Ärzte Zeitung, 03.09.2015

Kind und Karriere

Im Alter sind Ärztinnen die Verlierer

Die Medizin wird weiblich. Aber: Ärztinnen, die sich für Kinder entscheiden, nehmen damit Einbußen bei Versorgungsbezügen im Alter in Kauf. Höchste Zeit für mehr Gerechtigkeit.

Ein Leitartikel von Thomas Meissner

Im Alter sind Ärztinnen die Verlierer

Die Entscheidung für ein Kind sorgt bei Ärztinnen im Alter mitunter für finanzielle Einbußen.

© fotodesign-jegg.de / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Ein berufstätiges Paar, das sich entscheidet, Kinder zu bekommen, hat drei Jobs: in seinem Beruf, in ihrem Beruf - und dann ist da noch die Leitung dieses "kleinen Familienunternehmens".

Was in Arztfamilien am Ende des Lebens herauskommt, wenn das traditionelle Familienbild der Adenauer-Ära gelebt wird - er macht Karriere, sie steigt in den Beruf wieder ein, wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind -, kann man anhand der Ergebnisse einer Studie zur gesundheitlichen und sozialen Situation von Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand ablesen. Sie war vom Deutschen Ärztinnenbund (DÄB) initiiert worden.

Demnach unterscheidet sich die soziale Situation von Ärztinnen im Ruhestand erheblich von jener ihrer ehemaligen Kollegen: Bei 60 Prozent der Ärzte in Rente liegt das monatliche Einkommen über 3000 Euro, unter den Ärztinnen im Ruhestand erhält nur jede fünfte so viel. 90 Prozent der befragten Männer leben in fester Partnerschaft, doch nur jede zweite Frau.

Und: Männer haben signifikant häufiger als Frauen Kinder und Enkel. Die Befragung hat bereits in den Jahren 2007 bis 2008 in Schleswig-Holstein sowie bei Mitgliedern des DÄB stattgefunden, wurde aber jetzt erst veröffentlicht. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 73 Jahren.

Jede dritte Ärztin im Ruhestand lebt alleine

Die wahrscheinlichste Interpretation dieser Daten ist die: Es waren die Ärztinnen, die mit den Kindern zu Hause geblieben sind - meist jahrelang. Der Wiedereinstieg in den Beruf erfolgte erst spät, oft ohne abgeschlossene Facharztausbildung. Geht die Partnerschaft in die Brüche, ist es ein bekanntes Phänomen, dass Akademiker sehr viel leichter eine neue Partnerin finden als Akademikerinnen einen Partner.

Ärztinnen entscheiden sich aus beruflichen Gründen womöglich nur für ein Kind, während ein Arzt unter Umständen mehrere Kinder von verschiedenen Partnerinnen hat. Dies würde die Unterschiede bei der Zahl der Nachkommen erklären sowie die Tatsache, dass laut Studie jede dritte der in Schleswig-Holstein befragten Ärztinnen im Rentenalter allein lebt, während keine neun Prozent der Männer allein sind.

Die gleiche Erhebung in den neuen Bundesländern wäre wahrscheinlich anders ausgefallen. Doch hier geht es nicht um historische Vergleiche. Es geht um Gerechtigkeit unter den Bedingungen eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats. Um es klar zu sagen: Die großen Unterschiede der Lebenssituation zwischen Ärztinnen und Ärzten in dieser Altersgruppe sind ungerecht.

Natürlich kann der Staat nicht für privates Glück verantwortlich gemacht werden. Es muss aber endlich tief ins Bewusstsein der Gesellschaft dringen, dass es eine Lebensaufgabe ist, Kinder großzuziehen, sie behutsam und fürsorglich auf die Schiene in ein eigenes, selbstständiges Leben zu setzen.

Diese Aufgabe erfolgreich zu meistern, ist relevant für die Gemeinschaft. Die Kinder werden zu Bürgern, die in der Lage sein müssen, die Aufgaben der alten Generation zu übernehmen und die Gesellschaft weiter zu gestalten.

Die Ungerechtigkeit besteht darin, dass diese Erziehungsleistung in Deutschland unzureichend anerkannt wird, eine Leistung, die in der Vergangenheit und bis heute vor allen Dingen die Frauen erbringen. Besonders deutlich wird dies bei der Betrachtung von Pensionen, eben auch beim Vergleich der Bezüge von Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand.

Work-Life-Balance als große Herausforderung

Was bedeutet das für die Zukunft? Es ist richtig und notwendig, dass - auch im Gesundheitswesen - Veränderungen auf den Weg gebracht werden, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie künftig besser ermöglichen sollen.

Das Ziel ist noch lange nicht erreicht. Unternehmen, die jährlich Millionen erwirtschaften und dafür auf hoch qualifiziertes Personal angewiesen sind, müssen auch für ein günstiges privates Umfeld dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen: Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Hilfe bei der Wohnungssuche. Warum nicht auch die Vermittlung von Haushaltshilfen? Krankenhäuser sind solche Unternehmen. Viele ihrer Angestellten sind Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung - künftig vor allem Ärztinnen!

