AOK Pro Dialog

Ärzte Zeitung, 23.05.2016

pharmPRO

Wertvoller Wissensaustausch

Immer neue Präparate, immer neue Regeln - bei der Verordnung von Arzneimitteln auf dem aktuellsten Stand zu bleiben ist eine große Herausforderung. Die AOK bietet mithilfe der Software pharmPRO individuelle Beratung an.

Von Annegret Himrich

Wertvoller Wissensaustausch

Angeregte Diskussion: Beratungsapothekerin Antje Knobloch (2.v.l.) zusammen mit Dr. Petra Köhler, Dr. Natalya Engel,Dr. Andreas Huth und Schwester Anke Pipenburg.

© Andrea Katheder

BERLIN. Rabattverträge, unterschiedliche Darreichungsformen, Wirtschaftlichkeit, Wechselwirkungen: Wenn Ärzte zum Rezeptblock greifen, müssen sie all das bedenken.

Hinzu kommt eine Fülle von Informationen und Studien zu Wirksamkeit und Nutzen der über 50.000 verschreibungspflichtigen Präparate. Viele unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen und in Einklang zu bringen, erfordert eine Menge Wissen und Zeit.

Antje Knobloch hat dieses Wissen und nimmt sich die Zeit, es mit niedergelassenen Ärzten in Brandenburg zu teilen. Die 42-jährige Pharmazeutin ist eine von zehn Beratungsapothekerinnen und -apothekern der AOK Nordost, die Mediziner auf deren Wunsch zum Thema Arzneimittel auf dem Laufenden hält.

Bei dieser persönlichen Pharmakotherapieberatung arbeitet die AOK Nordost eng mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg zusammen. Diese schreibt die Ärzte an und lädt sie ein, an der Beratung teilzunehmen.

"Die Resonanz ist sehr unterschiedlich. Ein Großteil der Praxen sieht die Vorteile dieser persönlichen Dienstleistung, einige betrachten es aber auch als Einmischung", erklärt Antje Knobloch.

Der Allgemeinmediziner Dr. Andreas Huth gehört zu denen, die das Angebot der AOK Nordost schätzen.

Daten verständlich aufbereitet

An diesem Mittwochnachmittag besucht Antje Knobloch seine Praxis in Frankfurt an der Oder. Dort versorgen drei Ärztinnen und drei Ärzte mehrere Hundert Patienten pro Quartal.

Nach einem anstrengenden Vormittag haben sich die Hausärzte Dr. Andreas Huth, Dr. Petra Köhler, Dr. Natalya Engel und Schwester Anke Pipenburg Zeit genommen.

Ein Beamer zur Folienpräsentation steht bereit. Es ist Antje Knoblochs zweiter Besuch in der Praxis, der Zeitraum zwischen den Beratungen beträgt eineinhalb Jahre.

Im Gepäck hat sie neben ihrem Laptop auch drei Mappen mit den persönlichen Verordnungsdaten der Ärzte - übersichtlich aufbereitet. Andreas Huth: "Unser Ziel ist es, die Patienten gut zu versorgen. Dabei hilft uns dieses fachliche Feedback."

Ein unverzichtbares Arbeitsinstrument der Apothekerin ist die Software pharmPRO®, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) für die arztindividuelle, pharmaunabhängige Arzneimittelberatung entwickelt hat. pharmPRO arbeitet auf der Basis der Verordnungsdaten niedergelassener Ärzte. Wie in einem Baukasten kann Antje Knobloch sich Suchläufe und Anfragen selbst zusammenstellen, je nachdem welcher Aspekt für den jeweiligen Arzt relevant ist.

Die Präsentation in der Praxis Huth beginnt mit einigen Basisinformationen bezogen auf das vergangene Quartal. Wie alt sind die Patienten, wie viele Männer, wie viele Frauen sind darunter? Wie viele Rezepte wurden ausgestellt und wie viel haben sie gekostet?

Auf den ersten Blick wird klar: Die Zahl der Verordnungen liegt deutlich unter dem Durchschnitt der Vergleichsgruppe. Trotz des guten Ergebnisses ist Andreas Huth erstaunt - so viele Rezepte in nur drei Monaten?

