Ärzte Zeitung, 07.03.2014

Gendermedizin

"Die Charité ist Vorreiter"

Die Gendermedizin voranzutreiben, ist für Professor Vera Regitz-Zagrosek zur Lebensaufgabe geworden. Aus guten Gründen, wie sich im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" zeigt.

Das Interview führte Anja Krüger

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© Steffen Kugler

Ärzte Zeitung: Frau Professor Regitz-Zagrosek, Sie sind eine der Vorreiterinnen der Gender-Medizin in Deutschland. War das zu Beginn Ihrer Karriere Ihr Ziel?

Vera Regitz-Zagrosek: Nein, gar nicht. Mir ist erst bei meiner langjährigen Arbeit als Oberärztin am Deutschen Herzzentrum Berlin klar geworden, dass wir nicht wirklich für Frauen optimiert waren.

Ich habe nach und nach angefangen, mich damit zu beschäftigen und dabei gesehen, wie groß das Problem ist, und zwar nicht nur in der Kardiologie, sondern auch in anderen Fächern, und was Arzneimittelentwicklung angeht. Wir haben eine erhebliche Unterrepräsentanz der Frauen in den Leitungsstrukturen der Medizin, mit dem Ergebnis, dass in einigen Gebieten frauenspezifische Aspekte eher vernachlässigt werden.

Die Kardiologie ist in Deutschland die medizinische Disziplin, die am stärksten geschlechtsspezifische Unterschiede in Symptomatik und Behandlung herausgearbeitet hat. Liegt das am Fach oder seinen Vertreterinnen?

Regitz-Zagrosek: Das ist schwer zu sagen. Die Kardiologie ist ein sehr wichtiges Fach und es ist den sehr wenigen Vertreterinnen in der Kardiologie zuerst in den USA dann in Europa klar geworden, wie groß die Unterschiede in diesem Fach sind, und dass bei falscher Behandlung Patienten und Patientinnen sterben. Es ist nicht immer mit großer Freude aufgenommen worden, was da eingefordert worden ist.

In groben Rastern: Welche Unterschiede zeigen Frauen und Männer bei Herzerkrankungen?

Regitz-Zagrosek: Am plötzlichen Herztod sterben vor allem Männer. Aber wir haben es nicht geschafft, aus den bei Frauen offensichtlich vorhandenen Schutzmechanismen ein neues therapeutisches Konzept für Männer zu entwickeln. Frauen haben im jüngeren Alter zwar seltener als Männer einen Infarkt, aber ihre Zahl nimmt zu.

Die Sterblichkeit von Frauen im Alter von um die 50 Jahre ist nach einem Infarkt deutlich höher als bei Männern. Das broken-heart Syndrom betrifft fast nur Frauen. Rheumatische Herzerkrankungen sind häufiger bei Frauen, und es gibt noch viel mehr Unterschiede.

Ein wichtiger Punkt ist die sozio-kulturell geprägte Haltung von Frauen und Männern im Umgang mit der Erkrankung und ihre Haltung zur Prävention. Bei Männern gibt es mittlerweile ein hohes Risikobewusstsein für Herzerkrankungen, das den Frauen gerade in Deutschland noch fast völlig fehlt.

Dazu gibt es wenig Forschung. Wir haben deswegen die Aktion "Hör auf dein Herz" gegründet, um zu untersuchen, in wieweit Frauen über ihre Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen überhaupt Bescheid wissen. Öffentliche Förderung dafür gab es nicht - private Spenden, unter anderem von Coca-Cola, haben eine erste Studie an 1000 Frauen in Berlin ermöglicht.

Das Ergebnis war eindeutig: Frauen nehmen zu einem großen Teil Herzkreislauferkrankungen, die häufigste Todesursache für Frauen, nicht als Bedrohung wahr. Sie fühlen sich nicht betroffen und wissen nicht, wie sie durch ein geändertes Verhalten vorbeugen können. Daraus resultiert natürlich eine massive Vernachlässigung der Herz-Kreislauf-Prävention bei Frauen.

Steigt die Akzeptanz für Gender- Medizin? Beschäftigen sich auch Männer damit?

Regitz-Zagrosek: Die Akzeptanz steigt stark und zwar um so mehr sich Leute damit beschäftigen. Es sind überwiegend Frauen in der Gender-Medizin aktiv, weil ihre spezifischen Bedürfnisse in vielen Fächern vernachlässigt werden. Es gibt auch spezifische Bedürfnisse von Seiten der Männer, bei Depression oder Osteoporose zum Beispiel, aber die sind seltener, denn die Männer dominieren in mehr Fächern als Frauen.

