Ärzte Zeitung online, 09.09.2013

Die Suchtfalle

Ärzte ticken anders

Ärzte stehen unter Druck: Sie müssen zum Arbeitsstress auch die Schicksale ihrer Patienten verarbeiten. Damit kann nicht jeder umgehen - und greift schon mal zur Flasche. Helmut Schröder, Mitherausgeber des WIdO-Fehlzeiten-Reports, erklärt, wie sich Ärzte von anderen Süchtigen unterscheiden.

Das Interview führte Taina Ebert-Rall

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Geht es um das Thema Sucht, steht auch bei Ärzten der Alkoholmissbrauch an erster Stelle.

© Till Schlünz

Ärzte Zeitung: Der Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) widmet sich in diesem Jahr unter anderem dem Thema Suchterkrankungen bei Ärzten. Welche Süchte betreffen Ärzte am stärksten?

Helmut Schröder: Das Suchtverhalten von Ärzten spiegelt die Tendenz in der Allgemeinbevölkerung. Demnach steht der Alkoholmissbrauch auch bei Ärzten an erster Stelle, gefolgt von Nikotinabhängigkeit.

An dritter Stelle folgt bei den substanzbezogenen Süchten die Abhängigkeit von Medikamenten. Hier gehen Experten aber davon aus, dass sie aufgrund der besseren Verfügbarkeit höher als bei der Allgemeinbevölkerung ausfällt.

Wie macht sich die Sucht im Ärzte-Alltag bemerkbar?

Helmut Schröder: Im Berufsleben fallen Veränderungen bei suchtkranken Ärzten häufig erst sehr spät auf. Da die Approbation oder die Kassenzulassung auf dem Spiel steht, mobilisieren suchtkranke Mediziner alle Kräfte, um nicht aufzufallen.

Ist die Sucht weiter fortgeschritten, können sich unter anderem Unpünktlichkeit oder kurzfristige Terminverschiebungen häufen, es können mehr Medikamente als üblich angefordert werden oder der Betroffene verhält sich gegenüber dem Praxispersonal oder gegenüber Patienten misstrauisch oder reizbar.

Allerdings kann die Sucht nicht immer leicht erkannt werden, weil Suchtkranke ihr verändertes Verhalten bagatellisieren. Übermüdung ist zum Beispiel ein beliebtes Argument für übermäßige Reizbarkeit. Ein weiteres Problem ist, dass oft zwar die engsten Mitarbeiter die Veränderungen bemerken, sich gleichzeitig aber am Vertuschen und Verharmlosen beteiligen.

Gibt es noch weitere Auswirkungen?

Helmut Schröder: Aus Therapieberichten wissen wir, dass die Betroffenen neben einer Suchterkrankung oft zusätzlich noch unter einem Burn-out, einer Angststörung oder einer Depression leiden.

Zum Beispiel trinken nicht wenige der abhängigen Ärzte, um Ängste zu unterdrücken oder um ein zunehmendes Gefühl von Traurigkeit, Leere oder Erschöpfung zu dämpfen. Insofern ist die Frage nach der Haupterkrankung häufig nicht leicht zu beantworten.

Wo gibt es Hilfe für betroffene Ärzte?

Helmut Schröder: Einen alkohol- oder medikamentenabhängigen Arzt zur Therapie zu bewegen gilt als ausgesprochen schwierig. Angst davor, bloßgestellt zu werden und die Sorge um berufliche und wirtschaftliche Nachteile verleiten die Betroffenen dazu, sich mit Händen und Füßen gegen eine stationäre Therapie zu wehren.

Allerdings bieten die Ärztekammern in vielen Bundesländern schon seit längerem Interventionsprogramme. Das älteste dieser Programme wurde vor 20 Jahren von der Ärztekammer Hamburg mit der Oberbergklinik entwickelt und umfasst die drei Phasen Klärung, Therapie und Nachsorge.

