Ärzte Zeitung, 20.10.2015

Psychotherapie bei Flüchtlingen

Erst integrieren, dann aufarbeiten

In der psychotherapeutischen Versorgung von Flüchtlingen ist ein Umdenken nötig, meinen Experten: Die klassische Traumatherapie stößt hier an ihre Grenzen.

Von Jana Kötter

Fluechtlingtrauma-AH.jpg

Ein Mann hält den leblosen Körper seines Sohnes im Arm. Wie viele syrische Flüchtlinge traumatisiert sind, ist nur schwer abzuschätzen.

© Brabo / AP / dpa

NEU-ISENBURG. In der psychotherapeutischen Versorgung der Flüchtlinge ist die klassische Traumatherapie womöglich nicht das Mittel der ersten Wahl. Vielmehr sei ein Umdenken nötig, meint Professor Eva-Lotta Brakemeier. Sie plädiert für Stabilisierung anstelle von Konfrontation.

"Bei den Flüchtlingen, die unter psychischen Störungen leiden, ist es weniger sinnvoll, die schlimmen Erlebnisse direkt zu bearbeiten, wie es in klassischen Traumatherapieverfahren beispielsweise durch Traumakonfrontation gemacht wird", sagt die Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie im Schwerpunkt Verhaltenstherapie der Psychologischen Hochschule Berlin.

"Die Hauptziele sollten vielmehr in der Stabilisierung des Patienten, der Fokussierung auf interpersonelle Probleme wie Trauer, Isolation und Konflikte und seiner Integration in die neue Lebens- und Arbeitswelt liegen", so Brakemeier.

Multidisziplinärer Ansatz

Neben Psychotherapeuten sollten auch Sozialarbeiter und Ergotherapeuten in die Therapie einbezogen werden, um soziale und berufliche Teilhabe zu unterstützen. Erstrebenswert seien Stepped-care-Modelle, welche je nach Schwere der psychischen Störung in einer integrierten Versorgungslandschaft durch ein multidisziplinäres Team aus Psychologen, Psychiatern, Sozialarbeitern, Ergotherapeuten und Dolmetschern adäquate Behandlungen zukommen lassen.

In einem Modellprojekt will Brakemeier den Ansatz sieben Monate lang mit 30 Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak testen; die Behandlungsdauer soll jeweils bei zwei Monaten liegen. Sie befinde sich aktuell in "sehr gutem Austausch" mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das das Modellprojekt unterstützen will.

Es könnte bereits zum 1. November in Kraft treten und soll bei Erfolg auch breiter implementiert werden.

Auch Bundesärztekammer und Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) haben jüngst ein Modellprojekt vorgelegt (wir berichteten). Der Kern ähnelt in Punkten dem Ansatz Brakemeiers; er basiert auf drei Modulen: dem Aufbau eines bundesweiten Dolmetscherpools, der Errichtung von Koordinierungsstellen für die psychotherapeutische Behandlung in jedem Bundesland sowie einem dritten Modul, das die Qualifizierung der Ärzte - etwa asylrechtliche Kenntnisse - sicherstellen soll.

"Der entsprechende Vorschlag liegt der Politik vor", erklärt Timo Harfst von der BPtK der "Ärzte Zeitung" auf Anfrage. "Er wurde unter anderem an das Bundesgesundheitsministerium, das Bundesintegrationsministerium, die Gesundheitsministerkonferenz der Länder und an die gesundheitspolitischen Sprecher der Fraktionen im Bundestag versandt."

Nach den Signalen, die die BPtK bislang aus der Politik erhalten habe, sei man zuversichtlich, dass das vorgeschlagene Modell auf Zustimmung stößt und realisiert werden kann.

Bedeutung der Muttersprache

Der Ansatz deckt sich mit den Forderungen von Brakemeier, die ebenfalls die Bedeutung von interkultureller Kompetenz der Therapeuten sowie dem Abbau von Sprachbarrieren durch den Einsatz von professionellen Dolmetschern betont. "Flüchtlinge sollten sich in der Therapie unbedingt in ihrer Muttersprache ausdrücken können", so Brakemeier.

Studien sowie klinische Erfahrungen zeigen, dass eine Psychotherapie auch mit professionellen Dolmetschern gut durchführbar sei.

Laut jüngsten Schätzungen der BPtK, die ein Vertreter in einer Expertenrunde im Gesundheitsausschuss des Bundestages vorgetragen hatte, könnten aktuell rund 60.000 Flüchtlinge behandlungsbedürftig sein.

Das würde inklusive Dolmetschern zu Kosten von rund 250 Millionen Euro führen.Ein Vertreter des GKV-Spitzenverbandes sagte in der Runde: "Wir wissen nicht genau, mit welchem Umfang wir es zu tun haben". Der bisher geschätzte Anteil von 40 bis 50 Prozent Betroffenen sei womöglich zu hoch gegriffen.

