Ärzte Zeitung, 25.11.2015

Schleswig-Holstein

Die rollende Arztpraxis jetzt im Einsatz für Flüchtlinge

In Niedersachsen ein Auslaufmodell, in Schleswig-Holstein bald ein Renner? Die rollende Arztpraxis steht im Norden vor einem Comeback - für Flüchtlinge.

Von Dirk Schnack

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Die rollende Arztpraxis, früher in Niedersachsen eingesetzt, wird künftig im Kreis Herzogtum Lauenburg fahren.

© Dirk Schnack

MÖLLN. Die rollende Arztpraxis kommt zurück. Das zuvor in Niedersachsen eingesetzte Fahrzeug wird künftig in Schleswig-Holstein unterwegs sein - zunächst nur für die medizinische Versorgung von Flüchtlingen.

Das Landesgesundheitsministerium will damit aber Erfahrungen für einen später nicht ausgeschlossenen Einsatz für die medizinische Betreuung in schwach versorgten Regionen sammeln.

Ab Februar wird das Fahrzeug im Rahmen eines Pilotprojektes des Praxisnetzes Herzogtum Lauenburg, der Uni Lübeck und der DB Regio Bus, die das Auto von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen gekauft hat, rollen.

In dem Landkreis westlich von Hamburg sind derzeit rund 3500 Flüchtlinge untergebracht. Nach welchem Fahrplan die rollende Arztpraxis welche Standorte anfahren wird, hängt von der Zahl der teilnehmenden Ärzte ab.

Ärzte im Ruhestand machen mit

Die Netzärzte selbst sind gespannt auf das Projekt. "Wir wissen nicht genau, was auf uns zukommt", sagte der Vorsitzende Dr. Ulrich Berghof. Rund zehn Ärzte - aktive Mitglieder des Netzes, aber auch Ärzte im Ruhestand - haben bereits Interesse an den Einsätzen gezeigt.

Bezahlt werden sie aus den Mitteln, die das Land für die medizinische Betreuung der Flüchtlinge zur Verfügung stellt. Das auf zwölf Monate befristete Projekt wird vom Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Universität Lübeck evaluiert.

Dr. Renée Buck aus dem Landesgesundheitsministerium hält die rollende Arztpraxis "perspektivisch für eine Option, die Bevölkerung mit zu versorgen." Das Pilotprojekt biete die Chance zu lernen und das Fahrzeug gegebenenfalls zu modifizieren, sagte Buck bei der Vorstellung des Projektes in Mölln.

Das Ministerium arbeitet wie berichtet schon seit 2008 an Plänen für den Einsatz eines "docmobils." Damalige Überlegungen, eine rollende Arztpraxis in der Region Dithmarschen zu erproben, waren wegen Bedenken in der Ärzteschaft nicht umgesetzt worden. Aber: "Je größer die Lücken in der Versorgung werden, desto schneller wächst die Akzeptanz unter den Ärzten", sagte Buck.

Schleswig-Holsteins KV-Vorsitzende Dr. Monika Schliffke hält die Idee, die rollende Arztpraxis für Flüchtlinge einzusetzen, für richtig. Als Option für die GKV-Versicherten bleibt sie aber skeptisch, wie sie der "Ärzte Zeitung" bei der Vorstellung des Modellprojektes sagte.

DB Regio Bus zeigt Interesse

Die DB Regio Bus kann sich vorstellen, bei entsprechender Nachfrage mehr Fahrzeuge für eine mobile Gesundheitsbetreuung zur Verfügung zu stellen.

Nach Angaben von Vorstand Michael Hahn wird zeitgleich mit dem Fahrzeug im Norden auch ein umgebauter früherer Linienbus in Nordrhein-Westfalen starten.

Sein Unternehmen kann bis zu zwölf solcher Linienbusse pro Jahr für die medizinische Betreuung umbauen. Ob das neue Geschäftsfeld "Mobilitätsdienstleistungen im Gesundheitsbereich" erfolgreich sein wird, hängt nicht zuletzt von der Resonanz im Modellprojekt ab.

Stefan Hofmann von der KV-Bezirksstelle Braunschweig begrüßte das neue Projekt im Norden. Er betonte, das Projekt in seinem KV-Bereich sei "nicht gescheitert, es ist beendet worden". Die dabei gesammelten Erfahrungen seien aber durchaus positiv.

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