Ärzte Zeitung online, 10.12.2013

Frauen in der Onkologie

Ein Beruf mit Grenzen

Es gibt keine einzige Ordinaria im Fach der Onkologie, dabei sind inzwischen knapp 70 Prozent der Studienanfänger in der Medizin weiblich. Kliniken müssen sich darauf einstellen, dass mehr Frauen in Chefpositionen kommen. Aber auch die Frauen selbst sind gefragt.

Von Sunna Gieseke

Der Ärztemangel in der Onkologie und Hämatologie ist bereits heute absehbar. Schließlich wächst der Versorgungsbedarf in den nächsten Jahren deutlich.

Als Folge der demografischen Entwicklung wird laut der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) die Zahl der Krebsneuerkrankungen um etwa ein Sechstel ansteigen. Somit werden auch mehr Spezialisten für die Behandlung benötigt, der Nachwuchs jedoch fehlt.

Statt diese Not zu beklagen, sehen Expertinnen diesen Umstand eher als eine große Chance - und zwar für die Karriere vieler Ärztinnen.

"Wer jetzt nur auf Männer setzt, kriegt die Stellen nicht besetzt", stimmt Irmtraut Gürkan, Kaufmännische Direktorin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Heidelberg, auf die neue Ära ein.

Das klingt sehr schön, doch bislang ist das lediglich Zukunftsmusik, die Realität sieht derzeit für Ärztinnen, die Karriere machen wollen, alles andere als rosig aus - vor allem in der Onkologie.

"In Deutschland gibt es in unserem Fach derzeit keine einzige Ordinaria. Das spiegelt die Realität der fachlichen Qualifikation in keiner Weise wider", kritisiert Professorin Diana Lüftner, Vorsitzende der DGHO.

Das Problem ist erkannt: Erst vor Kurzem hat die erste Interdisziplinären Frauenkonferenz in Berlin stattgefunden, eine Konferenz, die die Teilnehmer - zu 100 Prozent Frauen - als "längst überfällig" beschrieben.

Für viele Frauen kommt im Arztberuf der Karriereknick

Inzwischen sind knapp 70 Prozent der Studienanfänger weiblich, im Verlauf der Karriere gibt es jedoch nach wie vor große Unterschiede zwischen den männlichen und den weiblichen Absolventen.

Denn für viele Frauen kommt im Arztberuf schon bald nach dem Start der Karriereknick, mit anderen Worten: Nur wenige Ärztinnen schaffen es in Führungspositionen.

Genaue Zahlen über Ärztinnen im Beruf - auch im Fach der Onkologie - existieren jedoch nicht. Damit fehlt eine wichtige Diskussionsgrundlage, die dringend von den Fachgesellschaften geliefert werden müsste.

Es gibt einige Anhaltspunkte, die sich jedoch nicht ausschließlich auf das Fach der Onkologie beziehen. In Heidelberg sei etwa noch die Hälfte der Assistenzärzte weiblich, bei den Oberarztstellen hingegen drehe sich die Verteilung mit 75 Prozent dann zugunsten von Männern, betont Gürkan.

Der Anteil der Chefärztinnen stagniert laut einer Statistik des Deutschen Ärztinnenbundes bereits seit Jahren bei etwa zehn Prozent, nur etwa fünf bis zehn Prozent schaffen es bis zu einer W2 oder W3-Professur.

"Das ist mager", kommentieren die Expertinnen diese Zahlen. "Wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird es noch etwa 450 Jahre dauern, bis genauso viele Frauen in Chefposten sitzen wie Männer", kritisiert die Sozialwissenschaftlerin Dr. Ulrike Ley. Das klingt dramatisch langsam.

Damit dieser Prozess etwas beschleunigt wird, haben verschiedene Wissenschaftlerinnen und Ärztinnen "Pro Quote Medizin" gegründet.

Die Unterzeichner fordern, dass Führungspositionen in Universitätskliniken und Krankenhäusern sowie allen Gremien der Universitäten und der ärztlichen Selbstverwaltung im Laufe der nächsten fünf Jahre zu 40 Prozent, bis 2023 zu 50 Prozent mit Frauen besetzt werden - und zwar auf allen Hierarchiestufen.

Frauen müssen ihre Karriere selbst in die Hand nehmen

Eine gute Idee, aber eine Quote allein kann nicht die Lösung sein, damit Frauen in Führungspositionen gelangen. Auch die Kliniken sind gefragt, sich entsprechend auf die Bedürfnisse der Chefinnen einzustellen.

Um Ärztinnen in diesen Positionen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen, müssten individuelle Arbeitszeitmodelle geschaffen werden, fordert Gürkan.

"Jeder muss irgendwann arbeiten können, wie er will", ergänzt auch Professor Anja Lüthy von der Fachhochschule Brandenburg. Gleichzeitig sei es sinnvoll, Möglichkeiten zur Kinderbetreuung zu implementieren.

Die Oberärztin oder Chefärztin in Teilzeit wird auch weiterhin die Ausnahme bleiben: Denn Teilzeit habe auch eine ganze Menge Nachteile, sagt die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbunds, Dr. Regine Rapp-Engels, auf Anfrage.

Die Weiterbildung zur Fachärztin in Teilzeit sei langwierig. Hinzu komme, dass ein Teilzeitjob eher belächelt werde. Hier muss auch die Gesellschaft umdenken.

Aber nicht nur die Kliniken und die Gesellschaft müssen handeln - auch die Ärztinnen sind gefragt, ihre Karriere selbst in die Hand zu nehmen. Grundsätzlich, so Gürkan, müssten sich junge Ärztinnen einfach etwas zutrauen.

Sie rät zu einer "gewissen Dickfelligkeit", um sich gegen "subtile Nadelstiche und den gläsernen Deckel" wehren zu können. "Die Spielregeln für eine Karriere wurden entwickelt, als Frauen noch nicht mitspielen konnten", betont Ley.

Frauen glaubten immer noch, sie müssten nur gut sein. "Doch es ist auch immer noch eine Menge Bluff dabei", sagte die Sozialwissenschaftlerin. Frauen sollten sich wie folgt verhalten: "Frech, fordern, drängen - keine Bescheidenheit."

In jedem Fall ist es noch ein langer Weg, bis alle Hierarchiestufen in der Onkologie mit einem entsprechenden Anteil Frauen besetzt sind, doch für Ärztinnen in der Onkologie lohnt es sich allemal, diesen Weg zu gehen.

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