Darin enthalten sind eine etwa ein- bis vierwöchige Informations- und Motivationsphase, eine etwa zwei Monate dauernde Therapie einschließlich Entgiftung und Entwöhnung sowie eine zweijährige Nachsorge.

Und gibt es auch Unterstützung in wirtschaftlicher Hinsicht?

Helmut Schröder: Nach diesem Modell "Hilfe statt Strafe" spricht die Ärztekammer zum Beispiel mit der zuständigen Ärzteversorgung über eine anteilige Kostenübernahme und hilft bei Bedarf bei der Suche nach einem Praxisvertreter.

Gibt es Besonderheiten bei der Behandlung von Ärzten?

Helmut Schröder: In der Tat sind Standardprogramme für Suchtkranke bei Ärzten nur wenig erfolgreich. Das zeigt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA oder in Spanien.

In seinem Beitrag zum Thema Ärztesucht listet Fehlzeiten-Report-Autor Dr. Bernhard Mäulen neben einer diskreten und kompetenten Behandlung in einer Zeit von sechs bis acht Wochen die Behandlung in einer Gruppe mit anderen Arztpatienten auf sowie die Behandlung durch Ärzte mit eigener Suchterfahrung, das Aufdecken von arbeitsplatzbezogenen Suchtauslösern wie Stress, mangelnde Abgrenzung oder Überarbeitung sowie eine Analyse berufsbedingter Auslöser für einen Rückfall.

Daneben spielt auch Hilfestellung in wirtschaftlichen Fragen eine Rolle, wie die Hilfe bei der Kostenübernahme durch eine Kombination von Ärzteversorgung, Krankenversicherung und anderen Versicherungen oder auch die Hilfe bei Schwierigkeiten mit der Ärztekammer, der Approbationsbehörde oder der Staatsanwaltschaft.

Fehlzeiten-Report 201 3, Schwerpunkt- thema: Verdammt zum Erfolg - die süchtige Arbeitsgesellschaft?; ISBN 978-3-642-37116-5, www.wido.de/fzr

[09.09.2013, 15:29:19]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Müssen wir Vertragsärzte uns jetzt Sorgen machen?
Dass ausgerechnet die AOK sich um Gesundheit, Wohlergehen und Krankheitsprävention bei "ihren" Vertragsärztinnen und -ärzten kümmern will?

Denn auch der diesjährige WIdO-Fehlzeiten-Report bezieht sich wie immer ausschließlich auf Fehlzeiten der V e r s i c h e r t e n der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Schlussfolgerungen zu Sucht und Abhängigkeits-Krankheiten entstammen also n i c h t empirischem Datenmaterial, weil nach meiner Kenntnis wir als Vertrags- und Kassenärzte u. a. auch der AOK keineswegs selbst bei dieser "Gesundheitskasse" versichert sein müssen. Das gilt im Übrigen auch für die Bundeskanzlerin und ihren Herausforderer gleichermaßen.

Wenn Helmut Schröder, Mitherausgeber des WIdO-Fehlzeiten-Reports, einerseits erklärt: "Das Suchtverhalten von Ärzten spiegelt die Tendenz in der Allgemeinbevölkerung", andererseits aber erklären will, wie sich Ärzte von anderen Süchtigen unterscheiden, ist mir nicht klar, was ausgerechnet die AOK mit dieser Erkenntnis anstellen will? Und wenn sich Kollege und Fehlzeiten-Report-Autor Dr. med. Bernhard Mäulen als Neurologe, Psychiater und Suchtexperte noch so fundiert und detailliert über Arzt-spezifische, bio-psycho-sozial bedingte Suchtproblematiken äußert, weiß ich auch nicht so recht, was dies in einem Fehlzeiten-Report 2013 über AOK-Versicherte mit dem Schwerpunktthema: „Verdammt zum Erfolg - die süchtige Arbeitsgesellschaft?“ sinnvoll macht?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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