Ärzte Zeitung, 03.07.2014

Depressionen

Wie das Web zum Therapie-Helfer werden kann

Für Patienten mit einer Depression ist der Hausarzt oft der erste - und wichtigste - Ansprechpartner. Wissenschaftler der Universität Leipzig zeigen nun Wege zur Unterstützung aus dem Internet auf.

Von Taina Ebert-Rall

BERLIN. Kann ein Online-Programm die Behandlung von Patienten mit Depressionen unterstützen? Seit 2013 untersucht ein Team um die Leipziger Professorin Steffi Riedel-Heller in einer randomisierten Studie diese Frage. Getestet wird die Wirksamkeit des Online-Selbsthilfeprogramms MoodGYM.

"Das Programm eignet sich besonders gut zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Depressionen", erklärt Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig.

Das Programm, das man mit "Fitness für die Stimmung" übersetzen kann, wurde von der Australian National University entwickelt. Es wird bereits seit vielen Jahren in verschiedenen Ländern erfolgreich angewandt.

Riedel-Heller: "Mit unserer Studie wollen wir aufzeigen, wie das auf der kognitiven Verhaltenstherapie basierende Programm unterstützend eingesetzt werden kann. Dafür haben wir es im vergangenen Jahr in enger Zusammenarbeit mit unseren australischen Kollegen übersetzt und an deutsche Verhältnisse angepasst."

60 Ärzte nehmen bereits teil

Hausärzte in Sachsen und Thüringen können an der von der AOK PLUS und dem AOK-Bundesverband unterstützten Studie teilnehmen. Ab 2016 steht die deutsche MoodGYM-Version allen Betroffenen bundesweit zur Verfügung - kostenfrei im Internet. "Es nehmen schon 60 Ärzte an der Studie teil", so die Leipziger Studienleiterin weiter.

"Bis jetzt haben wir sehr positive Rückmeldungen, vor allem jüngere Hausärzte und Ärzte im ländlichen Bereich zeigen sich aufgeschlossen."

Einer der Teilnehmer ist der Leipziger Hausarzt Dr. Thomas Lipp. Er schätzt an MoodGYM vor allem die Möglichkeit für Patienten, aktiv etwas für ihre Genesung zu tun.

"Ich habe das Gefühl, dass ich den Patienten in der begrenzten Konsultationszeit, die mir zur Verfügung steht, wirklich mehr anbieten kann, weil sie sich im Vorfeld bereits mit dem Programm beschäftigen konnten", sagt Lipp. In seiner Praxisgemeinschaft haben sich alle fünf Ärzte für die Studienteilnahme entschieden.

Hilfreich findet Lipp, wie Patienten durch das aus fünf Modulen bestehende Programm geleitet werden. So führen ganz unterschiedliche Charaktere wie der "Null Problemo-Typ" oder der "Miesepeter" Schritt für Schritt durch das Online-Angebot mit den Modulen "Gefühle", "Gedanken", "Veränderung", "Weg mit dem Stress" und "Beziehungen".

"Auf dieser Basis fällt es mir leichter, mit Patienten über die psychologischen Zusammenhänge ihrer Depression zu sprechen. Aber auch für die Patienten ist es so einfacher, mit mir über Veränderungsprozesse ins Gespräch zu kommen", so Lipp.

Das Programm gibt es seit 2001

MoodGYM gehört zu den Vorreitern auf dem Gebiet der internetbasierten Selbsthilfeprogramme für Depression. Es hat mehrere Auszeichnungen im IT- und Gesundheitsbereich erhalten und kann inzwischen weltweit mehr als 750.000 registrierte Nutzer vorweisen. Verschiedene internationale Studien haben seine Wirksamkeit belegt.

Den australischen Wissenschaftlern ist es ein Anliegen, dass evidenzbasierte fachliche Expertise allen betroffenen Menschen weltweit niedrigschwellig und nicht-kommerziell zur Verfügung steht.

Jeder Nutzer kann sich einen passwortgeschützten individuellen Zugang ohne personenbezogene Daten anlegen und über datengeschützte Technologie mit dem australischen Server kommunizieren. Die fünf Bausteine des Programms können von den Nutzern nacheinander in selbst gewählter Geschwindigkeit und Intensität bearbeitet werden; außerdem vermittelt es Entspannungstechniken wie die progressive Muskelentspannung.

Anhand einer Vielzahl von Übungen und Aufgaben lernen Nutzer, negative und wenig hilfreiche Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern. Alle Ergebnisse können im "Arbeitsbuch"-Bereich des Programms gespeichert und ausgedruckt werden.

An verschiedenen Stellen werden Nutzer aufgefordert, Begebenheiten aus dem eigenen Leben in die Übungen einfließen zu lassen. So kann an konkreten Beispielen gearbeitet werden.

Das Programm meldet Nutzern den Verlauf der Symptomatik, indem integrierte Depressions- und Angsttests den momentanen Zustand reflektieren.

Für den Fall einer akuten Verschlechterung wird auf konkrete Hilfsangebote für Deutschland verwiesen, wenn der behandelnde Arzt nicht kontaktierbar sein sollte. In der Studie wird MoodGYM zusätzlich zur klassischen Behandlung eingesetzt, wie auch in anderen aktuellen Pilotprojekten.

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