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Modul: Eine migrationsmedizinische Herausforderung? Die ambulante Versorgung Geflüchteter

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Ärzte Zeitung, 03.05.2016

Flüchtlinge

Breites Spektrum an Erkrankungen

Migranten haben häufig dieselben akuten und chronischen Erkrankungen wie die einheimische Bevölkerung, aber es gibt viele Besonderheiten, etwa bei Infektionen und Hämoglobinopathien.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Breites Spektrum an Erkrankungen

Viele Kollegen - wie hier Detlev Niebuhr von der Malteser-Migranten-Medizin aus Hamburg - engagieren sich ehrenamtlich für die medizinische Versorgung der mehr als eine Million Flüchtlinge in Deutschland.

© Georg Wendt/dpa

MANNHEIM. Ein 17-jähriger, afrikanischer Patient wird mit offenen, gelblich-weißen Ulzera an beiden Beinen in eine Notaufnahme eingeliefert. Über seine Herkunft möchte er keine genaue Auskunft geben, vermutlich ist er Sudanese.

Eine Staphylodermie, eventuell durch methicillinresistente S. aureus, ist eine erste Hypothese der Ärzte. Aber Ultraschall und Laboruntersuchungen führen schließlich zu einer völlig anderen Ursache: Der Jugendliche hat eine Sichelzellkrankheit mit rezidivierenden Ulzera nach vaso-okklusiven Krisen.

Dr. August Stich, Infektionsexperte und Tropenmediziner von der Missionsärztlichen Klinik Würzburg, stellte diese Kasuistik beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Mannheim vor.

Es ist eine von vielen besonderen Kasuistiken, die beim Kongress präsentiert wurden. Mehr als eine Million Menschen sind seit dem vergangenen Jahr nach Deutschland eingereist und müssen gesundheitlich versorgt werden.

Herkunftsland oft nicht bekannt

Das Spektrum der Herkunftsländer ist groß und wechselt, ebenso wie das der Transitländer. "Natürlich sollte man die Patienten dazu befragen, aber bei einem großen Teil sind die Angaben nicht sicher: weder zur Herkunft, noch zu den Transitländern, noch zur Anamnese inklusive vorangegangener ärztlicher Versorgung oder zu den Impfungen", sagte Stich, "das erschwert die Diagnose."

Denn Prävalenzen genetischer oder übertragbarer Erkrankungen, bei denen auch die Inkubationszeit von Bedeutung ist, seien Anhaltspunkte - im Normalfall.

Bislang gibt es keine repräsentativen Daten zu den Gesundheitsproblemen von Flüchtlingen nach Ankunft in Deutschland, sagte Thomas Löscher, emeritierter Professor für Infektions- und Tropenmedizin der LMU München.

Die Daten größerer Einrichtungen und eine Umfrage unter DGIM-Mitgliedern aber weisen darauf hin: Migranten haben häufig dieselben akuten Erkrankungen wie die einheimische Bevölkerung, in den Wintermonaten Grippe, Erkältung Windpocken.

Hinzu kommen - situationsbedingt - gastrointestinale Infektionskrankheiten durch Noroviren, Salmonellen, Shigellen oder Campylobacter. Besondere Probleme machen in Erstaufnahmeunterkünften Skabies (Krätze) und vereinzelt das Läuserückfallfieber. Bei den chronischen Erkrankungen seien Diabetes oder Hypertonie am häufigsten, der Anteil der Chroniker an den Migranten nehme zu.

Womit müssen Ärzte rechnen?

Womit also müssen Ärzte bei der Untersuchung von Flüchtlingen rechnen? "Mit allen akuten und chronischen Erkrankungen, die deutsche Patienten auch bekommen", sagt Stich. Und sie müssten an seltene Erkrankungen denken

- aufgrund von Mangelernährung und Hypovitaminosen (Skorbut durch Vitamin-C-Defizienz, Pellagra und Anämie durch Vitamin-B-Mangel oder Osteomalazie durch Vitamin-D-Defizienz),

- an Hämoglobinopathien durch häufigere genetische Disposition wie Sichelzellanämie oder Thalassämie,

- an übertragbare Erkrankungen durch erhöhte Prävalenz in Herkunfts- oder Transitländern. Das sind etwa Tuberkulose, auch mit extrapulmonalen Manifestationen, Virushepatitiden, Meningitis und tropische Erkrankungen wie Malaria, Leishmaniose, auch mit kutanen Manifestationen, Dengue-Fieber und andere hämorrhagische Fieber und - selten - auch Lepra.

"Das Spektrum der medizinischen Problemstellungen unterscheidet sich bei Flüchtlingen erheblich von dem der einheimischen Bevölkerung", sagte Stich. Hinzu kämen häufig Traumata und posttraumatische Belastungsstörung.

"Dringend notwendig sind jetzt kontinuierliche spezifische Fortbildungen, eine individuelle medizinische Versorgung der Migranten und eine systematische Erfassung ihrer Erkrankungen und des Therapieverlaufs nach Ankunft in Deutschland."

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