Ärzte Zeitung, 22.12.2010

Wenn Oma Helene in die Alten-WG zieht

Wenn Oma Helene in die Alten-WG zieht

Es ist kurz nach elf Uhr. In der Küche der Pflege-Wohngemeinschaft in Berlin-Mahlsdorf wird das Mittagessen vorbereitet. Pünktlich um zwölf Uhr soll es Reibekuchen mit Apfelmus geben.

Die 81-jährige Helene schält Kartoffeln - eine akkurater als die andere. Viele Jahre lang arbeitete Helene in einer Betriebskantine, heute leidet sie an Altersdemenz und ist pflegebedürftig. Ins Heim gehen wollte sie nicht. Also entschieden die Angehörigen: Oma Helene zieht in die WG ein.

Mit neun Frauen und Männern zwischen 67 und 96 Jahren teilt sie sich nun eine 370 Quadratmeter große Wohnung. Jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer. Permanent sind Pflegekräfte des ambulanten Pflegedienstes Meißner & Walter anwesend. Morgens vier, abends drei, nachts eine. Jeder Bewohner hat einen Mietvertrag mit dem Wohnungseigentümer abgeschlossen. Küche und Wohnzimmer werden von den Bewohnern gemeinsam genutzt.

Bundesweit werden zurzeit etwa 800 ambulant betreute WGs gezählt. Allein in Berlin gibt es um die 400 davon. Vor allem private Pflegeanbieter versuchen, über die Wohngemeinschaften Kunden an sich zu binden. "Ältere Menschen, die ich bisher zu Hause versorgt habe, bleiben mir als Klienten erhalten, da sie nicht ins Heim müssen", sagt Thomas Meißner, Geschäftsführer des Pflegedienstes Meißner & Walter aus Berlin.

Eine offene Flanke aber hat die Alten-WG - es ist die Frage, was eine "ambulant betreute Wohngemeinschaft" eigentlich ist: "Sie ist keine Einrichtung, hat aber ähnliche Elemente", sagt Meißner. Die Länder stehen daher nun vor der schwierigen Aufgabe, Regelungen sowohl für klassisch-stationäre Versorgungsformen wie auch für alternative Betreuungsformen zu finden.

Sie müssen klären, ob für die WGs die gleichen Auflagen gelten wie für ein Heim. "Kein leichtes Unterfangen", sagt Meißner. "Wenn Wohngemeinschaften wie Heime behandelt werden, wäre dies das frühe Ende dieser Wohnform." Die hohen Auflagen könnten sie nicht erfüllen.

Ganz ohne Qualitätssicherung gehe es aber auch nicht. Denkbar wäre ein "Kodex", der ambulante Dienste dazu verpflichten würde, bei der Betreuung von Alten-WGs hohe Qualitätsstandards einzuhalten. Meißner: "Ganz wichtig: Patienten, Angehörige, Betreuer müssen eingebunden werden." (hom)

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