Knobloch sich mit einem Statement in der Diskussion zu Worte gemeldet hätte, dass nicht (!) gleich hinter der grundlegenden Debatte einen Antisemitismus vermutet, sondern mit Argumenten aufwartet, die in der Grundrechtsdiskussion ihre Bedeutung entfalten könnten.

Insofern war es richtig, dass Frau Künast den „Mut“ aufgebracht hat, die doch eher hoch emotionale Kritik von Charlotte Knobloch zur Beschneidungsdebatte zurückzuweisen. Selbstverständlich ist es erlaubt und vor allem geboten, eine Debatte zu führen und zwar gerade in Kenntnis unserer Grundrechte, die auch den Kleinsten in unserer Gesellschaft gewährleistet sind.

Dass Frau Knoblauch meint, keine „Nachhilfe“ zu benötigen, ist im Zweifel sehr lobenswert, wenngleich doch ihre Kritik eher auf das Gegenteil schließen lässt. Lobenswert deshalb, weil sie zugleich auch erklärt hat, keine „Sonderrechte“ reklamieren zu wollen und nach dieser zutreffenden Einsicht hätte es der Diskussion gut gestanden, sich auf einen fachlich gebotenen Diskurs einzulassen, von dem sie zugleich meint, ihn befruchten und befördern zu können.

Und in der Tat: Es geht um die religiöse Beschneidung und deren rechtlichen Implikationen, die nach einer ausgewogenen Konfliktlösung verlangen. Nicht mehr und nicht weniger ist gefordert und da erscheint es mir persönlich dann auch eher unglücklich zu sein, den gebotenen Diskurs in die Frage einzukleiden, ob wir die „Juden noch wollen“? (so der Tenor des Gastbeitrages v. Charlotte Knobloch zur Beschneidungsdebatte in der Süddeutschen.de v. 25.09.12, Wollt ihr uns Juden noch?; online unter >>> http://www.sueddeutsche.de/politik/beschneidungen-in-deutschland-wollt-ihr-uns-juden-noch-1.1459038 <<<).

Es sind eben nicht die von Charlotte Knobloch bezeichneten „selbsternannte Retter der Säkularität“, die den Diskurs fachlich (!) angenommen haben, sondern in erster Linie aufgeklärte Zeitgenossen, die sich an einer Grundrechtsdebatte beteiligen, die nicht deshalb ad acta gelegt werden kann, weil es bei der rituellen (!) Beschneidung auch im Kern um Fragen der jüdischen Identität nach ihrem religiösen Selbstverständnis geht.

Eine auf die Beschneidung als ein religiöses Ritual fokussierte Debatte muss erlaubt sein, ohne dass es darauf ankommt, sich mehr oder minder explizit mit den Thesen eines „alternde Literaturnobelpreisträger mit SS-Vergangenheit“ auseinandersetzen zu müssen noch die Feststellung Knoblochs zu kommentieren: „Nicht einmal in meinen Albträumen habe ich geahnt, dass ich mir kurz vor meinem achtzigsten Geburtstag die Frage stellen muss, ob ich den Judenmord überleben durfte, um das erleben zu müssen.“

Es geht – mit Verlaub – in der Debatte um miteinander konfligierende Grundrechte, die einer verfassungskonformen Auslegung bedürfen, aufgrund derer dann eine Befriedung des Grundrechtskonflikts zu erwarten ansteht und zwar unter der Maßgabe des für alle geltenden „allgemeinen Gesetzes“ und vor allem einschlägigen Grundgesetzes!

„Sonderrechte“ gilt es also zu vermeiden und sofern hierzu eine Debatte notwendig ist, werden wir diese alle zu ertragen haben, so wie es im Übrigen auch alle anderen Religionsgemeinschaften hinzunehmen haben, dass über Grund und Grenzen der Religionsausübungsfreiheit vortrefflich diskutiert werden kann, wenn hierzu Anlass besteht.

Nun – mit Blick auf die derzeitige Debatte besteht ein solcher Anlass: Es geht zuvörderst (auch) um die Rechte der Kleinsten in unserer Gesellschaft und ich bin der festen Überzeugung, dass diese einen Anspruch auf eine faire Debatte (mit offenen Ausgang) haben, ohne dass wir gehalten wären, den wissenschaftlich gebotenen Wettbewerb um das überzeugende Argument von Anfang an nicht zu eröffnen.

