Ärzte Zeitung, 06.06.2016

Medikationsplan

20 Millionen Patienten haben Anspruch

Mit dem gesetzlichen Anspruch auf einen Medikationsplan ist ab Oktober eine wichtige Forderung in Richtung Patientensicherheit erfüllt. Knapp 30 Prozent der GKV-Versicherten könnten nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) davon profitieren.

Von Taina Ebert-Rall

20 Millionen Patienten haben Anspruch

Besonders häufig werden Patienten im Norden und Osten der Republik sowie im Saarland einen Medikationsplan benötigen.

© WIdO

BERLIN. Nach den Berechnungen des Instituts haben nahezu 20 Millionen Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung einen Anspruch auf einen Medikationsplan.

Das entspricht einem Anteil von mehr als 28 Prozent aller 70 Millionen GKV-Versicherten, wie der stellvertretende WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder erläutert.

Die errechneten Zahlen basieren auf den Arzneimittelverordnungsdaten der AOK-Versicherten des Jahres 2014.

Vor allem über 65-Jährige betroffen

Schröder: "Wir gehen davon aus, dass das Gros der Patienten, die einen Anspruch auf einen Medikationsplan haben, älter als 65 Jahre ist. Bei den über 75-Jährigen werden sogar mehr als drei Viertel aller Versicherten Anspruch auf einen Medikationsplan haben."

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Bei den über 75-Jährigen Arzneimittelpatienten werden im Medikationsplan durchschnittlich fünf verschiedene vom Arzt verordnete Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffkombinationen gelistet werden.

Immerhin werden nach Informationen aus dem Arzneiverordnungs-Report Versicherten im Alter von 80 bis 84 Jahren mit durchschnittlich 4,5 Tagesdosen pro Tag die meisten Tagesdosen verordnet.

Demgegenüber liegt die durchschnittliche Verordnungsmenge bei der Gruppe der 20- bis unter 25-Jährigen mit 0,22 Tagesdosen pro Tag deutlich unter diesem Niveau.

Patientenhistorie oft Mangelware

"Von Ärzten hören wir immer wieder, dass die Arzneimitteltherapie gerade bei multimorbiden Patienten in der Praxis häufig auch dadurch beeinträchtigt wird, dass deren Gesamtmedikation nicht oder nur unzulänglich bekannt ist", erläutert Schröder. "Dann wird es nicht nur für die Patienten selbst, sondern auch für Ärzte und Apotheker schwierig, den Überblick zu behalten."

Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat 2012 in seinem Sondergutachten "Wettbewerb an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Gesundheitsversorgung" auf diese Schwierigkeiten hingewiesen.

Demnach sollte der behandelnde Arzt einen umfassenden Überblick über die Arzneimittelhistorie eines Patienten haben. Dazu gehören vollständige Angaben zu allen aktuell eingenommenen Arzneimitteln inklusive der freiverkäuflichen OTC-Medikamente sowie im Einzelfall auch früher eingenommene Medikamente.

Das ist geplant: Der Medikationsplan soll den Patienten zunächst ausschließlich in Papierform ausgehändigt werden, da entsprechende telematische Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte noch nicht zur Verfügung stehen.

Im Medikationsplan werden Wirkstoff, Handelsname, Stärke, Darreichungsform und Dosierung angegeben. Zudem sollen optional Hinweise zur Anwendung oder zum Grund für die Verordnung des Arzneimittels genannt werden.

Hausarzt erster Ansprechpartner

In der Regel wird der Medikationsplan vom Hausarzt erstellt. Nimmt ein Versicherter keinen Hausarzt in Anspruch, kann diese Aufgabe auch ein Facharzt übernehmen. Sobald es eine Änderung bei der Medikation gibt, muss der Medikationsplan aktualisiert werden.

Solche Aktualisierungen können neben dem Hausarzt auch Fachärzte oder weitere Einrichtungen der Versorgung wie Krankenhäuser sowie Apotheken vornehmen. Apotheken können auch Arzneimittel auf den Medikationsplan setzen, die ein Patient für die Selbstmedikation erwirbt.

Patienten, Angehörige, Pflegekräfte, Ärzte und Apotheker können die Vorteile eines Medikationsplans auf Papier zunächst bis 2018 nutzen; dann soll er auch elektronisch von der Gesundheitskarte abrufbar sein.

