Ärzte Zeitung, 02.02.2016

Sozialpädiater fordern

Stufenplan für Flüchtlingskinder

Die meisten syrischen Flüchtlingskinder haben körperliche und psychische Probleme. Die Sozialpädiater in Deutschland sehen daher dringenden Handlungsbedarf und schlagen einen Drei-Stufen-Plan vor.

Von Raimund Schmid

Stufenplan für Flüchtlingskinder

Syrische Flüchtlingsfamilie mit drei Kindern. Vor allem die Kleinen sind häufig traumatisiert.

© Skolimowska / dpa

MÜNCHEN/HAMBURG. Mehr als ein Drittel der syrischen Flüchtlingskinder in Deutschland leidet unter einer psychischen Störung, die Mehrzahl hat eine somatische Erkrankung.

Das zeigt eine Untersuchung von Ärzten des Klinikums rechts der Isar (Professor Peter Henningsen, Sigrid Aberl) und der Technischen Universität München (Professor Volker Mall) in einer bayerischen Erstaufnahmeeinrichtung.

63 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen hatten Karies, 25 Prozent Erkrankungen der Atemwege. Bei 42 Prozent fehlten Impfungen. Jedes zehnte Kind musste akut behandelt werden.

Besonders schwerwiegend ist, dass 22 Prozent der syrischen Kinder unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, 16 Prozent unter einer Anpassungsstörung.

Gefahr für langfristige Beeinträchtigungen

Der hohen Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Belastungsstörungen, emotionalen Störungen wie auch körperlichen Erkrankungen werde man auf Dauer nur mit einem ausgeklügelten Stufenplan zur psychotherapeutischen Betreuung begegnen können, ist Mall überzeugt.

Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) sieht ein hohes Risiko, dass viele der psychischen Gesundheitsprobleme zu einer langfristigen Beeinträchtigung der Kinder und Jugendlichen führen.

Sowohl Kriegserfahrungen und Flucht gelten als erhebliche Risikofaktoren, wobei es auch auf deren Umstände ankomme, erläutert DGSPJ-Präsident Dr. Christian Fricke. Hier wiegt es besonders schwer, dass 60 Prozent der Untersuchten länger als zehn Monate auf der Flucht waren.

Diese lange Dauer stelle einen Risikofaktor zur Entwicklung einer Belastungsstörung dar, erläutert Mall im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Rund 59 Prozent der Kinder und Jugendlichen fühlen sich im Erstaufnahmelager isoliert. Neben Gewalterfahrung und Diskriminierung erhöhen insbesondere ein unklarer Aufenthaltsstatus sowie die Trennung von Bezugspersonen das Risiko der Kinder, anhaltend psychosozialen Belastungen ausgesetzt zu sein.

Schnelle Hilfe nötig

Rasches Handeln ist daher nach Ansicht der DGSPJ nun unumgänglich. Zusätzlich zu einem interkulturellen Training für Krankenschwestern, MFA und Ärzten müssten Kinder und Jugendliche durch Pädiater gründlich und frühzeitig untersucht und versorgt werden.

Zudem müssten rasch präventive Maßnahmen greifen, um notwendige Impfungen zu veranlassen und Traumatisierungen frühzeitig zu erkennen.

Sozialpädiater und Jugendmediziner fordern darüber hinaus Politik und Entscheidungsträger dazu auf, einen Stufenplan zur besseren nachhaltigen psychotherapeutischen Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Flüchtlingshintergrund zu entwickeln, der folgende drei Schwerpunkte berücksichtigen sollte:

Psychoedukative Maßnahmen für Flüchtlingsfamilien in den Erstaufnahmeeinrichtungen: Diese Angebote sollten wöchentlich in Verbindung mit sozialrechtlicher Beratung in der Muttersprache oder mit Übersetzern wahrgenommen werden.

Hinzukommen sollten Informationen zum Bleiberecht und zu Integrationshilfen in Deutschland.

Patientenschulung für chronisch kranke Kinder

Angebote für stabilisierende therapeutische Kurzinterventionen belasteter Familien: Diese noch zu entwickelnde standardisierte Frühintervention soll sich an Elementen der Patientenschulung für chronisch kranke Kinder, den Prinzipien der Psychoedukation und Grundsätzen der Traumatherapie ausrichten.

Das Ziel ist dabei eine schnell verfügbare und kurze Intervention.

Integration von Kindern und Jugendlichen mit intensivem Behandlungsbedarf in traumaspezifische Einrichtungen: Dringend notwendig sind laut der DGSJ-Forderungen entsprechende kultursensible Therapieangebote für stark betroffene Kinder.

Ein entsprechendes Online-Portal sowie regelmäßige Fort- und Weiterbildungsangebote sollten in Ballungszentren von einer Institution mit spezifischer Behandlungskompetenz für Traumafolgestörungen organisiert, evaluiert und für ländliche Regionen angepasst werden.

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