Eine grundrechtliche Kollisionslage kann nicht geleugnet werden und insofern es m.E. durchaus ein Verdienst des Gerichts gewesen, eine gebotene Debatte angestoßen zu haben.
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[22.10.2012, 13:58:33]
Christian Soll 
Religiös motivierte Beschneidungen
Der Gesetzentwurf zur Zirkumzision ist eine lächerliche Farce! Entweder nimmt man die UN-Kinderrechtskonvention ernst, dies bestätigt man i.d.R. durch Ratifizierung selbiger, oder man lässt es gleich ganz bleiben, so wie die U.S.A., die bis dato noch nicht unterzeichnet haben! Ganz einfach! Wir in Deutschland hingegen erkennen diese aber erst offiziell an UND lassen gleichzeitig zu, geleitet von völliger Fehlinterpretation des Begriffs "Religionsfreiheit", komplett übertriebenem Liberalismus und, in dem Fall, gänzlich falsch gewährten "Integrationsmöglichkeiten" für diejenigen, die ihre (unsinnigen?) Rituale hierzulande über Grundrechte, Kindeswohl, Berufsordung für Ärzte u.v.m. stellen, dass eben diese, von uns zuvor anerkannten Grundrechte ad absurdum geführt, ja sogar, durch zeitgleich gegrabene Schlupflöcher, umgangen werden! Über das alles wird dann monatelang diskutiert und philosophiert, am Ende ergeht reflex- und gebetsmühlenartig immer noch der Hinweis darauf, dass ja gerade wir Deutschen mit derlei Themen besonders sensibel umgehen müss(t)en, an der Stelle sei die, immerhin befinden wir uns, zumindest nach dem hier gültigen gregorianischen Kalender, im 21. Jahrhundert, berechtigte Frage nach dem "WARUM?" gestattet und ganz zum Schluss wird dann dem armen Knaben DOCH NOCH, im Hinterzimmer oder wo auch immer, von "irgendeinem Bader" das Präputium, mehr oder weniger fachgerecht, abgeschnitten! Gegen(eigentlich) geltendes Recht, entgegen einer bestehenden Berufsordnung (die doch sonst im Zweifel immer auf "glühenden Anhänger" hoffen darf!), entgegen möglicher Kontraindikationen und, last but not least, der vielleicht dafür fehlenden Nachvollziehbarkeit, in unserer, doch (noch!) von abendländischen Werten geprägten, Gesellschaft. Das nenne ich mal "flexibel gelebte" Rechtsstaatlichkeit! Oder sind wir diesbzgl. mittlerweile doch nur noch ein "Witzstaat"? Wenn also das Beschneidungsritual von solch immenser Bedeutung für das (religiöse) Leben der jeweiligen betroffenen ist, ein Leben in unserer abendländischen Wertegesellschaft mit Vorhaut unmöglich erscheint, ja dann muss man leider feststellen, dass unsere Wertvorstellung vielleicht doch nicht die richtige Umgebung für diejenigen bietet, die sich nach eigenem Bekunden, nur ohne Vorhaut (voll?) entfalten können. Diese Art der "Entfaltung" muss dann eben dort stattfinden, wo solche Rituale nach wie vor Usus sind!  zum Beitrag »
[22.10.2012, 10:47:21]
Lutz Barth 
Religiöse Beschneidung und „ärztliches Ethos“
So sympathisch die Position und die Kritik der Pädiater am Gesetzentwurf zur Beschneidung auch sein mag, darf freilich nicht übersehen werden, dass das Kernproblem der innerärztlichen Debatte wohl darin besteht, dass das „Grundgesetz ärztlicher Sittlichkeit“ und damit das Arztethos auch gelegentlich dem Mainstream geopfert wird.

Nun möchte ich mit diesem Kommentar nicht weiteres Wasser auf die Mühlen gießen und – wie bereits anderenorts von manchen Mitkommentatoren gerügt -, erneut an vorderster Front erscheinen, wenn es darum geht, die aus meiner Sicht manchmal unsägliche Werthaltung der Bundesärztekammer zu „rügen“.
Dies hat unlängst ein Mediziner in einem durchaus beachtlichen Kommentar hier in der Ärzte Zeitung vortrefflich übernommen >>> http://www.aerztezeitung.de/extras/leserkommentare/?sid=818017&pid=826148 <<<.

Die BÄK hat frühzeitig verlautbaren lassen, dass sie das Urteil des Kölner Landgerichts für „sehr kulturunsensibel und falsch“ hält, so zumindest O-Ton des derzeit amtierenden Präsidenten der BÄK, der nicht selten dazu neigt, mal eben schnell ein Statement für die verfasste Ärzteschaft abzugeben, obgleich doch absehbar war, dass sich auch innerhalb der deutschen Ärzteschaft Widerstand gegen eine Beschneidung aus rituellen Gründen zu regen beginnt.