Brakemeier gibt jedoch zu bedenken, dass nicht nur die Geschehnisse in der Heimat sowie die Flucht traumatisierend wirken können: "Nach ihrer Ankunft in Deutschland sind die Flüchtlinge mit den Asylverfahren konfrontiert, benötigen Hilfe und Geduld in Warteschlangen. Konflikte zwischen den Flüchtlingen können schnell ausbrechen; die Zukunftsperspektive bleibt zunächst unsicher."

Ein Ende des Traumas sei mit der Ankunft in Deutschland also keinesfalls gewiss, was eine adäquate Behandlung umso dringender mache.

Psychotherapie hat höchste Priorität

Die Bedeutung der adäquaten psychotherapeutischen Versorgung der Flüchtlinge stellen auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften in den Fokus.

In einer Kurz-Stellungnahme identifizieren die Akademien diese neben der Versorgung in Erstaufnahmeeinrichtungen, der Deckung des Bedarfs an qualifiziertem Personal, der Einbeziehung sprachlicher und kultureller Aspekte sowie der Verbesserung der Daten- und Forschungslage als Handlungsfeld mit höchster Priorität.

Sie favorisieren dabei eine medizinische Versorgung in den Erstaufnahmeeinrichtungen durch spezialisierte Polikliniken. "Diese sollten gekennzeichnet sein durch: kultur- und religionssensitive medizinische Expertise, (Fach-) Dolmetscher, Einbindung in die Gestaltung und Organisation von Erstaufnahmeeinrichtungen sowie Vernetzung mit Krankenhäusern, der Ärzteschaft vor Ort und Sozialträgern", heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung.

[20.10.2015, 13:42:52]
Dr. Horst Grünwoldt 
Migranten-Traumata?
Die jungen "Flüchtlinge" aus Afrika, Albanien und dem Orient machen in den Fernseh-Dokumentationen selbst auf dem (angeblich) monatelangen Marsch einen physisch und psychisch stabilen Eindruck.
Angekommen im fernen Deutschland, sieht man die jungen Männer guter Laune auf unseren Straßen promenieren oder sich untereinander mit "hello friend" und "hello brother" freunschaftlich begrüßen, und lachend miteinander palavern.
Das ist eigentlich auch verständlich, denn schließlich sind sie seit der Anlandung auf EU-Territorium nicht mehr "auf der Flucht" vor Krieg, Hunger oder sonstigem Elend!
Sie werden bekanntlich seitdem von den Europäern -selbst von Griechen und Italienern- alimentiert und mit dem Lebensnotwendigsten und sogar Fahrscheinen aus der EU-Kasse versorgt. So viel Fürsorge und das "Welcome Refugee" haben die meisten in ihren Heimatländern niemals erfahren.
Wenn die Bundes-Psychotherapeuten-Kammer jetzt von ca. 60.000 behandlungsbedürftigen Migranten in D spricht, mittels welcher Untersuchungen hat die das zuvor "belastbar" festgestellt?
Oder hat die BPtK das schlicht den Laien- Flüchtlingshelfern in der Erstaufnahme überlassen, um Abschiebungs-Hindernisse auch psychologisch aufzubauen?
Ich erinnere mich an eine Flüchtlings-Doku im deutschen Fersehen, wo eine Deutsche den jungen Migranten indoktriniert hat: Ihr müßt vor dem Asyl-Entscheider von euren Gefahren der "Flucht" erzählen!
Wie ich als E-Helfer weiß, sind im Erfinden und Dramatisieren von Legenden, meine Afrikaner und Orientalen besonders einfallsreich.
Und haben unsere Honorar-Psychologen und Helfer überhaupt die Expertise, das normale kultur- und religions-"sensitive" Verhalten der Flüchtlinge vom Abnormen in ihren Herkunftsländern zu differenzieren?
Jedenfalls haben unsere Ärzte bisher den jungen Männern überwiegend gute Gesundheit -ja, sogar infektiosmedizinisch- attestiert!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (DDR-Ostseeflüchtling und E-Helfer in Afrika), Rostock  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Jeder neunte Euro geht an die Gesundheit

Die Gesundheitsausgaben in Deutschland steigen weiter. Im Jahr 2015 betrugen sie 344,2 Milliarden Euro oder 4 213 Euro je Einwohner. Auch die Prognose für 2016 liegt bereits vor. mehr »

Zahl importierter Malaria-Erkrankungen stark gestiegen

In den letzten Jahren ist die Zahl der Malaria-Erkrankungen in Deutschland deutlich gestiegen. Die unspezifische Symptomatik führt immer wieder zu potenziell lebensbedrohlichen Fehldiagnosen. mehr »

BGH befreit Durchgangsärzte von Haftung

Für die Folgen eines Fehlers bei der Diagnose und auch der Erstversorgung durch einen D-Arzt haftet nicht der Arzt, sondern die Unfallversicherung. Das hat nun der Bundesgerichtshof klargestellt. mehr »