Ärzte Zeitung, 20.10.2008

Buchtipp

Fast alle Probleme der GKV sind schon mal dagewesen

Kaum ein Problem in der gesetzlichen Krankenversicherung ist neu. Es ist nur immer wieder etwas anders. Diesen Eindruck vermittelt das Buch "AOK Berlin - Von der Ortskrankenkasse zur Gesundheitskasse", das anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Krankenkasse erschienen ist.

Am konkreten Beispiel stellt Autor Jörg Becken die Entwicklung der Krankenversicherung in Bezug zu den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen in Deutschland. Manche Themen kehren dabei immer wieder.

Unter der Überschrift "Streit mit den Ärzten" schreibt Becken zum Beispiel über die Jahre bis 1913: "Bereits die ersten Jahre nach der Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung markierten unübersehbar ein großes Problem des Gesundheitswesens: seine immer wieder behauptete Unbezahlbarkeit."

Debatte um Fusionen? Gab es schon 1914

Ein weiteres Beispiel: Auch die aktuelle Forderung von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt nach einer Fusion der AOKen zu einer Bundes-AOK erscheint nicht neu, blickt man auf die Anfänge der AOK Berlin. Die Kasse entstand 1883 bereits durch eine Fusion mehrerer Sozialkassen, und fusionierte schon 1914 mit vielen weiteren Kassen.

Neben solchen historischen Vorläufern aktueller Diskussionen unterhält der Diplom-Dokumentar auch mit Geschichten, die die jeweils aktuellen Probleme verschiedener Epochen veranschaulichen, so etwa der Boykott der Berliner Krankenkassen gegen schlimme hygienische Zustände an der Charité im Jahr 1893. In der Weimarer Republik stand das Krankenversicherungssystem vor neuen Herausforderungen durch Massenarbeitslosigkeit, der Streit mit Ärzten verschärfte sich. Der Autor versäumt nicht, den Satz des Hartmannbundes über "ärztliches Kleinbeamtentum von Kassenvorstands Gnaden" in seinem Originalzusammenhang darzustellen.

Becken greift häufig auch auf Lebenserinnerungen von Ärzten, zeitgenössische Zeitschriftenbeiträge oder amtliche Bekanntmachungen und Statistiken zurück. Ergänzt um Fotos und Abbildungen von Originaldokumenten entsteht so ein lebendiges Bild deutscher Sozialgeschichte. (ami)

Jörg Becken: AOK Berlin. Von der Ortskrankenkasse zur Gesundheitskasse. Ein Stück gelebte Sozialgeschichte. Be.bra Wissenschaft Verlag, 2008, Berlin. 446 Seiten, 27,90 Euro.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBV drücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Auch mit Kind zügig möglich"

Eine Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »