AOK Pro Dialog

Ärzte Zeitung, 21.03.2016

Pflegeversorgung der Zukunft

Vergesst die Heime nicht!

Ambulant hat Vorfahrt. So lautet eine goldene Regel in der Pflege. Doch auch stationäre Einrichtungen würden weiterhin gebraucht, betonten Experten beim Deutschen Pflegetag. Die AOK ist Gründungspartner des Kongresses.

Von Thomas Hommel

Vergesst die Heime nicht!

Selbstbestimmt zu leben, das muss auch in Pflegeheimen möglich sein.

© Norbert Försterling / dpa

BERLIN. Deutschlands Pflegeheime haben es dieser Tage nicht eben leicht. Nicht nur die Reformpolitik legt ihren Fokus klar auf die ambulante Pflege. Auch die Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich im Fall von Pflegebedürftigkeit nichts sehnlicher als eine Betreuung in den eigenen vier Wänden, um nicht ins Heim zu müssen.

Droht den stationären Pflegeeinrichtungen also das Abstellgleis? Der AOK-Bundesverband nutzte den Deutschen Pflegetag 2016 Mitte März in Berlin, um mit Wissenschaftlern, Anbietern und Politik nach der Zukunft der stationären Pflege zu fragen.

Die Botschaft: Die Realität ist weniger düster als angenommen - und ja, die Heime haben eine Perspektive, wenn sie sich denn strukturell weiterentwickeln.

Heim gleich Hospiz? Stimmt nicht!

Neue Faktenbox der AOK zur Pflegeberatung

Die AOK hat eine neue Faktenbox zur Pflegeberatung veröffentlicht. Die Gesundheitskasse will damit ihr bundesweites kostenloses Beratungsangebot noch bekannter machen. Rund 700 Beraterinnen und Berater der AOK sind derzeit in Städten und auf dem Land im Einsatz, um Pflegebedürftigen wie pflegende Angehörigen bei Fragen die Pflege betreffend zu unterstützen.

Die Faktenbox, die in Kooperation mit dem Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung entwickelt worden ist, stellt die Leistungen der Pflegeberatung auf einen Blick dar. Die Angebote reichen von der Erfassung des Hilfebedarfs über die Unterstützung beim Ausfüllen von Anträgen bis hin zur Vermittlung von Entlastungsangeboten für Angehörige.

Die Mehrzahl von ihnen kennt zwar die zusätzlichen Hilfsangebote, die die gesetzliche Pflegeversicherung vorsieht. Genutzt werden die Leistungen aber oft nur von einer Minderheit, wie aus einer aktuellen Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) unter 1000 pflegenden Angehörigen im Rahmen des Pflege-Reports 2016 hervorgeht.

Die neue Faktenbox ergänzt das bisherige Angebot von zwölf AOK-Faktenboxen zu verschiedenen Medizin- und Gesundheitsthemen.

Zu den Faktenboxen: www.aok.de/faktenboxen; Zum Pflege-Report 2016: www.wido.de > Pflege-Report

Professor Dr. Klaus Jacobs, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, verdeutlichte anhand aktueller Zahlen zur gesetzlichen Pflegeversicherung, dass Heime keineswegs nur Horte schwerstpflegebedürftiger, hochdementer Menschen sind. "Zwar liegt in der stationären Pflege der Anteil Pflegebedürftiger mit höheren Pflegestufen und eingeschränkter Alltagskompetenz erkennbar höher als in der ambulanten Pflege".

Gleichwohl seien in beiden Settings "gut gemischte Kollektive" anzutreffen. Auch die Vorstellung, mit dem Einzug ins Heim beginne das Siechtum, lasse sich nicht bestätigen. "Auch stationär Gepflegte leben - abgesehen von einer Teilgruppe - noch viele Monate und Jahre in den Heimen und haben einen Anspruch auf mehr Selbstbestimmung und Lebensqualität."

Investiert habe die Politik, betonte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks. Allein im Zuge des Pflegestärkungsgesetzes II flösse rund eine Milliarde Euro zusätzlich in die stationäre Pflege.

"Niemand vergisst die Heime. Sie sind eine ganz wichtige Säule". Die Einrichtungen müssten sich allerdings "anders aufstellen", um konkurrenzfähig zu bleiben. Einige Anbieter seien ja bereits dabei, "sich durch Umbauten und neue Angebote auf neue Bedürfnisse im Alter einzustellen".

Auch der Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, nahm die Anbieter in die Pflicht. "Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass der stationäre Sektor teilweise Image- und Qualitätsprobleme hat und auch in der Personalausstattung noch einiges besser werden muss."

Gebraucht würden die Pflegeheime in jedem Fall. Am besten gewappnet für die Zukunft seien diejenigen Einrichtungen, die für mehr Selbstbestimmung und Häuslichkeit sorgten (siehe Interview unten).

