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Modul: Eine migrationsmedizinische Herausforderung? Die ambulante Versorgung Geflüchteter

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Ärzte Zeitung, 08.12.2015

Migranten-Versorgung

Ruf nach Dolmetschern

Jeder fünfte Einwanderer kann kaum oder schlecht Deutsch - das erschwert die medizinische Versorgung, beklagen Ärzte und Psychotherapeuten. Sie fordern: Dolmetscher müssen stärker miteinbezogen werden.

Von Julia Frisch

Ruf nach Dolmetschern

Ankommende Flüchtlinge in Berlin. Ihre Gesundheitsversorgung von Migranten ist derzeit defizitär.

© dpa

BERLIN. Es gibt keine aussagekräftigen Studien dazu, wie es um die Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund steht. Das liegt vor allem daran, dass der Begriff "Migrationshintergrund" höchst unterschiedlich definiert wird.

Und dass "man die, die uns interessieren, nicht erreicht. Man erreicht nur die, die bereit sind, an Forschung teilzunehmen", sagte Professor Theda Borde von der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Hoffnung setzen Wissenschaftler deswegen in die derzeit laufende "Nationale Kohorten"-Studie: Ein Schwerpunkt in der Hauptstadt liegt nämlich auf dem Gesundheitszustand der Menschen mit Migrationshintergrund, deren Anteil in Berlin knapp 30 Prozent beträgt.

Bekannt ist jedoch, dass Migranten ein höheres Risiko bei Arbeitsunfällen und Arbeitserkrankungen haben als Deutsche, früher bei Behinderung verrentet werden, häufiger an chronischen Erkrankungen leiden und weniger Präventionsangebote nutzen.

Verantwortlich dafür sind nicht nur soziokulturelle Faktoren, administrative und bürokratische Hürden oder die fehlenden Kenntnisse der Rechte, sondern auch die mangelnden Sprachkenntnisse.

"Das alles hat Auswirkungen auf den Gesundheitsstatus, die Inanspruchnahme von Gesundheitsversorgung und die Qualität der Versorgung", so Theda Borde.

Einsatz von Dolmetschern wichtig

Rund 20 Prozent der Einwanderer schätzen ihre Deutschkenntnisse als schlecht oder gar nicht vorhanden ein. Das, so Dr. Meryam Schouler-Ocak, Leitende Oberärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus, erschwere die Teilhabe an der der Gesundheitsversorgung.

Wie eine Erhebung in Berlin-Mitte zeigt, bleibt Migranten ohne deutsche Sprache beispielsweise oft der Zugang zu psychosozialen Einrichtungen versperrt.

"Hier gibt eine bewusste Selektion", berichtete Simone Penke über die Ergebnisse der Erhebung, die an 138 Einrichtungen vorgenommen wurde.

Mitarbeiter scheuten unter anderem den Mehraufwand, den Menschen ohne deutsche Sprachkenntnisse verursachten. 50 Prozent der Einrichtungen hätten noch nie Dolmetscher eingesetzt.

Professor Borde betonte, dass der Einsatz von Dolmetschern wichtig sei für die Teilhabe der Migranten an der Gesundheitsversorgung. "Die Qualität der Kommunikation sollten wir ernst nehmen, wenn es um Patienten geht", mahnte sie.

Meryam Schouler-Ocak beschrieb die Schwierigkeiten, welche das Hinzuziehen von Dolmetschern bringen können, gerade wenn sie als dritte Person an Psychotherapien teilnehmen und sich damit die Frage stelle, ob ein vertrauensvolles Setting überhaupt möglich sei. Wichtig sei es deshalb, professionelle Kultur- und Sprachvermittler zu engagieren.

"Bei Erwachsenen echtes Drama"

Ein Hindernis beim Einsatz von Dolmetschern ist die fehlende Finanzierung ihres Einsatzes. Vertragsärzte zum Beispiel können diese Leistungen nicht über die GKV abrechnen, sind aber nach einem Urteil des Bundessozialgerichts dazu angehalten, Aufklärung auch notfalls mit Hilfe eines Dolmetschers zu leisten.

Bei Jugendlichen übernehmen oft die Jugendämter die Kosten. Dagegen sei die fehlende Finanzierung von Dolmetschern "bei Erwachsenen ein echtes Drama", sagte Dorothee Hillenbrand, Vizepräsidentin der Berliner Psychotherapeutenkammer, am Rande der Konferenz: "Zum Teil werden die Kosten dann von den Ärzten übernommen".

Hatice Kadem, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiaterin, bemängelte, dass der erhöhte Zeitaufwand für die Therapie von Menschen mit Migrationshintergrund nicht genügend vergütet wird.

Obwohl sie bei vielen ihrer Patienten keine Sprachprobleme habe, müsse sie "viel mehr" Zeit als bei Deutschen aufwenden, weil Patienten und vor allem ihren Familien viel erklärt werden müsse.

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