Ärzte Zeitung, 08.01.2015

Terminservicestellen

Ein Klotz am Bein der KVen

Neue Bürokratie produziert die große Koalition mit den Terminservicestellen. Das Wartezeiten-Management dürfte viele Kapazitäten bei den KVen binden.

Von Florian Staeck

Ein Klotz am Bein der KVen

Bis Patienten zum Arzt gelangen, ist meist warten angesagt. Die Regierung will durch Termineservicestellen die Wartezeit auf einen Termin verkürzen.

© Robert Kneschke / Fotolia

BERLIN. Der Sicherstellungsauftrag der KVen wird teurer: Das wird insbesondere an den umstrittenen Terminservicestellen deutlich, die von den Körperschaften eingerichtet werden müssen.

Sie sind gleichsam der Preis dafür, dass die SPD sich in den Koalitionsverhandlungen nicht mit dem Konzept der Bürgerversicherung durchsetzen konnte.

Als Antidot gegen die unterschiedlichen Wartezeiten bei GKV- und PKV-Versicherten blieb die Terminvermittlungsstelle als kleinster gemeinsamer Kompromiss übrig.

Noch viel Kopfzerbrechen

Doch dieser wird der Koalition und der Selbstverwaltung noch Kopfzerbrechen machen. Denn der Regierungsentwurf gibt nur einen Rahmen vor. Die verbleibenden Leerstellen auszufüllen wird Job der Selbstverwaltung sein.

Was fordert der Gesetzgeber? Bringt ein Versicherter eine Überweisung mit, muss die Servicestelle ihm binnen einer Woche einen Behandlungstermin verschaffen.

Die Wartezeit darf vier Wochen nicht überschreiten. Gelingt das nicht, muss die Servicestelle dem Versicherten einen ambulanten Behandlungstermin in einem Krankenhaus anbieten. Der bloße Hinweis auf die Behandlung im stationären Sektor reicht nicht.

Hier beginnen die Fragen: Wie erfährt eine Terminvermittlungsstelle von freien Kapazitäten in einer Klinik? Muss für die Behandlung Facharztstandard gewährleistet sein?

Gelten soll die Vermittlungspflicht ins Krankenhaus nicht bei "verschiebbaren Routineuntersuchungen und in Fällen von Bagatellerkrankungen".

Was ist eine "Bagatelle"?

Im Bundesmantelvertrag, der zwischen KBV und GKV-Spitzenverband geschlossen wird, soll geklärt werden, was eine "Bagatelle" ist. Das Vorhaben gilt als brisant und könnte den Einstieg in eine Priorisierung nach sich ziehen.

Unklar ist auch die Vorgabe, die Entfernung zwischen dem Wohnort des Patienten und dem vermittelten Facharzt müsse "zumutbar" sein.

Dabei, heißt es in den Gesetzeserläuterungen, muss nach der Facharztgruppe, nach der typischen Patientenklientel, die eine Leistung in Anspruch nimmt, differenziert werden - also beispielsweise gebrechliche Patienten.

Schließlich gilt auch die Art der Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln als Faktor, der über die "Zumutbarkeit" im Einzelfall entscheidet.

Der Gesetzgeber geht davon aus, dass die Etablierung der Servicestellen einmalig zwischen 13 bis 20 Millionen Euro kostet.

Bei "mittlerer Inanspruchnahme" der Vermittlungsstellen entstehen nach Regierungsmeinung bundesweit laufende Kosten in Höhe von 16 bis 20 Millionen Euro .

Doch wie viele Patienten werden kommen? Die KV Baden-Württemberg etwa geht von jährlich 15.000 bis 150.000 Patienten aus. Wie soll eine KV auf dieser Basis Personal vorhalten?

Kein Wunder, dass der Gesetzgeber die Möglichkeit eingeräumt hat, die Servicestellen in Kooperation mit den Kassen zu betreiben. Erst ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des VSG müssen die neuen Einrichtungen etabliert sein.

|
[09.01.2015, 07:40:49]
Carsten Windt 
nützlicher Einstieg in eine Zukunft der Reglementierung
Die Neuregelung kann Wartezeiten nicht abschaffen, dass würde nämlich bedeuten, dass das Gro der Ärzte nicht arbeitet und lieber auf dem Golfplatz rumläuft als Patienten zu behandeln.

Wartezeiten entstehen auch nicht weil es Privatpatienten gibt, zumal im Akutfall jeder eine Behandlung ohne Wartezeiten bekommt. Die Resource Arzt ist nunmal begrenzt und für Ihn hat der Tag auch nur 24 Stunden.

Nein die Terminvergabestellen werden scheitern, viel Geld kosten und letztlich das Problem in keiner weise lösen... Wäre da nicht die Chance in der Krise. Wenn man dem Problem nicht Herr wird, dann muss das System geändert werden.
Also Weg mit freier Arztwahl und auf keinem Fall darf es noch eine Zweitmeinung geben. Wir haben schliesslich die E-Card, da steht schon alles drauf und mehr braucht Arzt auch nicht..... zum Beitrag »
[08.01.2015, 13:54:49]
Dr. Rüdiger Storm 
Eine schöne Lösung
Die hübsche Kopfgeburt der Politik nimmt Fahrt auf, wie dort die Abläufe so sind, wird selbst bei offensichtlichen Unfug und viel Bürokratie das Ding nicht mehr gestoppt.

Versprochen ist versprochen.

Da sollten sich die Gesundheitspolitiker zu eine Pflichtpraxiswoche auf der Rettungsstelle anmelden, damit sie mitbekommen mit was für "schweren" Fällen diese jetzt schon überschwemmt werden.

So sollen also nun weitere in die Klinik zur ambulanten Versorgung geschickt werden. Wie diese auch immer geschehen soll. zum Beitrag »
[08.01.2015, 13:24:32]
Dr. Edmund Farrenkopf 
Terminservicestellen
Politischer Krampf ohne Ende. Die schwindende Zahl der Praxen, besonders auf dem Land, wird sich damit nicht ändern, somit auch die Kapazität der Praxen nicht. Inkompetente Politiker! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Wenn die Grillbürste zur Gesundheitsgefahr wird

Möglicherweise krebsauslösende Stoffe, die beim Grillen entstehen: Davon hört man oft. Von Drahtbürsten ist eher selten die Rede. Dabei ist die Bedrohung bedeutend akuter. mehr »

Je nach Alter andere Faktoren entscheidend

Bluthochdruck, Rauchen, Cholesterin und Co.: Es gibt viele Faktoren, die einen Herzinfarkt begünstigen. Doch je nach Alter schlagen sie unterschiedlich stark ins Kontor. mehr »

24 Stunden-Versorgung für die EM-Spieler

Wenn die Fans im Fußball der 12. Mann einer Mannschaft sind, dann sind die Ärzte der 13. Ein Team rund um Dr. Müller-Wohlfahrt kümmert sich darum, dass die EM-Fußballer auf den Punkt fit sind. Ein Einblick in ihren Alltag. mehr »