Nun – die BÄK ist eben nicht sonderlich zimperlich, wenn es darum geht, entsprechende Botschaften zu verkünden, obgleich es doch angeraten ist, etwas intensiver über so manche (bioethische) Grundsatzfrage nachzudenken, zumal sich umgehend die LÄK Niedersachsen dazu aufgerufen fühlte, die Beschneidung für rechtens zu erklären (was allerdings ebenso irritierend sein muss!)

Auffällig muss sein, dass aus diesseitiger Sicht sich die „arztethischen Sündenfälle“ häufen.

Ursache hierfür dürfte weniger die vorgeschlagene (ethische) Lösung, sondern der nicht vorhandene Wille, durchgängig in bioethisch brisanten Debatte das „Grundgesetz der ärztlichen Sittlichkeit“ kritisch zu be- und hinterfragen und auf eine gewisse Kontinuität in der Argumentation zu achten, sein. Kulturunsensibel ist in erster Linie derjenige, der ohne erkennbare Not an einem tradierten ärztlichen Selbstbildnis festzuhalten gedenkt, ohne die Zeichen der Zeit – und damit in erster Linie auch die der Aufklärung – erkannt zu haben. Nehmen wir das Arztethos in allen Belangen ernst, dann wird es schwerlich gelingen, eine Beschneidung aus rituellen Gründen arztethisch rechtfertigen zu können, so wie es wohl nicht möglich ist, einen Schwangerschaftsabbruch (und hier reden wir dann von den „Mechanikern des Todes“) arztethisch zu legitimieren. Die Arztethik geht zuweilen schon seltsame Wege und wie es scheint, wird diese auch wahlweise im Interesse der BÄK und damit ihrer Funktionäre liegend für einzelne Gewissensentscheidungen mit Blick auf einen fragwürdigen arztethischen Konsens instrumentalisiert, der aber bei weitem nicht das Meinungsbild und noch weniger die zigtausend individuellen Gewissenentscheidungen der einzelnen Ärztinnen und Ärzte widerspiegelt, wie sich unschwer aus der leidlichen Debatte um das Verbot der ärztlichen Suizidassistenz ablesen lässt.

Ist eine Beschneidungen berufsunwürdig, wenn diese doch im Kern eine Körperverletzung ohne eine entsprechende ärztliche resp. medizinische Indikation darstellt und letztlich unserer „Kultur“ geschuldet ist, die einem stetigen Wandel unterzogen wird, so wie im Übrigen das tradierte Arztethos auch?

Ich persönlich meine, dass es mehr denn je darauf ankommen wird, die sich an dem „Grundgesetz ärztlicher Sittlichkeit“ orientierende Ethisierung fundamentaler Rechtsfragen dergestalt Einhalt zu gebieten, in dem die Arztethik stärker als bisher mit den gebotenen rechtsethischen Einsichten und vor allem Standards konfrontiert wird, so dass vor allem das Grundgesetz und die darin verbürgten Grundrechte ungeschmälert zur Geltung kommen.

Das Urteil des Landgerichts war so falsch nicht! Denn immerhin sieht sich der parlamentarische Gesetzgeber hier veranlasst, eine entsprechende Regelung zu verabschieden, um einen bisher nicht in der breiten Öffentlichkeit erörterten Konflikt befrieden zu können – ein Konflikt, der sich weder durch einen Blick in die arztethische oder transzendente Glaskugel leugnen lässt.
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[22.10.2012, 09:18:58]
Dr. Klaus Günterberg 
Seit wann operieren denn die Kinderärzte? Die Zircumzision ist doch Sache von Urologen, Chirurgen und Dermatologen !n
In Zusammenhang mit der Beschneidung ist immer nur von den Kinderärzten die Rede. Natürlich stehen die an vorderster Front und sorgen sich auch am meisten um das Kindeswohl. Wenn es aber um die die Beschneidung, die Zircumzision, und um ein angemessenes hygienisches Umfeld bei diesem Eingriff geht, ist aber doch (abgesehen auch von der Erfahrung mit der Schmerzlinderung) hierzulande eine operative Ausbildung, eine chirurgische Erfahrung und der OP nötig. Diese Voraussetzungen sehe ich bei der Cirkumzision aber nur bei Dermatologen, Urologen und Chirurgen; gesehen habe ich den Eingriff nur bei Dermatologen und Urologen.
Mit der Zirkumzision evtl. die Kinderärzte zu beauflagen wäre nicht zielführend! Sie würden den Eingriff selbst nicht ausführen können. Da sollte man in der aufgeregten Diskussion doch auch noch die Berufsverbände der genannten drei chirurgischen Fachrichtungen hören.

Dr. Klaus Günterberg
Frauenarzt, Berlin zum Beitrag »

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