Aber auf der anderen Seite gibt es immer mehr Männer, die sehen, dass sie den Gender-Ansatz für eine gute Versorgung brauchen und die Konzepte übernehmen. Wir hatten vor Kurzem ein hochkarätiges, internationales Symposium zu Gender-Medizin in Berlin, ein Drittel der Teilnehmer waren Männer.

In der Kardiologie wundert sich niemand darüber, wenn bei Spitzensymposien 80 oder 90 Prozent der Anwesenden Männer sind. Insofern ist es auch in Ordnung, wenn in einem anderen Symposium einmal nur ein Drittel Männer sitzt.

Was sind die wichtigsten jüngsten Entwicklungen?

Regitz-Zagrosek: Vor einigen Wochen hat die US-Arzneimittelbehörde FDA für ein weit verbreitetes Schlafmittel unterschiedliche Dosen für Frauen und Männer eingefordert.

Das heißt, dass jetzt wirklich auch in der Arzneimitteltherapie bedacht wird, dass Frauen und Männer manchmal anders behandelt werden müssen. Gut ist, dass sich das in einer konkreten Maßnahme geäußert hat. Das Problembewusstsein gibt es in einigen Kreisen schon lange.

Was sind die nächsten Schritte in Europa?

Regitz-Zagrosek: Wir arbeiten derzeit im Auftrag der EU-Kommission an einer Roadmap für die Implementierung von geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Forschung. Das ist ein Zwei-Jahres-Projekt, das ich koordiniere. Es ist ein wichtiger Meilenstein, dass im europäischen Rahmenprogramm Horizon2020 in vielen Bereichen die Untersuchung von Geschlechterunterschieden eingefordert wird.

Im April werden sich Interessierte in Brüssel zu einer Kickoff-Konferenz treffen. 2015 werden wir bei einer Konferenz in Brüssel vorschlagen, was die EU-Forschung tun sollte, um die adäquate Berücksichtigung beider Geschlechter in der biomedizinischen Forschung und Gesundheitsforschung zu implementieren.

Was ist nötig, um die Gender-Medizin voranzubringen?

Regitz-Zagrosek: Gender-Medizin muss als Fach existent werden, damit wir tatsächlichspezifische Forschungsansätze und Therapiekonzepte vorantreiben können. Sie muss frühzeitig an Universitäten unterrichtet werden. Im Moment ist die Gender-Medizin noch viel zu punktuell.

In Deutschland gibt es keinen Lehrstuhl für Gender-Medizin. Das bedauere ich sehr. Das einzige Universitätsinstitut für Geschlechterforschung in der Medizin gibt es hier an der Charité. Die Charité ist auch die einzige Universität, die Geschlechterforschung im regulären Curriculum für die Medizinstudenten hat.

Wir haben darüber hinaus ein Modul für Gender-Medizin für Masterstudiengänge und Medizinstudenten entwickelt, und wir bieten das als Fortbildung für Ärzte und im Bereich Public Health an. Damit ist die Charité Vorreiter in Deutschland und in Europa.

Was ist besser: Gender-Medizin als integrierter Bestandteil oder als eigenes Fach?

Regitz-Zagrosek: Wir brauchen beides. Gender-Medizin als eigenes Fach ist wichtig, damit man unabhängige Gedanken- und transdisziplinäre Forschungsansätze entwickeln kann. Wenn ich zum Beispiel untersuche, wie sich Stress oder Ernährung über epigenetische Modifikationen oder andere Mechanismen auf die Körperzusammensetzung und die Neigung zu Gesundheit oder Erkrankung auswirkt, dann muss ich einen fächerübergreifenden Forschungsansatz konzipieren.

Auf der anderen Seite müssen wir auch die Einzelbeobachtung in den Fächern forcieren. Warum wird Multiple Sklerose durch die Aktivität der Sexualhormone beeinflusst? Wie wirken sich Östrogen und Testosteron auf Herzrhythmusstörungen aus? Das sind Fragen, die man besser innerhalb eines Faches beantwortet.

Niedergelassene Ärzte und Ärztinnen können die Zusatzbezeichnung "Gender MedizinerIn der DGesGM" bei der Deutschen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin erwerben. Was haben sie davon?

Regitz-Zagrosek: Die Ärzte signalisieren damit ihren Patienten, dass sie sich zum Beispiel mit unterschiedlichen Krankheitsmanifestationen und Präventionsvorlieben von Männern und Frauen auseinandergesetzt haben, dass sie über Arzneimitteldosierungen bei Frauen und Männern Bescheid wissen oder welche Medikamente präferiert genommen werden sollen.

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