Ärzte Zeitung, 02.11.2015

Prostata-Op

Große Unterschiede bei Komplikationsraten

Im Krankenhaus-Navigator sind nun auch Informationen zur Behandlungsqualität bei Prostata-Operationen verfügbar. Diese belegen deutliche Unterschiede bei den Komplikationsraten.

Von Taina Ebert-Rall

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BERLIN. Das Prostatakarzinom ist mit 26 Prozent der Neuerkrankungen die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Eine Hilfe bei der Auswahl eines geeigneten Krankenhauses bietet der AOK-Krankenhausnavigator, in dem ab sofort auch die Ergebnisqualität von Prostataoperationen abgebildet ist.

Unter www.aok.de/krankenhausnavigator stehen die Qualitätsergebnisse auf der Grundlage von QSR ("Qualitätssicherung mit Routinedaten") sowohl für die radikale Prostatektomie als auch für die operative Behandlung des benignen Prostatasyndroms zur Verfügung.

Über 44.100 Fälle ausgewertet

Für die Ergebnisse des AOK-Krankenhausnavigators zum benignen Prostatasyndrom wurden mit dem QSR-Verfahren über 44.100 Fälle der Jahre 2011 bis 2013 aus über 420 Kliniken in Deutschland ausgewertet. Die Gesamt-Komplikationsrate lag bei diesen Fällen bei insgesamt 17,9 Prozent.

Allerdings gibt es große Schwankungen zwischen den Ergebnissen der Kliniken. So traten bei einem Viertel der Krankenhäuser höchstens bei 13,2 Prozent der Patienten Komplikationen auf, während beim Viertel der Krankenhäuser mit den höchsten Komplikationsraten mindestens 22,5 Prozent der Patienten betroffen waren.

Bei der radikalen Prostatektomie wurden für den gleichen Zeitraum über 15.500 Fälle aus 220 Kliniken ausgewertet. Die Gesamt-Komplikationsrate lag bei 19,3 Prozent.

Auch hier zeigen sich große Unterschiede zwischen den Häusern. Während in einem Viertel der Kliniken höchstens 12,6 Prozent der Patienten Komplikationen erlitten, waren es im Viertel der Kliniken mit den höchsten Komplikationsraten mit mindestens 27,4 Prozent mehr als doppelt so viele.

Unzulängliche Daten für Komplikationen

Zu den vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) ausgewerteten Komplikationen gehören etwa erneute Eingriffe an Prostata, Harnröhre oder Harnleiter während des Klinikaufenthaltes und bis zu einem Jahr danach. Auch allgemeine Komplikationen wie Lungenembolien oder Herzinfarkte werden ausgewertet.

Die Qualität der Harnblasenentleerung nach einer Operation an der Prostata sowie Inkontinenz oder Impotenz können nicht ausgewertet werden, weil es dafür keine Datengrundlage gibt.

Das liegt daran, dass sowohl Inkontinenz als auch Impotenz nur sehr selten zu einer stationären Wiederaufnahme führen. Auch aus der ambulanten Versorgung gibt es nur unzulängliche Daten für diese Komplikationen. Bei der RPE kann wegen der begrenzten Datenlage zudem nicht ausgewertet werden, ob der Tumor beseitigt wurde.

Das QSR-Verfahren ermöglicht einen fairen Klinikvergleich, da die verschiedenen Risikostrukturen der Kliniken in der Analyse berücksichtigt werden. "Risikoadjustierte Komplikationsraten geben daher eine Orientierung bei der Einschätzung der Behandlungsqualität. Übrigens sowohl für die Patienten als auch für die Kliniken selbst", betont WIdO-Experte Christian Günster. Bei der Qualität der Behandlungsergebnisse sei die Schere zwischen den Kliniken sehr groß.

Klinikreform auf dem richtigen Weg

Das zeigt nach Auffassung der AOK, wie wichtig die angestrebten Reformen des Krankenhaus-Strukturgesetzes sind, mit denen Qualitätsergebnisse stärker in die Krankenhausplanung einfließen sollen.

"Die Krankenhäuser erhalten bis 2020 rund zehn Milliarden Euro extra. Nun müssen sie beweisen, dass dieses Geld auch tatsächlich zum Wohl der Patienten für eine bessere Versorgung verwendet wird und nicht nur veraltete Strukturen am Leben erhält", so Martin Litsch, kommissarischer Vorstand des AOK-Bundesverbandes.

Interview: Auch die Zeit nach dem Eingriff zählt

Der Mehrwert der QSR-Daten liegt vor allem in der Langzeitbetrachtung, sagt der Urologe Prof. Dr. Jens-Uwe Stolzenburg.

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Ärzte Zeitung: Sie haben im QSR-Expertenpanel zu den Prostata-Operationen mitgearbeitet. Worin liegt für Sie der Mehrwert der neuen Auswertungen?

Prof. Jens-Uwe Stolzenburg: Ich sehe den Mehrwert vor allem in der umfassenden und langfristigen Begutachtung, bei der alle Kliniken Deutschlands und nicht nur sogenannte spezialisierte Zentren analysiert werden. Die Qualität eines Eingriffs wird nicht nur betrachtet, solange ein Patient im Krankenhaus liegt, sondern nach dem Eingriff ein ganzes Jahr lang.

Das macht das QSR-Verfahren zu einer ausnehmend gründlichen und einzigartigen Qualitätsmessung. So bekommen wir besonders aussagekräftige Informationen über die Qualität solcher Eingriffe für alle Krankenhäuser deutschlandweit.

Bestimmte Komplikationen der Prostata-Op wie Inkontinenz und Impotenz können nicht ausgewertet werden. Ist eine Qualitätsbewertung dann überhaupt sinnvoll?

Stolzenburg: Die Eingriffe sind extrem komplex. Kontinenz und Potenz sind insbesondere bei der radikalen Prostatektomie bei Krebspatienten sicher wichtige Kriterien für Patienten. Bei der operativen Therapie der gutartigen Prostatavergrößerung treten Inkontinenz und Impotenz nur sehr selten auf. Dass Inkontinenz und Impotenz in QSR nicht erfasst werden können, schmälert die Qualität des Verfahrens nicht.

Immerhin werden extrem wichtige Kriterien wie Folge-Op, Bluttransfusionen, allgemeinchirurgische Komplikationen oder Sterblichkeit abgebildet. In der medizinischen Weltliteratur gibt es keine annähernd umfassende Betrachtung der Versorgungsqualität, wie sie das QSR-Verfahren darstellt. Das liegt vor allem an der gründlichen Erfassung der Primärdaten in den Krankenhäusern, wo jede Intervention genau erfasst und an die Kasse weitergeleitet wird.

Was sind aus Ihrer Sicht Gründe für die großen Unterschiede zwischen den Kliniken bei den Komplikationsraten?

Stolzenburg: Bisher haben wir nur festgestellt, dass es da Unterschiede gibt. Die Gründe müssen wir noch analysieren. Zum Beispiel ist noch nicht genau geklärt, ob die Qualität der Versorgung in einem Haus mit der Zahl der dort vorgenommenen Eingriffe zusammenhängt, was aber sehr wahrscheinlich ist.

Eine bedeutsame Frage ist, ob eine Mindestzahl von Eingriffen notwendig ist, um diese Operationen qualitativ gut durchführen zu können. Wichtig ist aus meiner Sicht aber, dass sich Patienten an den Ergebnissen im Navigator orientieren und sehen können, ob in einer Klinik mehr Komplikationen nach solchen Eingriffen als an anderen Kliniken auftreten. (Ebert-Rall)

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