Regionale Unterschiede

Besonders häufig werden den WIdO-Untersuchungen zufolge Patienten im Norden und Osten der Republik sowie im Saarland einen Medikationsplan benötigen. Diese Verteilung weist damit große Parallelen zum Anteil älterer Personen unter den Versicherten auf.

Das kann damit erklärt werden, dass ältere Menschen häufig auf Multimedikation angewiesen sind. Somit ist auch der Anteil der Menschen mit einem Anspruch auf einen Medikationsplan in Regionen mit einem hohen Anteil älterer Versicherter besonders hoch.

Auch innerhalb der Regionen zeigen sich - wie beispielsweise in Bayern auf der Kreisebene - große regionale Unterschiede: Im vergleichsweise überalterten Landkreis Coburg - mit einem Durchschnittsalter seiner Einwohner von 45,5 Jahren - haben 30 Prozent der GKV-Versicherten einen Anspruch auf einen Medikationsplan.

In dem vergleichsweise jungen München (Durchschnittsalter: 41,8 Jahre) dahingegen nur 23 Prozent.

Weitere Infos unter: www.aok-gesundheitspartner.de (Webcode W232364)

Interview: Ein wichtiger Schritt für mehr Sicherheit

Machen genug Patienten mit, verbessert auch der Medikationsplan auf Papier die Arzneitherapiesicherheit, sagt Helmut Schröder aus der WIdO-Geschäftsführung.

Ärzte Zeitung: Ist der Medikationsplan überhaupt ein geeignetes Instrument, um die Sicherheit der Arzneitherapie zu verbessern?

Helmut Schröder:Ein Hauptziel besteht für die Patienten darin, dass zusammenfassend eine Information über alle aktuell angewendeten Arzneimittel in Papierform vorhanden ist. So kann sich der Patient beim Arzt, Apotheker wie auch bei der Stiftung Warentest über die Bewertung und eventuell bekannten Wechselwirkungen seiner Arzneimittel informieren.

Der Medikationsplan kann auch helfen, die korrekte Anwendung der Arzneimittel sicherzustellen, da er Dosierungen und entsprechende Hinweise für jedes Medikament umfasst.

Grundsätzlich gilt aber: Nur wenn viele Patienten ihren gesetzlichen Anspruch auch geltend machen, kann letztlich die richtige Anwendung flächendeckend verbessert werden.

Wo sehen Sie Optimierungspotenzial?

Der Medikationsplan allein liefert noch keine Antwort darauf, ob bei Patienten mit Multimedikation tatsächlich alle verordneten Medikamente im Einzelfall immer notwendig sind.

Ob ggf. Medikamente abgesetzt werden könnten, kann auch im Rahmen einer individuellen Pharmakotherapieberatung oder im Rahmen von Qualitätszirkeln geklärt werden. So verfolgt etwa die AOK in der Pharmakotherapie-Beratung einen kooperativen Ansatz.

Der WIdO-Bericht verweist auf regionale Unterschiede. Wie gravierend sind diese denn?

Prozentual gibt es besonders viele Anspruchsberechtigte im Norden und Osten der Republik sowie im Saarland und in Teilen von Rheinland-Pfalz. Das sind auch die Regionen mit einem hohen Anteil älterer GKV-Versicherten.

Gemessen an absoluten Zahlen werden nach unseren Abschätzungen die meisten Anspruchsberechtigten in den einwohnerstarken Regionen wie bei der KV Bayerns und der KV Baden-Württemberg zu finden sein. (Ebert-Rall)

[08.06.2016, 21:55:18]
Dr. Henning Fischer 
warum eigentlich wird im Gesundheitswesen alles per Gesetz aufgezwungen

anstatt Anreize zu setzen?

Motto: Peitsche ohne Zuckerbrot. Seit Seehofer.

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[08.06.2016, 14:35:45]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Medikationspläne für 20 Millionen kosten 900 Millionen € pro Jahr!
Unter
http://news.doccheck.com/de/133229/arzneimittelrisiken-alles-pille-palle/
schreibt Michael van den Heuvel als hochgeschätzter Fachautor zu medizinisch-naturwissenschaftlichen Themen und Fachjournalist Medizin mit dem abschließenden Zwischentitel:

(Zitat Anfang) "Reden wir über Geld"

Genaue Zahlen nennt derzeit niemand. Noch im Juni wollen die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband Regelungen zur ärztlichen Vergütung [beim Medikationsplan] vorstellen. Hermann Gröhe verpflichtet Apotheker zwar, Daten zu aktualisieren. Ein Honorar sieht er aber nicht vor. Doch welcher Obolus wäre für Health Professionals generell angemessen?