Keine Kasernen mehr

Für die privaten Pflegeanbieter stellte Thomas Knieling, Bundesgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, fest, dass mit den Reformen höhere Leistungen für die Pflegebedürftigen herausgesprungen seien, nicht aber mehr Geld "für die Besserstellung der Pflege im Heim oder nötige Umstrukturierungen".

Eher werde der stationäre Sektor "gedeckelt". Vielen gelte stationär als abschreckend, ambulant hingegen als Antwort auf alles.

"Vor solcher Kategorisierung sollten wir uns hüten. Die Devise muss lauten: Ambulant mit stationär." Alexander Künzel, Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstiftung und Sprecher des Netzwerkes "Soziales neu gestalten", stellte klar, dass sich die stationären Pflegeeinrichtungen weiterentwickelt hätten. "Von Kasernen sind wir weg."

Das Heim der Zukunft sei ein "Stadtteilhaus - ein Haus mittendrin in der Gesellschaft". Unter seinem Dach zu finden seien stationäre wie ambulante Angebote. "Wir müssen rauskommen aus der Logik des isolierten Pflegeheimes."

Einig waren sich alle Diskutanten darin, dass die Güte eines Pflegeheimes entscheidend davon abhängt, wie es dort um die haus- und fachärztliche Versorgung bestellt ist. "Darum müssen wir uns kümmern", so AOK-Vorstand Litsch.

Die AOKen hätten bereits Programme aufgelegt, um gemeinsam mit Haus- und Fachärzten, Pflegekräften und Therapeuten eine kontinuierliche medizinische Betreuung der Heimbewohner sicherzustellen. "Das läuft nicht automatisch, da braucht es Anstöße." Ärzte könnten sich in Netzwerken zusammenschließen, um abwechselnd die medizinische Betreuung sicherzustellen.

Branchenvertreter Knieling monierte, der Aufwand für die medizinische Versorgung werde bislang zu einseitig bei den Ärzten vergütet, nicht aber beim Heim.

Für Litsch kein Widerspruch: "Für den Arzt ist es Aufwand. Für das Heim bringt es organisatorische Vorteile."

Martin Litsch: Heime sollten mehr Freiheit ermöglichen

Braucht es noch Pflegeheime? Ja, sagt Martin Litsch, Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes. Die Einrichtungen müssten sich nur anders aufstellen.

Ärzte Zeitung: Herr Litsch, das Gros der Pflegebedürftigen will zu Hause leben. Welche Rolle spielt da noch die stationäre Pflege?

Litsch: Wir brauchen auch künftig unterschiedliche Versorgungsformen. Die Politik sollte keine der beiden Versorgungsarten bevorzugen, sondern Rahmenbedingungen schaffen, damit sich der ambulante wie der stationäre Pflegesektor gleichermaßen weiterentwickeln können. Pflegebedürftige und Angehörige sollten frei entscheiden können, welche Versorgungsform für sie am besten passt.

Das kann je nach Bedarf auch ein Pflegeheim sein. So stößt die Versorgung in der Häuslichkeit imner dann an Grenzen, wenn schwere gesundheitliche Einschränkungen vorliegen oder soziale Isolation und Vereinsamung drohen.

Die Heime sollen sich weiterentwickeln - in welche Richtung?

Litsch: Pflegeheime müssten mehr Selbstbestimmung und Häuslichkeit unter institutionellen Bedingungen ermöglichen. Die Heimpflege sollte sich stärker nach den Lebensvorstellungen der Bewohner richten.

Wer beispielsweise nicht punkt 12 Uhr warm essen will, sondern lieber abends, sollte das auch können. Außerdem sollten sich die Heime sehr viel stärker dem sozialen Umfeld ihrer Bewohner öffnen und zu einem Quartier der Begegnung vor Ort entwickeln, in das Angehörige, Nachbarn und ehrenamtliche Helfer eng eingebunden sind.

Servicewohnen, betreutes Wohnen, Wohngemeinschaften für Senioren - es gibt viele neue Versorgungsformen im Alter. Wie bewerten Sie die?

Litsch: Es ist gut, wenn sich Angebote herausschälen, die auf neue Bedürfnisse im Alter eingehen. Problematisch aber sind diejenigen Angebote, die ein ambulantes Versorgungssetting simulieren, in der Realität dann aber auch nichts anderes als vollstationäre Pflege-Einrichtungen darstellen.

Diese Ambulantisierungsstrategien müssen eingedämmt werden, denn sie verfolgen primär das Ziel, die Erträge ihrer Betreiber zu optimieren, nicht aber, die Versorgungs- und Lebensqualität der Pflegebedürftigen zu verbessern. (hom)

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