AOK Pro Dialog

Ärzte Zeitung, 21.07.2015

AOK

Verschiedene Programme gegen den Schmerz

Menschen mit chronischen Schmerzen gehen oft einen langen Leidensweg. Betroffen sind viele. Die AOK will mit verschiedenen Programmen zur Schmerzlinderung dazu beitragen, die Lebensqualität von Patienten mit Schmerzerkrankungen zu verbessern.

Von Taina Ebert-Rall

Verschiedene Programme gegen den Schmerz

Schätzungen zufolge leidet jeder siebte Mann und jede fünfte Frau hierzulande unter chronischen Rückenschmerzen.

© WavebreakMediaMicro / fotolia.com

BERLIN. Kopfschmerzen und Rückenschmerzen entwickeln sich immer mehr zu Volkskrankheiten. Nach Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) leidet jeder vierte Beschäftigte in Deutschland unter Kopfschmerzen und Schlafstörungen.

Sogar Kinder sind zunehmend von Kopfschmerzen betroffen. Über chronische Rückenschmerzen klagt jede fünfte Frau und jeder siebte Mann.

Nach Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI) werden pro Jahr bundesweit 579.000 Fälle mit Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens stationär behandelt, 160.000 Menschen werden jährlich am Rücken operiert.

Vor diesem Hintergrund haben beispielsweise die AOK PLUS und die AOK Nordost integrierte Versorgungsverträge mit Kliniken abgeschlossen, in denen Schmerzpatienten von spezialisierten Teams behandelt werden.

Wartezeiten deutlich reduziert

In Dresden (siehe Interview unten) und am Leipziger Klinikum St. Georg Leipzig können Versicherte der AOK mit chronischen Schmerzen interdisziplinäre Behandlungsangebote nutzen.

Durch eine gezielte Kooperation von niedergelassenen Haus- und Fachärzten mit dem Krankenhaus entfallen lange Wartezeiten, die Patienten können je nach Krankheitsbild ambulant oder stationär behandelt werden.

Die Angebote richten sich hier jeweils an Patienten, deren chronische Schmerzen schon länger als sechs Monate andauern und die sich zusätzlich in einer schmerzbedingten Belastungssituation befinden.

Da Ärzte und Therapeuten fachübergreifend zusammenarbeiten, profitieren die Patienten unter anderem von einer deutlich kürzeren Behandlungsdauer, als dies ohne das Programm möglich wäre.

In Thüringen bietet die AOK PLUS seit Oktober 2010 mit dem Mitteldeutschen Kopfschmerzzentrum am Universitätsklinikum Jena die "Kopfschmerztherapie PLUS" an. Ziel dieses Angebotes ist eine nachhaltige Verbesserung der Versorgung chronischer sowie von Chronifizierung bedrohter Kopfschmerzpatienten im Kindes- und im Erwachsenenalter.

Dafür haben die Partner ein mehrstufiges Behandlungsverfahren entwickelt, das aus drei Modulen besteht: interdisziplinäre Eingangsdiagnostik, fünftägige Behandlung in der Tagesklinik oder vollstationäre Schmerztherapie in der Universitätsklinik.

Zudem wurden am Kopfschmerzzentrum spezielle kindgerechte Therapiemodelle entwickelt, die unter anderem psychologische Behandlungskonzepte und Entspannungstherapien beinhalten.

Fachübergreifende Diagnose

Auch die AOK Nordost bietet Versorgungsprogramme für Menschen mit chronischen Rücken- und Kopfschmerzen an.

Das Programm "KopfschmerzSpezial" wurde von der AOK Nordost gemeinsam mit Spezialisten der Neurologischen Klinik und Hochschulambulanz der Berliner Charité eingeführt. Es soll chronisch erkrankten Kopfschmerzpatienten mit einer leitliniengerechten Therapie - von der fachübergreifenden strukturierten Diagnose, über die kontrollierte Schmerzmitteleinnahme bis zur Anleitung zum Selbstmanagement - versorgen.

Im Bestreben, die Kopfschmerzen nachhaltig zu lindern, wird auch der biopsychosoziale Charakter der Erkrankung berücksichtigt und Patienten in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ein interdisziplinäres Zweitmeinungsverfahren in ausgewählten Rückenzentren zur Verfügung gestellt.

Versicherte, für die eine Bandscheiben- oder Wirbelsäulen-Op geplant wurde, sollen hier schnell und unkompliziert Fachärzten vorgestellt werden: In den mit der AOK Nordost kooperierenden Rückenzentren arbeitet ein Team aus den Fachbereichen Orthopädie, Schmerztherapie, Schmerz-Psychotherapie und Physiotherapie zusammen.

Nach der Vorbefundprüfung erfolgt durch jeden Einzelnen eine umfassende insgesamt etwa dreistündige Untersuchung des Patienten.

Die Kundenberater der AOK Nordost organisieren das interdisziplinäre Konsil für die Versicherten, sodass an einem Tag alle Checks durchgeführt werden können. Im Anschluss wird für den Versicherten eine individuell abgestimmte Therapieempfehlung erstellt und mit ihm - und wenn möglich mit seinem Erstbehandler - persönlich besprochen.