Experten veranschlagen als grobe Schätzung eine Minute Zeit pro zu erfassendem Medikament und eine weitere Minute für teils automatisierbare Interaktionschecks. Bei einem Patienten mit vier Rx-Präparaten und drei OTCs führt das zu etwa 15 Minuten für die einmalige Erstellung seines Medikationsplans. Pro Quartal kalkulieren Gesundheitsökonomen mit maximal fünf Minuten, um Änderungen zu erfassen. Das führt in Summe zum Zeitaufwand von etwa 30 Minuten pro Kopf und Jahr. Bei einem apothekerlichen Brutto-Tarifgehalt von 3.600 Euro pro Monat und 40 Wochenstunden ergeben sich 45 Euro pro Patient und Jahr für einen Medikationsplan. Angestellte Fachärzte kommen im Geltungsbereich des Tarifvertrags auf deutlich höhere Bruttogehälter. Setzt man 6.000 Euro und 42 Wochenstunden an, kostet jeder Medikationsplan mehr als 70 Euro.

Alle Abschätzungen unterliegen großen Schwankungen. Bleibt zu hoffen, dass der GKV-Spitzenverband und die KBV eine Honorarstaffelung entwickeln, die sich am tatsächlichen Aufwand orientiert. Apotheker haben davon aber nichts." (Zitat Ende)

In der Zwischenzeit könnte jede Apotheke, die das gute alte vertragsärztliche rote "Kassenrezept" nach GKV-Muster 16 zum Zwecke der elektronischen Abrechnung einsammelt, dies dem Patienten zusammen mit der Arzt-Signatur wieder zurückgeben - fertig wäre der papiergestützte Medikationsplan!

Nach einem von der Initiative ARZNEIMITTEL THERAPIESICHERHEIT in Deutschland öffentlich verbreiteten Medikationsplan mit 7 verschiedenen Generika-Präparaten, einem hoffnungslos unterdosierten Antibiotikum (hoffentlich nicht bei einer Virusinfektion!) und einem niemals doppelblind bzw. im “head-to-head” Vergleich geprüften Gelomyrtol mit unsinnig-absurder 3×2 Dosierung wirft dieser Mediplan zusätzliche formale und inhaltliche Probleme auf:
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/rezepte/article/910704/medikationsplan-patient-redet.html

Sieben Generika pro Quartal, morbiditäts- und leitliniengerecht bzw. evidenzbasiert für unsere GKV-Patienten verordnet, bedeuten je nach Marktlage bis zu a c h t u n d z w a n z i g verschiedene Verpackungen, Logos, Tabletten-Formen und -Farben, Herstellernamen oder Reimporte aus EU-Ländern in einem e i n z i g e n Behandlungsjahr.

Denn die Apotheken müssen ohne “Aut idem”-Kreuz i r g e n d e i n zu der Wirkstoffverordnung des Arztes halbwegs passendes Billig-Präparat heraussuchen, um ein fiktives Einsparpotenzial zu erreichen. Zugleich muss dann aber auch der Medikationsplan bis zu 28-mal im Jahr um- und neugeschrieben werden, weil jedesmal ein anderer, geheimer Rabattvertrag greift bzw. die Hersteller gar nicht immer liefern können!

Auf der beratungs- und versorgungs-fernen pharmazeutischen Suche nach tagesaktuellen Medikamenten-Höchstrabatten ist dies nichts weiter als ein “Medikations-Destabilisations-Management” (MDM) mit erhöhten Arzneimittelrisiken durch Verringerung von Compliance und Adhärenz bei unseren Patientinnen und Patienten.

Medikamente bzw. deren Umverpackungen und die verwirrenden Medikationspläne landen reihenweise im Haus-Müll, werden vorsorglich nicht eingenommen oder müssen kostentreibend mehrfach verordnet werden.

Wie gut,dass die “Versorgungs-Experten” von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV), Bundesärztekammer (BÄK) und Deutschem Apothekerverband (DAV) darüber mit den versorgungsnahen Patienten und Ärzten gar nicht erst wirklich gesprochen haben?
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/rezepte/article/910475/medikationsplan-aerzte-apotheker-einigen.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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