Ärzte Zeitung, 13.06.2016

Psychotherapie bei Flüchtlingen

Frühes Screening soll schnelle Hilfe bringen

Die KVen dürfen seit Kurzem zusätzliche Psychotherapeuten für die Flüchtlingsversorgung ermächtigen. In Westfalen-Lippe ist die Nachfrage bisher gering - doch es gibt neue Ideen.

Von Ilse Schlingensiepen

DORTMUND. Die KV Westfalen-Lippe (KVWL) will gemeinsam mit der Landespsychotherapeutenkammer ein Angebot zur besseren psychotherapeutischen Versorgung von Asylbewerbern entwickeln.

"Bürgerkrieg, Terror, Flucht und Verlust von Heimat legen zumindest die Vermutung von extremer psychischer Belastung bei vielen Menschen nahe, die in den letzten Monaten nach Deutschland gekommen sind", sagte der 2. KVWL-Vorsitzende Dr. Gerhard Nordmann bei der Vertreterversammlung in Dortmund.

Zwar wisse man nicht, wie viele dieser Menschen tatsächlich professionelle Hilfe bei der Bewältigung ihrer Erlebnisse oder bei anderen Erkrankungsursachen benötigen, räumte Nordmann ein. "Es wäre aber sicher ein Vorteil, im Bedarfsfall notwendige Interventionen so schnell wie möglich anbieten zu können.

Nur neun Ermächtigungen

"Bislang passiere auf dem Gebiet der professionellen Traumabewältigung erst sehr wenig. Durch die neuen Asylgesetze haben die KVen zwar die Möglichkeit, zusätzliche Psychotherapeuten ausschließlich für die Versorgung der Flüchtlinge zu ermächtigen, die schon länger als 15 Monate in der Bundesrepublik sind.

Diese Patienten sind über die gesetzlichen Krankenkassen versichert. Die KVWL habe bislang aber nur neun solcher Ermächtigungen ausgesprochen.

"Ich muss gestehen, dass mich diese geringe Nachfrage zur entsprechenden Ermächtigung doch etwas enttäuscht hat", betonte Nordmann. Immerhin könnten sich nicht zugelassene Therapeuten auf diesem Weg einen partiellen Zugang zur vertragsärztlichen Versorgung verschaffen.

Nordmann wundert sich auch, dass bislang kein Antrag von einem psychosozialen Zentrum gekommen ist. "Ich möchte die psychotherapeutisch tätigen Kolleginnen und Kollegen deshalb auffordern, mit uns gemeinsam für diese Versorgung zu werben."

Es fehlt ein professionelles Screening

Ein Engagement der Psychotherapeuten für eine KV-Ermächtigung wird aber nicht ausreichen, sagte Nordmann. Für die ersten 15 Monate, in denen die Kommunen zuständig sind, gibt es keine entsprechenden Behandlungsangebote. "Es fehlt vor allem ein professionelles Screening, um Betroffene zu erkennen und in eine Behandlung zu bringen."

Diese Versorgungslücke wollen die KVWL und die Psychotherapeutenkammer jetzt schließen. Damit kommen sie auch Forderungen von Seiten der Politik nach. Die notwendige Finanzierung werde man mit dem Städte- und Gemeindebund verhandeln müssen, kündigte Nordmann an.

Er wisse um die Schwierigkeiten in diesem Versorgungsbereich, stellte der KVWL-Vize klar: die Kapazitätsengpässe in der Psychotherapie, die Sprachprobleme und die notwendige Kontinuität in der Behandlung. "Aber die Flüchtlingssituation hat die medizinische Versorgung auch schon vor andere Probleme gestellt, die wir erfolgreich lösen konnten."

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