Ärzte Zeitung, 30.11.2015

Flüchtlinge

"Vertreibungsschreck" soll traumatisierten Kindern helfen

Fabelwesen in einem Comic sollen helfen, traumatisierte Flüchtlingskinder schnell zu erkennen, um sie frühzeitig behandeln zu können. Dieses neue Konzept haben zwei Psychotherapeutinnen entwickelt.

Von Jana Kötter

"Vertreibungsschreck" soll traumatisierten Kindern helfen

Oft ohne Eltern, meist mit traumatischen Erlebnissen auf der Flucht: Ein Junge an der Slowenisch-Österreichischen Grenze.

© Apa / Erwin Scheriau

NEU-ISENBURG. Wenn die Hauptfiguren in einem Comic etwas erleben, was ihnen Angst macht, dann fällt es auch einem Kind leichter, über die eigene Angst zu sprechen: Auf dieser Idee basiert die Psychoedukation der Psychotherapeutinnen Dr. Sabine Ahrens-Eipper und Katrin Nelius.

Um den Behandlungsbedarf bei traumatisierten Flüchtlingskindern schnell herauszufiltern und einen niedrigschwelligen Einstieg in die Therapie zu ermöglichen, haben sie den "Vertreibungsschreck" erfunden.

Das Projekt, das noch in seinen Anfängen steckt - die erste Skizze des "Vertreibungsschreckes" wurde gerade von Illustratorin Kit Karausche fertiggestellt -, steht unter der Federführung der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK).

Die noch zu entwickelnden Materialien richten sich an Kinder zwischen vier und zwölf Jahren, Eltern sowie Psychotherapeuten, die mithilfe der Psychoedukation in die Therapie einsteigen können.

Als Hörbuch erschienen

Seit 2008 setzen Ahrens-Eipper und Nelius ein Versorgungsprojekt zur Behandlung traumatisierter Kinder in der Praxis um und haben in dessen Rahmen zahlreiche Bücher entworfen, die die Therapie unterstützen.

Ihr Werk "Der große Schreck - Psychoedukation für Kinder nach traumatischen Ereignissen" ist in diesem Jahr als Hörbuch erschienen. Es erzählt die Geschichte von Trollen, die sich nach der Wiederkehr eines Freundes - und dessen Begegnung mit dem Drachen - wundern, warum er plötzlich so verschlossen ist.

"Die Materialien zu traumatischen Ereignissen werden im Rahmen einer altersangemessenen Rahmengeschichte den Kindern vorgelegt", erklärt Dr. Sabine Ahrens-Eipper die Anwendung. "Gemeinsam mit den Kindern wird eruiert, welche Belastungen sie kennen."

Für die Versorgung der Flüchtlingskinder werden die Fabelwesen lediglich in einen neuen Kontext gestellt. "Die Symptome einer Depression oder PTBS sind kulturübergreifend", erläutert Ahrens-Eipper den Ansatz.

Aktuell berieten die beiden Therapeutinnen jedoch mit Kulturwissenschaftlern, mit welchen Konnotationen die Hauptfiguren in anderen Kulturkreisen belegt seien.

Auch kostenloses Internetangebot angedacht

In erster Linie richtet sich das Werk an Psychotherapeuten, Schulsozialarbeiter und nun auch ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, die anhand der Materialien schnell herausfiltern könnten, welches Kind eine weiterführende Behandlung benötigt.

Die Materialien seien so konzipiert, dass sie schon nach kurzer Schulung von im sozialen Bereich Tätigen eingesetzt werden können, sagt Ahrens-Eipper der "Ärzte Zeitung".

Die Macherinnen stützen sich auf eine Studie mit 106 Flüchtlinskindern, die zeigt, dass annähernd alle Kinder und Jugendliche in ihrem Leben mit potenziell traumatischen Ereignissen konfrontiert waren.

41,3 Prozent hatten körperliche Angriffe mitangesehen, 37,5 Prozent hatten Kriegsereignisse miterlebt, jeder Vierte hatte Leichen gesehen.

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen aus Sachsen-Anhalt wollen das Konzept für die Psychoedukation noch dieses Jahr fertigstellen, die Bewerbung um Fördergelder bei Bund und Ländern läuft bereits.

Im ersten Schritt ist die Umsetzung des Werkes für Kinder aus Syrien, Albanien, dem Kosovo, Afghanistan und dem Irak geplant. Langfristig setzen sich die Macherinnen das Ziel, ein kostenloses Internetangebot in immer mehr Sprachen zu schaffen.

Eine wissenschaftliche Evaluation zu Wirksamkeit und Handhabung wird durch eine Kooperation mit der TU Dresden sichergestellt.

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