Doch pharmPRO kann noch mehr: Wirkstoffgruppen, Mehrfachverordnungen, Verordnungen nach Geschlecht, Altersgruppe und Erkrankung sowie anonyme Patientenprofile lassen sich herausfiltern und analysieren.

Übersicht der 30 teuersten Präparate

Die Software wäre allerdings nutzlos ohne das Know-how von Antje Knobloch - sei es zu neuen Studien und Arzneimitteln, zu Rabattverträgen und gesetzlichen Vorgaben, zu Wechselwirkungen, Unverträglichkeiten oder zum Einsatzgebiet neuer Arzneimittel gemäß der Nutzenbewertung. Früher war es ihr Traum, in der eigenen Apotheke zu arbeiten.

"Aber dort ist man die meiste Zeit in der Rolle eines Verkäufers, die Beratung macht nur einen sehr geringen Teil aus." Als Beratungsapothekerin kann sie ihr umfangreiches Wissen besser einbringen.

Als Nächstes zeigt Antje Knobloch eine Übersicht der 30 teuersten Präparate, die verordnet wurden. An der Spitze stehen Bronchospasmolytika.

Das lässt sich leicht erklären, denn ein Kollege aus der Praxis ist Lungenarzt. Die Apothekerin erläutert zwei Präparate, die besonders häufig genutzt werden, und erklärt Vorzüge und Nachteile. Die Ärzte hören interessiert zu, machen sich Notizen und fragen nach. Knobloch kennt auch den jüngsten GBA-Beschluss zu diesen Medikamenten.

Der Wissensaustausch verläuft aber nicht einseitig. Knobloch erfährt bei ihren Besuchen auch von den Schwierigkeiten bei der Medikamentenverordnung im Praxisalltag. Auch hier schaut die Beratungsapothekerin, wo sie weiterhelfen kann.

Arzneiverordnung: Software soll den Überblick geben

Mit pharmPRO stellt die AOK Ärzten eine ganze Reihe von Analysemöglichkeiten zur Verfügung.

BERLIN. pharmPRO® ist eine spezielle Software, die einen Blick auf die von Ärzten getätigten Verordnungen quasi aus der Vogelperspektive ermöglicht. Dafür erstellen Apotheker der AOK mithilfe der Software Beratungsunterlagen, die auf einer Analyse sämtlicher Verordnungen einer Praxis aus dem vergangenen Quartal oder Jahr basieren.

Für die Beratungsunterlagen werden sie dann beispielsweise nach therapeutischen Gruppen (ATCs beliebiger Stufe), nach Kriterien wie Fertigarzneimittel vs. Sondergruppen (z.B. Rezepturen oder Verbandstoffe), nach Marktkriterien wie Patentstatus oder nach regulatorischen Kriterien wie Festbetrags-Status sortiert. Auch Erkenntnisse aus der frühen Nutzenbewertung des IQWiG können berücksichtigt werden.

Vor allem wenn es um Themen wie Arzneimitteltherapiesicherheit geht, können auch Verordnungsprofile einzelner anonymisierter Patienten zusammen mit den zugehörigen ambulanten Diagnosen dargestellt werden.

Die Analyse kann nach relevanten Arzneimittel- und Patientenkriterien verfeinert werden, z.B. wenn Arzneimittel der PRISCUS-Liste gehäuft an ältere Patienten verordnet werden. Außerdem markiert pharmPRO in den Pofilen potenziell unerwünschte Arznei-Kombinationen und nutzt dabei eine Datenbank von Experten der Uni Heidelberg.

pharmPRO unterstützt auch das Medikationsmanagement mit dem Ziel, die Arzneimitteltherapie patientenindividuell zu optimieren. Die Gesamt-Medikation eines Patienten kann daher auch arztübergreifend dargestellt werden, so dass der Hausarzt sie gemeinsam mit seinen fachärztlichen Kollegen kritisch sichten oder verbessern kann.

Die Voraussetzung dafür ist allerdings die Zustimmung des Patienten. Ärzte die sich für eine Pharmakotherapieberatung interessieren, können sich an ihre lokale AOK wenden. (Ebert-Rall)

Weitere Infos unter: www.wido.de/pharmpro.html

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