Spricht die interdisziplinäre Einschätzung gegen eine Op, hat der Versicherte die Möglichkeit, über die Regelversorgung hinaus, anschließend eine interdisziplinäre ambulante multimodale Therapie in dem kooperierenden Rückenzentrum wahrzunehmen.

Effektive Hilfe bei chronischen Schmerzen

Beim UniversitätsSchmerzCentrum (USC) in Dresden erhalten die Patienten Werkzeuge zur Selbsthilfe, wie Dr. Rüdiger Scharnagel, stellvertretender Leiter des USC Dresden im Interview berichtet.

Ärzte Zeitung: Was genau umfasst der integrierte Versorgungsvertrag "Schmerztherapie PLUS"?

Dr. Rüdiger Scharnagel: Es geht darum, die sektorenübergreifende Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen durch eine multimodale Schmerztherapie zu verbessern. Dafür arbeiten Teams aus Ärzten verschiedener Fachrichtungen - also Anästhesisten, Orthopäden, Neurologen - sowie Psychotherapeuten, Physio- und Ergotherapeuten und Pflegekräfte fachübergreifend eng zusammen.

Was ist das Besondere an der Behandlung im Universitäts-SchmerzCentrum in Dresden?

Scharnagel: Durch die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit bekommen wir einen umfassenden Blick auf die Patienten. Das fängt schon bei der Eingangsuntersuchung an. Wir arbeiten mit einer sehr flachen Hierarchie, die Einschätzung aller Beteiligten fließt in die Diagnostik und den daraus folgenden Therapieplan ein.

Abhängig vom Krankheitsbild werden die Patienten ambulant, teilstationär oder stationär behandelt. Dabei bekommen sie unter anderem Instrumente für eine bessere Krankheitsbewältigung an die Hand.

Bei chronischen Schmerzen ist klar, dass eine Schmerzfreiheit nicht erreicht werden kann. Es geht also darum, den Patienten Strategien zu vermitteln, die ihnen helfen, mit den Schmerzen umzugehen. Dadurch wird ihre Lebensqualität verbessert und auch die berufliche Leistungsfähigkeit erhalten.

Wie lange dauert die Behandlung?

Scharnagel: Die ambulante Behandlung dauert in der Regel sechs Monate, wobei der Patient nach den Eingangsuntersuchungen monatliche Arztkontakte und einmal pro Woche verhaltenstherapeutische und physiotherapeutische Behandlungseinheiten hat. Die tagesklinische Behandlung im SchmezCentrum dauert vier Wochen.

Drei Monate nach dem Abschluss der Therapie wird das Erlernte in einer Wiederholungswoche verfestigt. Die stationäre Behandlung im Uniklinikum Dresen erstreckt sich über zwölf Tage.

Welche Patienten kommen idealerweise wann zu Ihnen?

Scharnagel: Die "Schmerztherapie PLUS" wird hauptsächlich von Patienten mit chronischen Schmerzen des Muskel- und Skelettapparates und Kopfschmerzpatienten beansprucht.

Besonders gut geeignet ist die ambulante Therapie für Patienten mit weniger beeinträchtigenden Schmerzen, bei denen es Anzeichen für eine Chronifizierung gibt. (Ebert-Rall)

[21.07.2015, 14:14:53]
Dr. Boschidar Nikolow 
Multimodale Therapie
Der Begriff "Multimodale Therapie" durchzieht nun seit einigen wenigen Jahren als "Schlagwort" durch alle med. Medien und bis heute kam noch keiner dieser "Fachleute" auf die Idee, dass diese Therapie für min. 90% der Patienten nicht machbar ist, weil man 1. Zeit dafür haben und 2. in einem Umfeld leben muss, wo diese notwendigen "Experten" und Stellen vororts auch erreichbarbar und bezahlbar sind. Nicht jeder ist ein Beamter, der monatelang 3 Tage der Woche abwesend ist ! Es gibt Menschen, die arbeiten müssen, um finanziell zu überleben - die können (abgesehen vom fraglichen Erfolg) von der tollen "Multimodalen Therapie" nur träumen. Ich schreibe dies nicht ohne Grund, weil ich genug Patienten kenne, die dies z. T. vergeblich versucht haben, aber auch ohne Erfolg absolvierten, kenne aber keinen, dem mit dieser multimodalen Therpie wirklich geholfen wurde. Diese Aussage ist natürlich keine Studie, sondern die Erfahrung, die ich mit sehr vielen Schmerzpatienten gemacht habe. Es wäre schön, diesen menschen endlich wirklich helfen zu können !! Ich schreibe aus Österreich und kenne die Situation in Deutschland nicht, aber unsere Schmerzamulanzen sind fast peinlich. In Tirol ist man z. B. nicht einmal in der Lage, eine Ketamintherapie (über die Sinnhaftigkeit kann man natürlich diskutieren) durchzuführen. Fazit: Theorie, weil die Machbarkeit und auch der Erfolg in Frage gestellt ist. Ich beschäftige mich in meinen freien Nachtstunden seit min. 20 Jahren mit Schmerzpatienten, denen bis dato nur mit Opioiden geholfen wird. Ich suche schon lange nach einem wirklichen Fachmann/Frau, der/die die entsprechende Hypnoseausbildung hat. Wenn mir Jemand einen nennen kann - herzlichsten Dank.
MfG., B. Nik.  zum Beitrag »

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