Ärzte Zeitung, 20.05.2010

Strukturierter Diskurs unter Ärzten sowie Leitlinien und Praxisbezug - das sind Erfolgsparameter der Qualitätszirkel

Die Qualitätszirkel-Struktur des Hausarztvertrags der AOK in Baden-Württemberg steht. Wie praktisch gearbeitet wird und was die Akzeptanz erklärt, beantwortet Professor Joachim Szecsenyi (AQUA-Institut und Uni Heidelberg).

Strukturierter Diskurs unter Ärzten sowie Leitlinien und Praxisbezug - das sind Erfolgsparameter der Qualitätszirkel

"Die Ärzte vergeben für die Qualitätszirkel die Noten gut bis sehr gut - das ist nicht zu toppen." - Professor Joachim Szecsenyi, Universität Heidelberg im Interview mit der "Ärzte Zeitung".
© Rüschhoff

Ärzte Zeitung: Professor Szecsenyi, Qualitätssicherung ist Bestandteil des HZV-Vertrags, vor allem durch Qualitätszirkel. Welche Note geben die Ärzte dem Qualitätsprogramm?

Szecsenyi: Gut bis sehr gut. Nehmen wir die Pharmakotherapie-Zirkel: Nach fünf Treffen haben wir über 8000 Bewertungen von teilnehmenden Ärzten und circa 1000 Bewertungen von Moderatoren. Nach dem sachlichen Ertrag geben die Ärzte die Note 1,8, die Moderatoren 2,1. Die Gruppenatmosphäre bekommt sogar die Note 1,4 - das ist kaum noch zu toppen.

Ärzte Zeitung: Wie groß sind diese Gruppen in den Qualitätszirkeln?

Szecsenyi: Im Durchschnitt knapp zehn Teilnehmer. Aber das streut; manche Gruppen haben bis zu 20 Teilnehmer. Die wollen wir verkleinern. Wichtig ist uns, dass wir nach einem dreiviertel Jahr mit 304 Qualitätszirkeln fast Flächendeckung erreicht haben.

Ärzte Zeitung: Wie hoch ist die Teilnehmerquote?

Szecsenyi: Im Moment sind 3000 Ärzte dabei. Die Teilnahmequote steigt und erreicht inzwischen 85 Prozent. Die Verpflichtung lautet, dass Ärzte an mindestens drei von vier Qualitätszirkeln teilnehmen - und das wird wahrgenommen.

Ärzte Zeitung: Nach welchem Prinzip funktionieren die Qualitätszirkel - was ist die Grundidee?

Szecsenyi: Man muss sein eigenes Handeln kritisch reflektieren. Ein gutes Prinzip ist der kollegiale Austausch. Dafür braucht man eine Struktur, deswegen müssen Qualitätszirkel einen Moderator haben. Es gibt nicht den Experten, der den anderen sagt, wie es gemacht werden muss, sondern jeder ist Experte seiner Praxis mit eigener Erfahrung.

Ärzte Zeitung: Nun gibt es auch anderswo Qualitätszirkel. Was ist das Besondere in den HZV-Zirkeln?

Szecsenyi: Wir geben den Ärzten anhand ihrer eigenen Verordnungsdaten ein Feedback. Sie sehen dann, wo sie stehen und welche Verbesserungsmöglichkeiten sie haben. Zweitens ist neu, dass wir Qualitätszirkelarbeit mit den Vertragsinhalten verbinden. Das heißt: Wir machen eine konsequente Implementierung von DEGAM-Leitlinien. Ein weiteres Konzept ist die kardiovaskuläre Risikoberatung mit dem ARRIBA-Werkzeug, einem speziellen Computer-Programm.

Ärzte Zeitung: Hat die AOK mitbestimmt, welche medizinischen Inhalte bearbeitet werden?

Szecsenyi: Wir legen großen Wert darauf neutral zu sein. Für uns geht es darum, dass wir Rohdaten über Arzneiverordnungen so aufbereiten, dass eine Praxis wirklich etwas damit anfangen kann. Die Ärzte müssen dem vertrauen können. Das heißt, wir geben dem Arzt eigentlich eine Informationsdichte und -tiefe, die die Krankenkasse nicht hat.

Ärzte Zeitung: Aber Sie müssen doch Themen finden und Schwerpunkte setzen. Wie funktioniert das?

Szecsenyi: Das muss natürlich auch mit dem Vertragspartner abgesprochen werden. Aber wir fragen auch die Moderatoren, welche Themen sie wichtig finden. Daraus entsteht ein Themenkatalog: beispielsweise zur Patientensicherheit, die vor allem bei der Pharmakotherapie von chronisch Kranken und multimorbiden Patienten ein Problem ist. Das ganze wird mit der DMP-Pflichtfortbildung verknüpft, damit die Ärzte Zeit sparen und gewinnen, Zeit haben, um Versorgung machen zu können.

Ärzte Zeitung: Und die Zertifizierung ist sichergestellt?

Szecsenyi: Ja, das ist wichtig. Denn sonst würden bei einem Arzt, der an den DMP für KHK, Diabetes und COPD teilnimmt, aus vier schließlich sieben Pflichtveranstaltungen. Von der Kammer ist das ohnehin zertifiziert. Für jede Veranstaltung gibt es drei oder vier Punkte.

Ärzte Zeitung: Wie groß ist der Zeitaufwand - einschließlich der notwendigen Vorbereitung?

Szecsenyi: Ein bis zwei Stunden braucht man schon, sich die Auswertungen der eigenen Praxis genau anzuschauen. Circa zwei Stunden erfordert das Qualitätszirkel-Treffen. Also 10 bis 15 Stunden pro Jahr sind nötig. Demgegenüber entfällt aber Zeit für DMP-Fortbildungen.

Ärzte Zeitung: Und was ist mit der Nacharbeit, etwa in der Literatur? Man wird doch sicherlich einige Arbeitsaufträge aus einem Zirkel mit nach Hause nehmen?

Szecsenyi: Ja, natürlich. Das muss auch ins Praxis-Management eingearbeitet werden. Zum Beispiel bei Patienten, die problematisch viele Arzneimittel bekommen. Da braucht die Helferin einen Hinweis, nicht ohne Weiteres ein Wiederholungsrezept auszustellen. Hier muss ein Beratungsgespräch eingeplant werden.

Ärzte Zeitung: Hat denn Qualitätszirkelarbeit messbaren Einfluss auf das Verordnungsverhalten?

Szecsenyi: Wir können das belegen. So wird zum Beispiel die Quote der Patienten, die Antibiotika erhalten, gesenkt; ferner werden mehr Mittel eingesetzt, die in der ambulanten Medizin präferiert werden. Aber Veränderungen sind nicht sprunghaft, auch nicht bei Einsparungen.

Ärzte Zeitung: Wann wird es harte Daten aus einer Evaluation geben?

Szecsenyi: Voraussichtlich im Jahr 2011.

Ärzte Zeitung: Das will natürlich auch der Gesetzgeber wissen.

Szecsenyi: Es muss dabei aber auch auf die Sichtweise der Patienten und der Ärzte ankommen.

Das Interview führten Wolfgang van den Bergh und Helmut Laschet

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