Und was die Bezüge im Alter angeht: Eine Familie mit Kindern ist eine Einheit. Welcher Partner während der Kindererziehungszeit wie viel zum Familieneinkommen beisteuert, sollte irrelevant sein: Wäre das gemeinsame Einkommen in diesem Zeitraum für beide Partner gleichberechtigt Grundlage der Rentenansprüche, würde der Part der Kindererziehung endlich auch in dieser Hinsicht aufgewertet.

Wie die familiäre Aufgabenverteilung stattfindet, ist selbstverständlich Privatsache. Für Männer ist folgendes Ergebnis der DÄB-Studie bedenkenswert: Die befragten Ärzteseniorinnen waren in vielen Lebensbereichen zufriedener als die Männer - das galt auch für den Lebensstandard. Geld und Karriere allein machen eben nicht glücklich. Jedenfalls dann, wenn man sich einmal bewusst für Kinder entschieden hat.

[03.09.2015, 12:32:30]
Dr. Henning Fischer 
dazu weitere Frage

warum dürfen Frauen bei 5 Jahren höherer Lebenserwartung als Männer eher in Rente gehen?

 zum Beitrag »
[03.09.2015, 11:24:12]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Oliver Schulz
Ihren Artikel über die gefühlte Ungerechtigkeit bei Versorgungsbezügen im Alter durch Kinder bei Ärztinnen kann man so nicht hinnehmen:
Unsere ganze Gesellschaft einschließlich des gesamten Familienrechtes ist ausschließlich darauf ausgerichtet, dass bei Scheidungen/ Trennungen regelhaft das Kind zur Mutter muss. Sie können sich doch nicht einen einzelnen Aspekt der Alterssicherung herausgreifen! Bei Scheidung einer Ehe greift ohnehin der Rentenausgleich für die Ehejahre - das haben Sie gar nicht erwähnt, und der ist wohl ziemlich gerecht.
Und auch bei Nichtverheirateten ist das Familienrecht sehr ungerecht auf der Seite der Frau. Es ist ja keine Pflicht, dass eine Frau das Kind oder die Kinder groß zieht, aber vor dem Familiengericht in Deutschland wird dies regelhaft so entschieden, auch wenn der Vater das Kind nehmen möchte. Berichten Sie doch mal darüber.
Aus eigener Geschichte kann ich Ihnen erzählen, dass meine 2-jährige Tochter der Mutter zugesprochen wurde. Sie ist mit dem Kind ohne äußeren Zwang 375 km weit weggezogen. Ich habe das Recht bekommen, meine Tochter an zwei Wochenenden im Monat zu sehen, muss dazu Freitagnachmittag 750 km und Sonntagnachmittag 750 km fahren.
Mir entstehen 500 Euro Spritkosten im Monat zusätzlich zum Unterhalt, über 16 Jahre. Halten Sie das für gerecht? 500 Euro netto wohlgemerkt, denn geltend können Sie das nirgends machen.
Anderes Beispiel: in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft werden Frauenquoten eingeführt, z.B. in der Politik oder bei Vorstandsposten in Unternehmen. Gerecht oder ungerecht? Was sagen Arbeiter in der Abfallwirtschaft oder am Hochofen dazu? Rosinenpickerei.
Herr Meissner, Gerechtigkeit ist ein ganz weites Feld, und Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau herzustellen ein noch weiteres. Ich stamme noch aus der Zeit des Wehrdienstes, verlorene Jahre natürlich nur für uns Männer. Wer hätte damals den Wehrdienst für Frauen gefordert? Uns sagte man, die Frauen bekommen die Kinder und ihr Männer sorgt für die Sicherheit. Übrigens auch verlorene Jahre in der Rentenversicherung.
Und so könnte man hier ewig weiterschreiben über den Unterschied von Frauen und Männern und den Versuch der Gleichschaltung der Geschlechter in der Gesellschaft.

Dr. Oliver Schulz, Heiligenstadt zum Beitrag »
[03.09.2015, 07:51:39]
Margarita Moerth 
Widersprüchlich
Wer sind denn nun die Verlierer?
Im Titel des Artikels sind es die Ärztinnen, in der Conclusio weiß der Autor offenbar selbst nicht mehr, was er von seinen Schlussfolgerungen halten soll.
Doch kann ich ihm das nicht verübeln.
Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung in unserer Gesellschaft lässt sich nicht so einfach "knacken". Übrigens kann auch nur der Einzelne für sich entscheiden, was ihn/sie glücklich macht. Oder? zum Beitrag »
[03.09.2015, 07:47:51]
Dr. Johannes Hupfer 
Sozialhilfeniveau
Von 3000.- Euro müssen noch Steuer und Krankenversicherung abgezogen werden....
Dafür kassieren Köhler, Munte und c. das !0- fache... und haben nie enien Cent in die Ärzteversorgung
bezahlt.... die Zahlungen dieser Leute wird uns jeden Monat vom Kassenhonorar abgezogen...
aber darüber liest man kein Wort in der Presse....eben Bananenrepublik. zum Beitrag »

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