Ärzte Zeitung, 13.01.2012

Interview

"Wir wollen die Kooperation auf Augenhöhe"

2012 steckt voller Herausforderungen für Praxisteams. Ein Anlass für den AOK-Bundesverband, in den Dialog mit Ärzten und Medizinischen Fachangestellten zu treten. Im Interview erklären Jürgen Graalmann und Uwe Deh vom AOK-Bundesverband, wo die Gesundheitskasse den Arzt und sein Team konkret unterstützt.

"Wir wollen die Kooperation auf Augenhöhe"

"Wir sehen die Praxisteams als Partner", erklären Jürgen Graalmann (v.l.n.r.) und Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand AOK-Bundesverband, im Gespräch mit Rebekka Höhl (Ärzte Zeitung) und Thomas Hommel (KomPart).

© Stefan Melchior

Ärzte Zeitung: In der Öffentlichkeit ist oft die Meinung zu hören, dass es um das Verhältnis von Kassen und Ärzten nicht zum Besten bestellt sei. Teilen Sie den Eindruck?

Jürgen Graalmann: Deutschland verfügt über ein sehr gutes Gesundheitssystem. Ärzte und Krankenkassen - also auch die AOK - haben ein gemeinsames Interesse daran, die bestehende Versorgung zu stabilisieren und da, wo nötig, zu verbessern. Gemeinsam mit den Ärzten suchen wir nach Lösungen für eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung.

Wir als Kassen müssen aber gleichzeitig Sorge dafür tragen, dass das Ganze bezahlbar bleibt - und zwar für alle. In diesem Ringen um eine optimale und zugleich bezahlbare Versorgung treten in Teilen natürlich unterschiedliche Interessen zu Tage.

Ich bin aber sicher, dass es weiterhin gelingt, partnerschaftlich an guten Lösungen für die Patienten zu arbeiten.

Ärzte Zeitung: Gemeinsam nach Lösungen suchen - das ist ein gutes Stichwort. Herr Deh, wie gelingt es, dass beide Seiten an einem Strang ziehen?

Uwe Deh: Lösungen bekommt man immer am besten hin, wenn man mit seinen Partnern ins Gespräch kommt. Dieses Miteinander ist ein Markenzeichen der AOK, da wir bundesweit vor Ort in der Lage sind, herauszufinden: Was sind die Bedürfnisse der Versicherten und Patienten, was erwarten sie? Das Miteinander funktioniert aber auch, weil wir ein offenes Ohr für die Anliegen und Sorgen der Ärzte haben.

Ärzte Zeitung: Herr Graalmann, der AOK-Bundesverband startet - beginnend mit dieser Ausgabe der "Ärzte Zeitung" - eine Serie, die sich um die Kooperation mit Ärzten dreht. Was sind Ziele der Kooperation?

Graalmann: Wir wollen die Ärzte und ihre Praxisteams über das, was die AOK tut, informieren und in einen Dialog darüber eintreten - etwa in Form von regelmäßig erscheinenden Sonderseiten zu aktuellen Themen. Wir wollen dort konkret aufzeigen, wo die Gesundheitskasse Ärzte bei der täglichen Arbeit unterstützt.

Beispielhaft möchte ich hier das Online-Lernprogramm "Praxiswissen Quickcheck" in unserem Gesundheitspartner-Portal nennen. Hier erhalten Ärzte konkrete Hinweise zur richtigen Verordnung häuslicher Krankenpflege.

Ein weiteres Beispiel ist der Abruf von Daten aus der Qualitätssicherung mit Routinedaten über den AOK-Krankenhausnavigator - für einweisende Ärzte ist das höchst interessant. All das soll einen Nutzwert für den Praxisalltag stiften und zeigen: Die AOK schmeißt keine Knüppel zwischen die Beine der Ärzte, sondern ist deren Ansprechpartner.

Ärzte Zeitung: Ein Dialog beinhaltet auch, dass die Praxisteams Vorschläge machen können. Inwieweit fließen solche Ideen in konkrete Projekte ein?

Deh: Einfach dadurch, dass man auf beiden Seiten Menschen hat, die etwas von ihrem Job verstehen. Das sind auf unserer Seite Ansprechpartner, die nicht nur wissen, wie der Praxisbetrieb, sondern auch, wie die Prozesse dahinter - etwa wie Abrechnung und die Eingliederung der ambulanten in die Gesamtversorgung - funktionieren.

Ich bin sehr froh, dass wir flächendeckend Ansprechpartner haben, die in den Praxen vor Ort sind - weil wir so einen 1:1-Kontakt haben und die Sorgen der Praxisteams aus erster Hand mitbekommen. So können dann partnerschaftlich mit den Praxen Konzepte erarbeitet werden.

Ärzte Zeitung: Herr Graalmann, Sie haben kritisiert, dass die Koalition es mit dem Versorgungsgesetz versäume, Landärzte zu fördern und Versorgung vor Ort tatsächlich zu sichern. Wie gleicht die AOK diese Schwachstelle im Gesetz aus?

Graalmann: Die AOK ist die Kasse, die in den Regionen stark verankert ist und daher Versorgungsprobleme hautnah erlebt. Unser Ziel ist, unter jedweden gesetzlichen Rahmenbedingungen pragmatische Lösungen für die Versicherten vor Ort zu entwickeln.

Wir haben - lange bevor das Versorgungsgesetz das Licht der Welt erblickte - stringente Programme aufgelegt, um die Versorgung nachhaltig zu verbessern und einem punktuellen Ärztemangel auf dem Lande zu begegnen.

Ich erinnere etwa an die Vergabe von Stipendien für Medizinstudenten, die sich zu einer ambulanten vertragsärztlichen Tätigkeit in einer unterversorgten Region in Sachsen-Anhalt verpflichten.

In Brandenburg wiederum haben wir mit "agnes zwei" ein erfolgreiches hausarztentlastendes Versorgungsprojekt. Nur zwei Beispiele von vielen, die exemplarisch zeigen, wie wir mit den Partnern vor Ort Versorgungsstrukturen verbessern.

Ärzte Zeitung: Ziel des GKV-Finanzierungsgesetzes von 2010 war, die Ärztehonorare bundesweit anzugleichen. Herr Deh, mit dem Versorgungsgesetz soll die Verantwortung für die Honorarverteilung wieder auf regionale Ebene delegiert werden. Macht das Sinn?

Deh: Ich finde ja. Einfach vor dem Hintergrund, dass wir keine ein heitliche Versorgungssituation in Deutschland haben. Die Voraussetzungen sind je nach Region sehr unterschiedlich. Allerdings macht es nur Sinn, wenn die Honorarverteilung nicht im stillen Kämmerlein der KVen passiert.

Sie muss mit Ärzten und Kassen gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe geregelt werden, unter der Überschrift: Wie setzen wir das Geld regional so ein, dass wir damit den größten Nutzen für die Versorgung der Patienten stiften?

Ärzte Zeitung: Wenn Sie einen Wunsch an die Gesundheitspolitik hätten für das vor uns liegende Jahr, wie würde er lauten?

Graalmann: Ich glaube wir brauchen insgesamt weniger komplizierte Detailregelungen des Gesetzgebers. Wir brauchen einen größeren Schritt in Richtung mehr Spielräume für Kassen, um gemeinsam mit Ärzten nach passgenauen, patientenorientierten Lösungen vor Ort zu suchen.

Deh: Und wenn es dann noch gelingt, aus mehr Dialog auch mehr Realisierung auf die Straße zu bekommen, dann brauchen wir für die Zukunft wirklich keine Angst haben.

Das Interview führten Rebekka Höhl und Thomas Hommel.

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