Ärzte Zeitung, 02.09.2008

GKV macht im ersten Halbjahr fast eine Milliarde Euro Verlust

Gesundheitsministerium rechnet für 2008 dennoch mit ausgeglichenem Ergebnis

BERLIN (ble/dpa). Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) hat im ersten Halbjahr ein Defizit von rund 940 Millionen Euro eingefahren. Für Kassen und Bundesregierung besteht wenige Monate vor dem Start des Gesundheitsfonds dennoch kein Grund zur Panik.

So rechnet das Bundesgesundheitsministerium für das Gesamtjahr 2008 mit einem ausgeglichenen Ergebnis. Grund dafür sind laut eines Berichts des Ministeriums zu erwartende deutlich höhere GKV-Einnahmen im zweiten Halbjahr durch Einmalzahlungen wie das Weihnachtsgeld sowie die weiter sinkende Zahl der Arbeitslosen.

"In diesem Jahr erwarten wir insgesamt ein ausgeglichenes Finanzergebnis", urteilte auch die Chefin des GKV-Spitzenverbandes Doris Pfeiffer. Nach vorläufigen Zahlen des Ministeriums stiegen die Ausgaben der GKV im ersten Halbjahr dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,7 Prozent auf 79,2 Milliarden Euro. Die Einnahmen lagen bei 78,3 Milliarden Euro.

Honorar der Vertragsärzte legt um 4,2 Prozent zu

Größter Ausgabenposten sind weiter die bundesweit 2100 Kliniken mit Aufwendungen in Höhe 26,7 Milliarden Euro (+ 3,7 Prozent), gefolgt von Arzneimitteln mit 14,4 Milliarden Euro (+ 6,4). Das Gesamthonorar der Vertragsärzte legte um 4,2 Prozent auf 11,9 Milliarden Euro zu. Darin sind die Ausgaben für Früherkennungsuntersuchungen, die um 7,5 Prozent in die Höhe schnellten, nicht enthalten. Der Anteil der Vertragsärzte an den GKV-Ausgaben liegt bei 15 Prozent.

Kassen geben mehr Geld aus
Veränderungen je GKV-Mitglied in Prozent 1. Halbjahr 2008 im Vergleich zum 1. Halbjahr 2007
  Bund
Leistungsausgaben insgesamt 4,5 %
Ärztliche Behandlung 3,5 %
Zahnbehandlung (kons-chirurg.) 0,3 %
Zahnersatz 1,5 %
Arznei- u. Verbandsmittel insgesamt 5,7 %
Häusliche Krankenpflege 12,4 %
Krankenhausbehandlung 3,0 %
Krankheitsverhütung/soziale Dienste 32,1 %
Krankengeld 7,5 %
Fahrkosten 8,1 %
Kuren und Rehabilitation 3,2 %
Verwaltungskosten 2,2 %
Beitragspflichtige Einnahmen 2,0 %  
Überschuß/Defizit in Mio. Euro - 944
Quelle: BMG/KV45, Tabelle: ÄRZTE ZEITUNG

Den größten prozentualen Anstieg verzeichneten die Statistiker bei den Ausgaben für Prävention und Rehabilitation. So stiegen die Ausgaben für Schutzimpfungen um 38 Prozent, für Mütter/Väter/Kind-Kuren um mehr als 20 Prozent.

Positiv ist weiter die Entwicklung auf der Einnahmeseite: Je Mitglied stieg das Beitragsaufkommen der Kassen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 2,9 Prozent. Gemessen an der Entwicklung der Grundlohnsumme, also ohne Beitragssatzsteigerungen der Kassen in diesem Jahr, lag das Plus bei zwei Prozent. Dies sei der stärkste Anstieg seit Mitte der neunziger Jahre gewesen, so der Bericht. Im ersten Halbjahr 2007 hatte der Grundlohnzuwachs nur bei 0,6 Prozent gelegen. Zum Juli zählten die Kassen rund 600 000 beitragszahlende Mitglieder mehr, gleichzeitig rund 430 000 beitragsfrei versicherte Personen weniger.

Laut Report ist auch die Entschuldung der Kassen auf einem "guten Weg". So hätten die Allgemeinen Ortskrankenkassen bereits in den ersten sechs Monaten dieses Jahres leichte Überschüsse erzielt, die sich in den kommenden Monaten weiter erhöhen sollen. Der weit überwiegende Teil der Kassen verfüge bereits über positive Finanzrücklagen.

Barmer-Chef geht von 15,5 Prozent Beitrag für Fonds aus

Für 2009 geht der Chef der Barmer Ersatzkasse, Johannes Vöcking, derweil von einem GKV-Beitragssatz von 15,5 Prozent aus. Derzeit beträgt der Durchschnittssatz 14,92 Prozent. In drei bis vier Jahren würden zudem voraussichtlich alle Kassen Zusatzbeiträge von ihren Mitgliedern nehmen müssen. Dies können sie künftig tun, wenn sie mit dem Beitrags- und Steuergeld aus dem Fonds nicht auskommen. Pfeiffer macht dafür höhere Arzthonorare, steigende Arzneimittelausgaben und mehr Geld für die Kliniken verantwortlich.

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