Ärzte Zeitung, 16.06.2009

Ärzte-TÜV - Furcht vor Mobbing und Manipulation

Es waren nur ein paar Sätze des AOK-Vize Jürgen Graalmann beim Presseseminar in Bad Saarow: Der Aufschrei der Funktionäre kam, wie erwartet, prompt.

Von Helmut Laschet

Foto: Die AOK will mit dem Bewertungsportal den Aspekt der Qualität in der ambulanten Versorgung stärker in den Fokus rücken.

Foto: Nikolai Sorokin ©www.fotolia.de

Das "neue Baby", der "AOK-Arzt-Navigator", schaffte es am vergangenen Samstag in den Aufmacher der "Süddeutschen Zeitung" und auf jeden Fall, aufgeregte Reaktionen und Bewertungen zu provozieren, nicht nur von Ärztefunktionären, sondern sogar des Bundesbeauftragten für den Datenschutz. Dabei versicherte Graalmann, dass der Navigator, der erst noch entwickelt werden muss, im Unterschied zu bestehenden Bewertungsportalen manipulationsfrei funktionieren muss.

Eben das ist jedoch die Sorge der Ärztevertreter. Bundesärztekammer-Präsident Professor Jörg-Dietrich Hoppe: "Wenn die AOK tatsächlich mit einer eigenen Plattform diesen Weg beschreiten sollte, erweist sie den berechtigten Ansprüchen ihrer Mitglieder auf qualitätsgesicherte Information einen Bärendienst." Außerdem habe der im Internet anonym bewertete Arzt keine Möglichkeit, auf Kritik zu reagieren und Missverständnisse richtig zu stellen.

KBV-Sprecher Roland Stahl warnte vor einem digitalen Arztpranger. KZBV-Chef Jürgen Fedderwitz sieht das Risiko populistischer Ärzte-Hitlisten. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar sagte der "Süddeutschen Zeitung", die AOK müsse verhindern, dass Patienten "böswillige oder manipulierte" Bewertungen eintragen. Es bestehe die Gefahr von Kampagnen, mit denen Ärzte "hoch oder runter bewertet" werden. Mit Spannung erwartet der Datenschutzbeauftragte ein Urteil des Bundesgerichtshofs, mit dem über anonyme Bewertungen von Lehrern im Netz entschieden wird.

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel (SPD), sieht in dem Ärzte-TÜV eher eine Orientierungsmöglichkeit. Auch andere Krankenkassen, wie etwa die Techniker Kasse und die Barmer, halten es für interessant, die Patientenperspektive in die Arztbewertung einfließen zu lassen.

Arztbewertungsportale im Internet

Der Trend zu Arztbewertungsportalen im Internet hat in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts begonnen. Die Anbieter solcher Bewertungsportale, die oft mit Arztsuchdiensten kombiniert werden, sind bisher in der Regel private Unternehmen. Zu den bekannteren Anbietern gehören Topmedic, DocInsider, Imedo und Jameda.

Für Patienten ist die Arztbewertung denkbar einfach per Mausklick möglich. Bisher kranken die Portale allerdings daran, dass für viele Ärzte nur wenige Bewertungen vorliegen, so dass die Missbrauchsgefahr relativ hoch ist. So könnten zum Beispiel Ärzte versuchen, Konkurrenten schlecht zu bewerten - was nur schwer auszuschließen ist. Die Anbieter versuchen sich gegen Schmähkritik mit speziellen Filtern zu schützen. Bisher ist es noch nicht Standard, dass Praxen automatisch über Bewertungen informiert werden.

Ärzte können ihre Patienten, die zufrieden mit der Behandlung sind, auch als Unterstützung für das Praxismarketing bitten, auf die Portale zu gehen und positive Bewertungen abzugeben. Ihren vollen Wert können die Portale erst entfalten, wenn es einmal gängig werden sollte, nach dem Arztbesuch eine Bewertung im Internet abzugeben. (ger)

Lesen Sie dazu auch:
Ärzte-TÜV im Internet - Aufregung um AOK-Baby
Pro: Keine Scheu vor dem Vergleich!
Contra: Bewertungs-Fake im Internet

Lesen Sie dazu auch das Interview:
"Wir misstrauen Deutschlands Ärzten nicht"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zahl der Behandlungsfehler stagniert

Die neue Statistik der Bundesärztekammer liegt vor. Sie zeigt, wo die meisten Behandlungsfehler passierten und wie die Schlichterstelle meistens entschied. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »